Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 16 (27.11.1946)
- Date
- 1946-11-27
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Pie überlebenden Juden Von Fritz Eschen Heber die1 Lage der Juden in Deutschland und besonders in Berlin bestehen in der übrigen deutschen Bevölkerung und auch im Auslande völlig falsche Vorstellungen. Während man es für selbstverständlich hält, daß es den Juden — dg. sie ja am längsten und schwersten unter dem nationalsozialistischen Regime Zu leiden hätten — nach ihrer Befreiung durch die alliierten Mächte jetzt gut gehen müsse, liegen die Dinge in Wirklichkeitso, daß für die wenigen Ueberlebenden die Vergangenheit noch längst nicht Vergangenheit ist. Weder die Behörden noch die Bevölkerung — mit Ausnahme einer sehr dünnen Schicht — haben überhaupt begriffen, wozu sie tief verpflichtet „sind. Etwas zu fordern — und sei es auch noch so berechtigt und noch so wenig — wagt von den Juden keiner mehr, dennein ernsthaftes Interesse .an ihnen ist überhaupt nicht zu spüren. Wie die Erfahrung leider gelehrt hat,' werden sie sogar meist als lästig und aufdringlich empfunden. Die offiziell angekündigte Hilfe hat bisher überhaupt noch nicht eingesetzt. Die maßgebenden deutschen Behörden versuchen meist die Fragen der Juden einfach zu Umgehen, indem sie sagen:. „Juden? Für uns seid ihr wieder Deutsche mit allen Rechten.” Die Juden sollen sich also freuen, wieder in die deutsche Gemeinschaft auf genommen zu sein und die durch den Hitlerkrieg verursachten heutigen Leiden der deutschen Bevölkerung teilen zu dürfen, obwohl sie bereits zu einer Zeit im Namen des deutschen Volkes verfolgt wurden, als es der Mehrheit der deutschen Bevölkerung — dank .der skrupellosen nationalsozialistischen Politik dem Ausland und gerade auch den Juden gegenüber —• recht gut ging. Sie sind also „in Gnaden auf genommen” und. dürfen wieder mitmachen und mitleiden. Hierfür reichen jedoch ihre Kräfte nach den. zwölf Jahre langen* keinem Außenstehenden auch nur annähernd begreiflich zu machenden Verfolgungen einfach nicht mehr aus. Bis zum heutigen Tage haben sie noch keine Atempause gehabt, und der. nach dem deutschen' Zusammenbruch sofort einsetzende Existenzkampf, mußte , von ihnen mit erschöpften Kräften, aus dem. Nichts heraus und mit nichts — da man ihnen ja alles geraubt hatte —, aufgenommen werden. Für die alliierten Behörden sind die Juden ebenfalls., nur .Deutsche, und sie werden im allgemeinen auch als solche, also als Besiegte, behandelt., „Wenn ihr in Deutschland leben Wollt”, so wurde mehrfach Von. alliierter Seite offiziell und inoffiziell gesagt, „so habt ihr gewählt und müßt es euch gefallen lassen, daß alle für Deutschland geltenden Befehle und Gesetze der alliierten Militärregierung auch auf euch' . angewendet werden.”* Man sollte jedoch bedenken, daß . es Zunächst nur einer relativ kleinen Anzahl« vön Juden möglich sein wird, die -ihrer Auswanderung , entgegenstehenden Schwierigkeiten in absehbarer Zeit, wenn überhaupt, zu überwinden, während einem sehr großen Teil von ihnen eine Auswanderung überhaupt nicht mehr möglich sein wird'. Die Juden haben trotz allem, was man ihnen angetan hat, nach ihrer Befreiung durch die Alliierten jm Ueberschwang ■ Ihrer Freude versucht, kein Haßgefühl gegen ihre deutschen Mitbürger auf kommen zu. lassen, angesichts, der ungeheuren Katastrophe, die das deutsche Volk auf sich selbst heraufbeschworen hat. Ihre nunmehrigen „Volksgenossen” sorgten jedoch dafür, daß ihr Mitgefühl und der Wunsch zu helfen sehr schnell erstickt wurden. Die Erfahrungen, die sie seit dem Zusammenbruch . des Nationalsozialismus machen mußten, brachten , sie dazu, sich dem deutschen Volke gegenüber fremder denn je zu fühlen.. Ueberall treffen sie entweder auf Verständnislosigkeit oder mangelnde* Bereitwilligkeit sowohl bei den deutschen Behörden als auch bei dem Teile ihrer Mitbürger, der in der Lage wäre, ihnen beim Wiederaufbau ihrer Existenz zu helfen, und die Beobachter der ausländischen Organisationen bekommen nur das zu sehen und zu hören, was den Vorführenden recht erscheint, so daß die Uebelstände nicht etwa auf gedeckt oder gar beseitigt, sondern nur verschleiert werden. Um die dringend nötige Abhilfe zu schaffen, sei folgendes vorgeschlagen: die alliierten Behörden mögen bedenken, daß die deutschen Juden und ihre nichtjüdischen Familienangehörigen — mögen sie -früher noch so „national” empfunden haben — in den Jahren ihrer Verfolgung ausnahmslos erbitterte Gegner des Nationalsozialismus gewesen sind. Jeder einzelne von ihnen, wirkte im Kriege als Verbündeter der Alliierten, "auch wenn sein Beitrag 'vielleicht nur in „Flüsterpropaganda”, bestand. Sehr viele Juden haben ihre Propaganda gegen den Nationalsozialismus mit dem Leben bezahlen müssen. Es ist darum falsch, sie als Besiegte zu behandeln und ihnen Lasten aufzuerlegen, die zu tragen sie hicht verdient haben. Es ist heute leider Tatsache, daß es vielen „entnazifizierten” Pgs besser geht als der Mehrzahl der deutschen Juden. Darum richten, sie die Bitte ah die, alliierten Behörden, ihnen durch eine klare Gesetzgebung zu der menschlichen und sozialen Freiheit zu verhelfen, die sie zwölf lange Jahre entbehren mußten. Die Fürsorge' für die .Juden müßte den deutschen Behörden, da sie nachweislich Versagt, haben, aus den Händen genommen werden; dagegen sollten die alliierten Behörden innerhalb ihrer Regierungen ein Departement für Juden bilden, in dein hierzu besonders berufene Beamte' über jüdische Fragen zu entscheiden hätten. .- - Im Gegensatz zu der bisherigen Praxis, die überlebenden Berliner Juden in „KZ-Angehörige”, „Illegale” „Sternträger” oder „Privilegierte” zu klassifizieren, sollten sämtliche -RasSeverfolgten, unabhängig von ihrem religiösen Bekenntnis, ein Recht auf Hilfe haben. Nach den Angaben der Berliner städtischen Behörden scheiterte die schon sq oft .angekündigte Wiedergutmachung bisher daran, daß keine •Mittel zur Verfügung standen. Die nationalsozialistische Regierung hat den vertriebenen Juden, den gemordeten Angehörigen und den Ueberlebenden Milliardenwerte geraubt, die in den verschiedensten Formen den Nutznießern und Mitläufern dieses Systems zugute kaben. In Berlin leben jetzt ungefähr höchstens noch zehntausend deutsche Juden. Die Mittel, die nötig sind, um ihnen .und ihren Angehörigen sowie den Hinterbliebenen der Gemordeten einen einigermaßen gesicherten Neuaufbau ihrer Existenz und. den Alten und Kranken unter ihnen einen von Sorgen nicht allzusehr beschwerlichen Lebensabend zu sichern, stellen in jedem Falle nur einen geringen ’ Bruchteil dessen dar, was im Namen des deutschen Volkes den Juden geraubt worden ist. / - Weder die' alliierten Regierungen noch die. deutschen Behörden sollten fernerhin übersehen, daß die Juden durch den Nationalsozialismus, weitaus die größten Opfer an Leib- und Gut gebracht haben, und daß es keinen von den wenigen Ueberlebenden gibt, der nicht für sein ganzes Leben innerlich und äußerlich gebrandmarkt wäre. Die Hilfe ist dringend, damit nicht das zur Wahrheit wird, was man den Juden bereits wieder mehr oder minder offen zu verstehen gibt: ,-,Schade, daß sie Picht alle umgekommen sind . . .”; . . („Der Tagesspiegel” Berlin). Diese Ausführungen, des Herrii Eschen dürften Anlaß zü Aussprachen bieten. — Wir bitten um Stellungnahme. Die Redaktion. Ausländische Pressestimmen! Die Juden in Deutschland ,,. . . . Niemnad will sie. Sie sind immer noch zü Tausenden in der Nähe von Belsen, unglückliche Menschenmengen, die unter Hitler zu leiden hatten oder aus der russischen Zone hereinfluteten. - . Sie sind nicht die klügsten oder gelehrtesten Juden, jene wurden von Hitler hingemordet, sie sind die Reste der Rasse. Sie möchten nach Großbritannien, Frankreich, Amerika oder Palästina auswandern. Aber ich kann mir leider nicht vorstellen, was diese armen, geschlagenen Menschen ihrem zukünftigen Adoptiönsland bieten könnten.. Selbst Palästina braucht tapfere, zähe Kolonisten. Einer ihrer Führer sagte mir in bitterem Ton, Hitler hätte besser daran getan, die ganze Sache richtig zu beenden. Vor einigen Tagen besuchte der Chef-Rabbiner der britischen Armee, B.A.O;R. dieses Lager anläßlich des Jüdischen Neujahr-Festes. In der Mitte dieser Unglücklichen nahm er die Parade ab von einer Spezial-Formation, der Jüdischen Brigade. Mir würde erzählt, daß diese Zeremonie-die Stimmung dieser .Unglücklichen enorm hob. Sie ermutigte die Menschen, die mit der Leitung des Lagers beauftragt sind, ihre Aufgaben weiter durchzuführen. Ich kenne die politische Antwort auf dieses Problem nicht Ich weiß nur, daß es 3 000 000 000 Menschen auf dieser Erde gibt und es sollte doch wohl im Bereich der menschlichen Intelligenz und des Mitleids liegen, 1 000 000 ihrer verfolgten Mitmenschen die Tore der Freiheit zü öffnen.” . (Daily Mail, London).