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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-12-10 · 17 (10.12.1946) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
17 (10.12.1946)
Date
1946-12-10
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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über erklärt habe, es sei schade, daß „Der Führer sein Programm der vollständigen Vernichtung der Juden nicht ganz zu Ende geführt habe”, erwiderte der Oberstaatsanwalt: „Es ist nach dem Gesetz keine Handhabe gegeben, gegen den Mann vorzugehen, deshalb. liegt keine strafbare Handlung vor. Die Bemerkung des Angezeigten ist eine geschmacklose Meinungsäußerung. Anklage kann nicht erhoben werden.” Am Tage der Hinrichtungder in Nürnberg Verurteilten wurde auf „'einem Hügel. bei Bielefeld die Hakenkreuzfahne auf Halbmast gehißt. Am 9. November 1946, am Jahrestag des fürchterlichsten Tages, den je, Menschen erlebt haben, wurden dem einzigen, in Herford wohnenden Juden sein Haus verunreinigt und sein Auto verbrannt. Die Jüdische- Gemeinde Hannover teilt unter dem 27. November 1946 mit: Auf dem soeben notdürftig durch die Stadtverwaltung wiederhergerichteten jüdischen Friedhof Strangriede wurden 12 Grabsteine gewaltsam umgeworfen. Außerdem wurden aus der Leichenhalle zwei Kronleuchter abmöntiert und die Fassungen gestohlen. Von den Tätern fehlt jede Spur. In Aschaffenburg wurde in der Nacht vom 20. zum 21. November der vor kurzem enthüllte Gedenkstein für die verbrannten Synagoge und die ermordeten Juden auf drei Seiten besudelt. ' Er wurde mit drei, etwa 1,20 Meter hohen Hakenkreuzen in Oelfarbe übermalt. Aus verschiedenen Städten und Ortschaften des Rheinlandes und "Westfalen wird berichtet, daß antisemitische Flugblätter verteilt worden sind. , Einige dieser Flugblätter liegen mir vor. Vor der am 9. November 1946 enthüllten Gedenktafel der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf machte ein Deutscher beim Lesen der Inschrift, die besagt, naß von dreitausendfünfhundert Juden fünfundfünfzig noch am Leben sind, die Bemerkung: „Schade, daß nicht auch die umgebracht worden sind.”. Eine Jüdin, die einem Polizeiwachtmeister die Sache sofort vortrug und bat, die Personalien des Mannes festzuhalten, erhielt von diesem Polizisten die Antwort, er könne seinen Platz nicht verlassen. Aus Frankfurt am Main wird berichtet, daß die dort vor mehreren Monaten aufgestellte Gedenktafel schon mehrfach beschmutzt und beschädigt wurde. Ich kann Ihnen, sehr verehrter Mr. Gollancz, .viele solcher und ähnlicher Fälle aufführen, ich bin aber nicht in der Lage, Ihnen auch nür einen einzigen Fall zu nennen, in dem ein Deutscher — abgesehen ‘von -denen, die ihren Antifaschismus Unter Beweis gestellt haben — einen dieser, heute noch existierenden, „nationalsozialistischen Helden” gemaßregelt hat. Und es kann doch heute, — weiß Gott — kein Deutscher mehr behaupten, daß er aus Angst vor der Gestapo oder der SS nicht einschreiten kann. Ich sage Ihnen das, um Ihnen,zu beweisen, daß bisher nichts geschehen ist, mm einmal beim deutschen Volk auf klärend in der Judenfrage zu wirKen, und zum anderenmal, um die Ehre jedes einzelnen Juden zu scnützen. Ich sage Ihnen das alles nicht, weil ich mich dagegen wehre, daß die an die deutsche Bevölkerung auszugebenden Kalorien erhöht werden sollen. Im Gegenteil, ich stehe auf dem Standpunkt, daß das Prestige der großen demokratischen Völker nur gehoben werden kann,, wenn man den Deutschen den Beweis der Hilfsbereitschaft liefert. . Ich gehöre zünden deutschen Juden, die zurückgekehrt sind, weil sie sich/am Aufbau eines wirklich demokratischen Deutschlands beteiligen wollen. Einer der Gründe, die für meinen Entschluß maßgebend waren, ist der, daß ich hoffte, daß Menschen wie Sie,.die.einen Einfluß auf die öffentliche Meinung der Welt haben, bei der Fundamentlegung dieses demokratischen Deutschlands mitarbeiten werden. Ich gehe, wie Sie, von dem Grundsatz aus, daß Menschen, die umgeformt Werden sollen, zunächst satt sein müssen, aber ich erachte es als selbstverständlich, daß man, vorerst alles daransetzt, um den ersten und letzten Opfern des Nationalsozialismus das Gefühl der Sicherheit und des Rechtes wiederzugeben. , * Ich weiß nicht, obes Ihnen bekannt ist, daß zum Teil der Standpunkt vertreten wird, daß es mit zu der Lösung der Aufgabe der Demokratisierung Deutschlands gehört, daß/in der Behandlung der Juden und der übrigen Deutschen kein Unterschied zu machen sei. Wir erklären uns nur allzu gern bereit, die Pflichten eines demokratischen Staatsbürgers zu übernehmen,, aber, — ist es da nicht mehr als recht und billig, — wenn wir voraussetzen, daß dieser. Uebemahme der Pf lichten zunächst einmal die Beweise einer materiellen und moralischen Wiedergutmachung vorangehen müssen, und wir dann auch in den Genuß der demokratischen Rechte eines Staatsbürgers kommen. Sie wie ich, Mr. Gollancz, — wir hatten eine jüdische Mutter, und dieser jüdischen Mutter sind wir es schuldig, daß wir dazu beitragen, auch ihre Ehre wieder zu retten. Ich habe in England Ihre Schriften kennengelemt, ich habe die Tätigkeit Ihres Verlages schätzen gelernt, und ich hatte, mit vielen Millionen Ihrer Leser, Gelegenheit, mich von Ihren Erfölgen und Fähigkeiten zu überzeugen. Ich bin sicher, daß Sie geglaubt haben, daß die Frage der in Deutschland befindlichen Juden in guten Händen liegt und gelöst wird. — Wenn so, dann haben Sie sich geirrt und müßten nun zeigen, daß Sie, der Victor Gollancz sind, " den wir in England kennengelernt haben. Und diesen Viktor Gollancz brauchen wir! K. Marx Herausgeber des „Jüdischen Gemeindeblattes” für die britische Zone. NEUES AUS ALLER WELT Erstes gesamtdeutsches Wiedergutmachungsgesete geplant München. (DPD.) Ein gemeinsames deutsches Wiedergutmachungsgesetz soll als erstes gesamtdeutsches Gesetz beim Länderrat der US-Zone eingereicht werden, erklärte Pr. Ph. Auerbach, der Staatskommissär für die Opfer des Faschismus im Land Bayern, einem Presservertreter gegenüber. Das Gesetz, heißt es in der Erklärung weiter, soll von den Militärregierungen aller vier Besätzungszonen direkt beim Alliierten Kontrallrat ratifiziert werden. Zu Besprechungen über das Wiedergutmachungsgesetz hat der bayerische Ministerpräsident, Dr. Wilhelm Högner, die Innenminister und Sachbearbeiter aller vier Besatzungszonen zu einer Tagung am 7. und 8. Dezember nach Tegernsee eingeladen. Die amerikanische Militärregierung hat die Entsendung von Rechtsberatern zu dieser Konferenz angekündigt. Außerdem werden wegen der besonderen Bedeutung dieser Tagung zahlreiche ausländische Gäste und politische Beobachter erwartet. ' . München. Ein. gemeinsames deutsches Wiedergutmachungsgesetz soll als erstes gesamtdeutsches Gesetz beim Länderrat der US-Zone eingereicht und vön den Militärregierungen aller vier Besatzungszonen beim Alliierten Kontrollrat ratifiziert werden. - ■ - . Berlin. Jüdischen Besitz zurückgebeh. Alle, die während der nationalsozialistischen Judenverfolgungen Möbel, Hausrat, Wäsche und Kleidung in Verwahrung genommen haben und bisher nicht zur Rückgabe auf gef ordert wurden, sollen diese Gegenstände der Jüdischen Gemeinde in Berlin übergeben. Diese Bitte richtet die Jüdische Gemeinde an die Berliner. Die zurückgegebenen Gegenstände, für die eine Quittung ausgestellt wird, sollen den Juden zur Verfügung gestellt werden, die heute noch in Not sind. Hannover. (DANA). Der vor kurzem wieder hergestellte Friedhof in Bothfeld, Kreis Haimover, wurde in einer der letzten Nachte zerstört und beraubt. 12 Grabsteine und eine Anzahl Gräber wurden geschändet und von der Leichenhalle wurden die Leuchter -und andere wertvolle Gegenstände geraubt. Laut DANA handelt es sich pm eine politische Aktion. Die Polizei sucht die Spur der Verbrecher. (Ing.)

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