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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-12-10 · 17 (10.12.1946) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
17 (10.12.1946)
Date
1946-12-10
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Rabbiner Dr. Alexander Car leb ach: Der Wiederaufbau des Geistes Langsam, Schrift tum Schritt, richtet sich das Judentum in Deutschland aus Todesschrecken und Ruinen wieder auf. Schritt um Schritt reorganisieren sich, die Gemeinden, werden die verwaltungsmäßigen Grundlagen geschaffen, um die materiellen Bedürfnisse all derer zu befriedigen, die lange Jahre gelitten und gedarbt haben, weil sie Juden waren. Der Geist der Verantwortung und Selbsthilfe .regt sich in allen Schichten der Judenheft Deutschlands und mit ihm geht der Geist der Einheit und Einigkeit, der in den provinzialen und zonal Körperschaften sich Ausdruck verschafft. Noch bedarf man der Hilfe der großen ausländischen und internationalen jüdischen Organisationen, die so brüderlich empfangen, wie sie geboten wird. Noch tut diese Hilfe bitter not. Sie wird jedoch genommen, als ein gerechter Tribut des jüdischen Volkes an seine leidenden Brüder, genommen von stolzen, selbstbewußten und selbstverantwortlichen Menschen. Nochaber richtet sich das Augenmerk der wiedererstahdenen, wiedererstehenden Gemeinschaften zu sehr auf das materielle, auf die Notwendigkeiten des täglichen Bedarfs. Noch ist leider der Moment nicht da, wo jeder Jude in Deutschland sein ehrliches Auskommen hat, und er sich das zum Leben notwendige erwerben kann. Und doch bleibt der alte Satz aus der Thora wahr: „Denn nicht vom Brot allein lebt - der Mensch, nein, von jeglichem, was aus SEINEM Munde fährt, lebt der Mensch.” (Deuteron 8,III.) Wir Menschen können nicht und wollen nicht auf die Dauer vom Brote allein leben, wir dürsten nach Besserem und Höherem, nach dem Wort und Geist, der aus Gottes Munde fährt. Dies ist nicht nur ein frommer Wunsch, sondern eine lebendige Tatsache, der 'ich in den wenigen Monaten, die ich unter Juden in Deutschlandjetzt zugebracht habe, fast täglich begegnet bin. Und wo der Durst nach dem geistigen und religiösen nicht zu existieren scheint, da muß man ihn wecken, ihm die Gelegenheit zur Betätigung ,und Entfaltung .geben. Wir dürfen uns nicht mit deutschen Juden oder gar Deutsch-Juden oder auch DP-Juden zufrieden geben. Wir", brauchen jüdische Juden, Juden, die aus ihrem Judentum ernst und' eine Sein- oder Nichtsein-Frage machen. Die Schmach des Hitlertums, die das Rassenjudentum und nach ihm das Paket- und Zuteilüngsjudentum geschaffen hat, dürfen die Juden in Deutschland nicht auf sich sitzen lassen. Wieder müssen aus isolierten ’ Judenexistenzen jüdische Familien werden, Familien und Häuser, der die Weihe des Sabbat, die Disziplin.der Speisegesetze, die Reinheit jüdischen Sexuallebens, den Stempel Gottes auf drückt. Erst wenn solche Häuser, Heimatstätten jüdischen Lebens, wieder entstehen, werden unsere Gemeinden und. Committees aus Wohlfahrts Veranstaltungen zu wahren jüdischen Kehilloth werden. Sie selber müssen das ihrige dazu tun, daß . Juden, ’ die jüdisch leben wollen, - alle. Institutionen zur Verfügung stehen, ohne die sich ein solches Leben nicht führen läßt. In allererster Linie jüdische Erziehung für Alt und Jung. Schechitä und Milah, sowie'die 'vielbelächelte aber bitter notwendige Mikve. Es war der Stolz der deutschen Jude*nheit der Vergangehheit, daß fast^überall diese Institutionen vorbildlich geschaffen und erhalten wurden. Mit welchem Rechte dürften wir heute die Nachfolge des einst so großen und bedeutenden Judentums in Deutschland in Anspruch nehmen, wenn wir es ve.rsäumen, diesen Titel uns zu verdienen? Wir sind uns der Schwierigkeit der geistigen Lage, des Ausmaßes unserer religiösen Armut und Anarchie wohl bewußt. Rom ist nicht in einem Tage erbaut worden und Jerusalem wird auch in einem 'Jahr nicht wieder erstehen. Aber der Anfang muß gemacht werden.' Wo Wille ist, , ist auch ein Weg. Noch fehlt es in Deutschland, bitter an Rabbinern, Lehrern, Schächtern und Mohalim. Wir dürfen nicht ruhen und rasten, bis man sie uns schickt und vieles kann auch an Ort und Stelle geschehen. Vor der Katastrophe stand das deutsche Judentum, obwohl klein an Zahl, geistig führend in der Frontlinie der Weltjudenheit. Diese Stellung muß und kann es wieder erobern, wie lange es auch dauern mag. „Siehe, Tage kommen, Wort des Herrn Gottes, da werde ich eine Hungernot ins Land schicken; nicht Hunger nach Brot und nicht Durst nach Wasser, sondern zu hören das Wort Gottes.” (Arnos 8, II). Offener Brief an Viktor Gollancz, London Sehr-geehrter Mr. Gollancz! . / ' Es gab eine Zeit, die noch gar nicht lange zurückliegt, in der ich als einer von. denen, dem England während des Krieges die Gastfreundschaft gegeben hatte, voller* Freude und Begeisterung ihre damals durchgeführte Aufklärungsarbeit verfolgte. Der Mut und die Aufrichtigkeit, mit der. Sie während des Krieges in England auftraten und führend mithalfeh bei den Veröffentlichungen der Verbrechen, die in Europa begangen worden sind, war ebenso bewundernswert wie die Schärfe, mit der Sie Ihre zahlreichen Gegner bekämpften. Wir deutschen Juden in England wußten, daß jedes in Ihrem Verlag erschienene Buch ein Helfer für die Juden war, oder ’ zumindest di# Menschenrechte verteidigte. Zusammen mit mir freuten sich viele tausend Emigranten im britischen Empire über Ihre Arbeit. Und Sie waren es, der vielen von uns den Entschluß zur Rückkehr nach Deutschland erleichterte, denn., so sagten wir uns, wenn wir solche führenden Männer haben, die für Wahrheit und Gerechtigkeit kämpfen, wenn ..solche Männer für uns nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus die Feder und das Wort ergreifen* dann können wir getrost in unsere frühere Heimat zurückkehren, denn dann ist die Gewähr dafür gegeben, daß dieser Heimat endlich die Begriffe: Demokratie und Humanität beigebracht werden. Wir hatten während ■ der Zeit der Existenz . des Nationalsozialismus nicht viele Männer des Auslandes, die, so wie Sie, an die Oeffentlichkeit getreten sind, und das gab uns, wie gesagt, Stärke und Vertrauen für die - Zukunft. Umso enttäuschter, sehr geehrter Mr. Gollancz, bin ich in diesem Augenblick. Sie haben eine Reise durch Deutschland gemacht. Sie haben sich davon überzeugt, daß das deutsche Volk hungert, und Sie haben sich entschlossen, Aufrufe zu erlassen, in denen Sie von Menschlichkeit, von Erbarmen reden, Sie sind an das englische Volk herangetreten, um es zu veranlassen, zu helfen, und Sie sind so weit gegangen, dem englischen Volk zuzumuten, auf besondere Weihnachtszuteilungen zugunsten der. Deutschen zu verzichten. Sie haben aber mit keinem Wort von der großen Not, die unter den Juden in Deutschland herrscht, berichtet, Sie haben dem englischen Volk, und damit der Welt, nichts erzählt' von den jüdischen Lägern in Deutschland, von den jüdischen Flüchtlingen des Ostens, von den Menschen, deren Qual auch heute noch nicht beendet ist, und die — trotz allem,— auch heute noch verfolgt werden. Wir konnten in keiner Ihpsr letzten Veröffentlichungen etwas davön finden, daß Sie bei Ihrer Reise durch Deutschland festgestellt haben, daß noch gar keine Rede davon sein kann, daß in Deutschland auch nur der Versuch gemacht wurde, die Ehre der Juden wieder herzustellen. Ich habe auch nichts gelesen davon, daß Sie, festgestellt haben, daß der Jude in Deutschland auch heute noch bis zu einem gewissen Teil Freiwild ist. Sie wären dazu in der Lage gewesen, wenn Sie beF Ihrem Besuch in Deutschland Gelegenheit genommen hätten, sich mit den Menschen zu unterhalten, die sich gefunden haben, um die jüdischen Institutionen wieder aufzubauen, damit den Juden geholfen werden kann. Diese Männer hätten Ihnen erzählt und bewiesen, welch grauenhaftes Elend heute, 1 y2 Jahre nach dem Zusammenbruch . des Nationalsozialismus, noch. besteht. Sie hätten Ihnen . Beweise bringen können für die große* seelische Not der Heimatlosen,, der Menschen, die zwölf Jahre gehofft haben, und die nun beginnen, die Hoffnung aufzugeben. Es wäre Ihnen aber auch bestimmt Gelegenheit .gegeben'worden, sich davon zu überzeugen, daß heute in Deutschland ungestraft Juden beleidigt werden dürfen. Es wäre Ihnen nicht gelungen, auch nur einen einzigen Nachweis dafür zu erbringen, daß deutsche Mensehen von sich aus gegen ihre Landsleute, die sich auch heute nicht scheuen, die nationalsozialistische Ideologie zu vertreten, wirklich Stellung genommen haben. Und da Sie das versäumt' haben, sehr geehrter Mr. Gollancz, darf ich Ihnen einige wenige Fälle aus der Fülle des mir vorliegenden Materials vortragen: Auf eine Anzeige der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, in der bewiesen wurde, daß ein Deutscher einem Juden gegen-

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