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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-12-10 · 17 (10.12.1946) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
17 (10.12.1946)
Date
1946-12-10
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Verschmähte Propheten 1910 — Charles Peguy Der Antisemitismus entehrt ein Volk "Was sagten wir eigentlich im Falle Dreyfüss? Alles war gegen uns, die Weisheit und das Gesetz, ich meine die menschliche Weisheit, das menschliche Gesetz. Was wir taten, schien eher den Narren anzustehen oder den Heiligen, die der menschlichen Weisheit, dem menschlichen Auge so viele Aehnlichkeiten, so viele geheime Uebereinstimmungen bieten. Wir gingen, wir waren gegen die Weisheit, das Gesetz. Gegen die Weisheit der Menschen, die Satzungen der Menschen. Ich meine folgendes: Was sagten wir denn eigentlich? Die andern sagten: Ein Volk, ein ganzes Volk ist ein ungeheures Gefüge von Ansprüchen, von Rechten, von unveräußerlichen,, von .heiligen Rechten. Tausend^, Millionen von heben hängen davon ab, heute, gestern (und morgen, und in alle Zukunft). Millionen von Gehirnen, die sich eripnern und durch das Spiel der Geschichte, durch die Hinterlassenschaft der Geschichte sind sie zum Wächter gesetzt über gar nicht abzuschätzende Ansprüche; unveräußerliche Rechte, heilge, unzählbare Rechte.^Ein ganzes Volk von Familien; te, heilige, unzählbare Rechte. Ein ganzes Volk von Menschen, ein ganzes Volk von Familien; ein ganzes Volk von Rechten, ein ganzes -Volk von Ansprüchen und veräußerlichen berechtigten Ansprüchen, ein ganzes Volk von Heben; eine ganze Rasse; ein ganzes Volk von Gehirnen, die sich erinnern; die ganze Geschichte, alles Auf steigende, alles Emporstrebende, alles Vergangene, alles Zukünftige, alles, was ein Volk, was. eine Rasse verspricht; alles was unschätzbar, unberechenbar, unendlich kostbar ist, *veil es nur einmal da ist, nur ein einziges Mal gelingt,' ’ nie wieder noch einmal gemacht wird; weil es ein einmaliges Gelingen ist; ein Volk nämlich, und namentlich dieses Volk, das von einem einzigartigen Wert ist; dieses alte Volk;- ein Volk hat nicht das Recht, und es ist die erste, die strengste Pflicht eines Volkes, dies nicht alles der Gefahr auszusetzen, sich nicht selben der Gefahr auszusetzen um eines Marines willen, wer es auch sei, und wie berechtigt seine Ansprüche, wie einleuchtend seine Rechte auch sein mögen. Wie heilig selbst. Ein Volk hat niemals das Recht, Man gibt einen Staat. nicht, ein Staat gibt sich nicht um eines (einzigen) Mannes willen dem Untergang preis. Dies war zugleich die Sprache "des wahren Bürgersinnes und die Sprach^ der Weisheit, dies war die Weisheit selbst, die Weisheit der Antike. Dies war die Sprache der Vernunft. Unter diesem Gesichtspunkt war es augenscheinlich, daß Dreyfuß sieh für Frankreich opfern mußte; nicht nur für die Ruhe Frankreichs, sondern für die Wohlfahrt, das Heil Frankreichs, die er gefährdete. Und wenn er selbst sich nicht opfern wollte, dann konnte man unter Umständen gezwungen sein, ihn zu opfern. Und wir, was sagten wir? Wir Er sagte sehr betont und langsam: „Ich habe leider den Auftrag,' Sie auszuweisen!” Ich klammerte miph» an die Schreibtischplatte, weil mir schwarz vor den Augen wurde. Aber noch immer begriff ich nichts. „Sie haben sich nicht an die Vorschriften gehalten!” * „Aber wieso?” „Sie haben die Bedingungen außer Acht gelassen!” Seine Stimme wurde immer kälter. - „inwiefern? Ich bin mir absolut nicht bewußt —?” „Sie haben versucht, sich als Dienstbote zu tarnen. Leugnen Sie das?” „Aber das war doch keine Tarnung! Es ist doch die vorgeschriebene- Voraussetzung für meine Einreise!” „Sie geben zu, Schriftstellerin zu sein?’’ „Ich habe das nie geleugnet. Es sind doch Aerztinnen und Künstlerinnen, zu Hunderten ins Ausland gegangen und haben dort die erste Zeit als Hausangestellte gearbeitet — das weiß doch jeder, und es ist gestattet .... „Wollen Sie leugnen, daß Sie an ausländische Zeitungen geschrieben haben?” (Er nannte die beiden Blätter), „Ihr Vergehen wird als versuchter Einbruch in unsere Journalistik angesehen!” „Er wiederholte den Satz auf Deutsch und nun blieb er bei dieser Sprache. Das Ungeheure dieser Auffassung überwältigte mich. Stammelnd versuchte ich, ihn zu überzeugen,- daß ich der Ansicht gewesen sei, daß geistige-Arbeit überall erlaubt sei! sagten: Eine einzige Ungerechtigkeit, ein einziges Verbrechen, eine einzige Üngesetzlichkeit, vor allem dann, wenn sie öffentlich eingetragen, öffentlich bestätigt wird,, eine einzige Beleidigung der Menschlichkeit, eine einzige Beiei-, digung der Gerechtigkeit und. des Rechtes, vor "allem dann, wenn sie allenthalben, von einer ganzen Nation, als gesetzlich und in aller Gemächlichkeit hingenommen wird, ein einziges Verbrechen zerbricht den ganzen Gesellschaftsvertrag, genügt, ihn zu zerbrechen, den ganzen Bund der menschlichen Gesellschaft, ein einziger Frevel, eine einzige Ehrlosigkeit genügt, um ein ganzes Volk zu entehren in seiner Ehre zugrundezurichten. Dies ist eine krebsige Stelle, die den ganzen Körper verseucht. Was wir verteidigen, ist nicht nur unsere Ehre. Ist nicht nur die Ehre unseres'Volkes, jedoch hier und heute, Ist vielmehr die geschichtliche Ehre unserer ganzen Rasse, die' Ehre unserer Ahnen, die Ehre unserer Kinder. Und je tiefer sich unsere Vergangenheit erstreckt, um so weiter reicht unsere Erinnerung, zurück (und um so größer ist; wie man sagen könnte, unsere Verantwortung), und um so mutiger gilt es auch, diese Ehre liier und jetzt so zu verteidigen. Je tiefer die Vergangenheit sich hinter uns erstreckt, um so .mutiger (gerade) müssen wir sie so verteidigen, sie rein erhalten. Rein, wie ich es empfing, schenk ich* mein Blut zurück. Die£ war die Regel und die Ehre und der Trieb der Helden des Corneille, der alte Trieb des Corneille. Dies war die Regel und die Ehre und der Trieb der Christenheit. Ein einziger Makel beschmutzt eine ganze Familie. Beschmutzt auch ein ganzes Volk. Eine einzige Tat, brandmarkt die Ehre einer ganzen Familie. Eine einzige Tat brandmarkt auch die Ehre eines ganzen Volkes*. Ein Volk kann nicht Bestand haben in der Schmach, der erlittenen, der ausgeübten Schmach eines Unrechts, in einem Verbrechen, das es so feierlich, so endgültig auf sich genommen. Die Ehre eines Volkes ist nahtlos und aus einem Stück . . .” > * Die in ihrer Tiefe und Beredsamkeit großartige Proklamation gegen den Antisemitismus ist dem Buch „Notre Jeunesse” des katholischen französischen Dichters Charles Peguy entnommen, das bereits 1910 in Frankreich erschienen ist. (Die vorstehende Uebersetzung entstammt der Zeitschrift „Lancelot” — Der Bote aus Frankreich, Heft 3,1946). Charles Peguy, 1873 in Orleans geboren und 1914 gefallen, repräsentiert mit Henri Barbusse zusammen das literarische Frankreich der Epoche um den. ersten Weltkrieg. Peguy war ein überzeugter Katholik, Vorkämpfer eines idealistischen Sozialismus und spielte nach Zola und Anatole France insofern eine entscheidende Rolle in der berüchtigten Dreyfuss- Affaire, als es ihm gelang, einen großen Teil der akademL sehen Jugend Frankreichs für den Kampf um die Ehre ihres Volkes zu gewinnen. Seine wichtigsten dichterischen Werke sind „Le Mystere de la Charite de Jeanne d’Arc”, „Eve” un<J »Ees Tapisser'ies”. „Dies ist eben ein schwerwiegender Irrtum!” sagte er und begann, mir alles vorzuhalten, womit ich mich verdächtig gemacht haben, sollte .... Ich zwang mich, logisch zu erwidern: „Wenn Sie meinen Briefwechsel kennen, werden Sie sich ja überzeugt haben von der absoluten Harmlosigkeit dieser Briefe?” Er zuckte die Achseln. „Die Verdachtsgründe bleiben bestehen’’ ...... „Sie beherrschen die englische Sprache?” „Sie sind Jüdin?” ..... Ich deutete stumm auf das große „J” hin,. „Sie wissen, daß sich viele Nazis als Juden getarnt haben?” Er fuhr fort: „Sie konnten dadurch besser ins Ausland kommen und dort Spionage treiben -— —” Meine Hände verkrampften sich ineinander — ich begann allmählich zu begreifen, daß meine Lage hoffnungslos war! ....... Ich sah mich plötzlich auf dem Berliner Fremdenamt, als ich meinen Paß in Empfang nahm und der Beamte mir sagte: „Sie wissen, daß Sie nicht zurückkommen dürfen?” Wie drohend stand jetzt dieser Satz vor mir! ..... ..... Der Zug hält sehr häufig . . .Y. Dann kam eine Station, auf der wir den Zug verließen.Wir gingen durch die kleine Stadt zu dem Polizeirevier — — wir warteten -schließlich fuhr ein Polizei wagen vor. Die beiden Polizisten in Zivil übergaben mich zwei Kollegen in Uniform — wie gefährlich mußte ich doch sein. (Schluß folgt).

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