Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 15 (9.11.1946)
- Date
- 1946-11-09
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Warum wanderten die Juden nicht rechtzeitig aus? Die Einwanderungsbestimmtingen der einzelnen Länder waren vor dem zweiten Weltkrieg von Jahr zu Jahr zunehmend schwerer geworden. 1933 konnte man noch leichter auswandern. Das Reich war noch nicht dazu übergegangen, aus der Auswanderung der Juden ein - Geldgeschäft zu machen und ließ die Auswanderung in verhältnismäßig humanen Formen vonstatten gehen. Eine große Zahl von Juden konnte sich zu einer Auswanderung trotzdem nicht entschließen. Vielleicht hätte keiner gezögert, wenn er gewußt hätte, was uns ^wirklich bevorstand. Aber wer wußte das? Es spricht nicht gegen die Juden*- daß sie sich von all den Grausamkeiten,. die über sie ergehen sollten, nicht die richtige Vorstellung gemacht haben. Sie glaubten an Recht und Gesetz und .hatten wohl rechnen können, daß man sie entsprechend der nationalsozialistischen Theorie aus manchen Berufen herausdrängen würde; daß man aber Menschen so rechtlos machen könnte, .wäre uns allenein Beweis für finsterstes Mittelalter gewesen, und an dies zu glauben, das wagte niemand im 20. Jahrhundert. Wir bauten auch auf das Wort des Reichspräsidenten von Hindenburg, der in den ersten Februartagen 1933 die Vertreter der jüdischen Organisationen aller Richtungen bei sich empfing und ihnen die beruhigend klingende ‘ Versicherung gab, daß er niemals der Schmälerung der Rechte eines Menschen zulassen würde, der unter seinem Befehl deutscher Soldat gewesen ist. Aber Hindenburg starb sehr bald, und niemand war da, der zu dem Worte stand, das er als Reichsobgrhaupt gegeben hatte. Aber letzten Endes war ja auch der Wille zur Auswanderung gar nicht so stark, wie es hetfte vielfach behauptet wird. Gewiß, 'mancher wollte auswandem und konnte es nicht, weil er diese oder jene Voraussetzung nicht zu erfüllen in der Lage war. Aber viele konnten auswandem und wollten es nicht. Sie wollten in dem Lande bleiben, dessen Sprache sie sprachen, dessen „Kultur sie liebten, mit dessen Menschen sie verbunden waren und zu denen sie sich in schwerer Zeit stets bekannt haben. Sie haben im Weltkrieg für Deutschland gekämpft und geblutet, sie haben nach dem Weltkrieg in den abgetretenen Gebieten große persönliche Opfer für Deutschland gebracht; Man soll nie vergessen, daß es beispielsweise in Posen die Juden waren, die die Fahnen des Deutschtums 1918 hochgehalten haben, und daß es fast nur deutsche Juden waren, die dort in die polnischen Konzentrationslager (diese Konzentrationslager hatten mit denen des Dritten Reiches nur die Bezeichnung gemein) wandern mußten. Man soll heute zurückblickend nicht annehmen, daß diese Zeit etwafrei von Enttäuschungen war. Man denke nur an die üble Judenstatis^ik während des Weltkrieges und ihre Verfälschung durch General von Wrisberg, der der späteren antisemitischen Propaganda der Goebbels und Konsorten bewußt damit Material in die Hand spielte, daß er erst einmal behauptete, 11 Prozent der jüdischen Soldaten haben sich auf Druckposten hinter der Front befunden, was er dann am nächsten Tage auf' 1,1 Prozent als „Schreibfehler” berichtigen mußte. Und so erklärt es sich nicht zuletzt, daß . v von 1933 bis 1939 in keinem einzigen Jahr die Einwanderungsquote voll ausgenutzt worden ist, die Deutschland und damit den deutschen Juden für die USA zur Verfügung stand. - Es War jedenfalls schwerer, auszuwandem, als der Außenstehende annahm, und mancher wohlmeinende „Arier”, der einem so gern die Frage vorlegte: . „Warum wandern Sie eigentlich nicht aus?” ahnte gar nicht, wie dieser Weg in die Freiheit mit Domen und Disteln gepflastert war. So kam es, daß der Wille,zur Auswanderung vielfach erst dadurch erhöht werden konnte, daß der Druck auf die Juden immer mehr verstärkt wurde. Es gab Schikanen über Schikanen. Man kann sie heute gar nicht mehr alle aufzählen. Der Jude war rechtlos und wurde von Monat zu Monat rechtloser. Die Bespitzelungen durch die Behörden und Partei nähmen zusehends zu, die letzten Rechte der Freiheit waren aufgehoben, die Betätigungen, in Beamtenstellen, in Kunst und Kultur waren schnell unmöglich gemacht Aber auch der Ausschluß der Juden aus dem Wirtschaftsleben wurde immer drückender. Selbständige jüdische Geschäfte gab es nach 1938 überhaupt nicht mehr, alle ihre Unternehmungen wurden „arisiert”. Der Jude selbst wurde einem Arbeitseinsatz unterworfen, wie er drückender nicht denkbar war. Männer und Frauen, jung und alt, wurden zur Fabrikarbeit gezwungen, und gleichzeitig mit den erhöhten körperlichen Anstrengungen wurden die Essensrationen verkürzt. Die Rationierung der Lebensmittel wurde bei den Juden besonders scharf durchgeführt. Fleisch, Butter, Eier, Gemüse, - Käse erhielten sie überhaupt nicht. Die Benutzung der Verkehrsmittel war ihnen untersagt, wenn zwischen Arbeitsstätte und Wohnung ein Weg von nicht mindestens 5 Kilometer war. Ein großer Teil der jüdischen Arbeiterschaft mußte also den Weg zur Arbeitsstätte bei mangelhafter Ernährung zu Fuß zurücklegen. Eine Umgehung dieser Bestimmung, die zum Gastod im KZ geführt hätte, war durch den Judenstern unmöglich gemacht. Dabei mußte man sich noch davor hüten, krank zu werden. In den letzten Jahren bedeutete auch eine kurzfristige Krankmeldung meistens den Tod, denn wer der Gestapo als „wiederholt krank” gemeldet war, galt als nutzloser Esser und wurde zu den nächsten Transporten eingetcilt, die die Masse von ihnen nach Polen , und Schlesien in die Lager brachten, die heute als die großen Vernichtungslager bekannt sind. , - •Man spricht heute oft davon, daß die arische Bevölkerung all dies leichten Herzens gebilligt habe. Man spricht viel von der Kollektivschuld, die jeder Deutsche an diesen Verbrechen hatte. Man sollte aber mit' derartigen Feststellungen doch vorsichtig sein, denn wohl jeder Jude hat Fälle erlebt, in denen sich seine christlichen Mitbürger wahrhaft christlich seiner angenommen haben und im Kleinenzu helfen versuchten, wo im Großen nicht zu helfen war. Gerade hier erwies sich, daß die lärmende Goebbels-Propaganda doch eine schlechte Propaganda gewesen ist. Sie hetzte die auf, die schon verhetzt waren; sie hetzte manchen auf, der. indifferent j^wesen ist. Aber sie machten keinen zum Antisemiten, der vorher den Antisemitismus abiehrite, wobei natürlich nicht abgeleugnet werden kann, daß es auch da Konjunkturritter gegeben hat. Vielleicht interessiert in diesem Zusammenhang eine kleine persönliche Erinnerung. Am 31. Januar 1943 (!) war ich Gast in dem Hause eines aktiven städtischen Beamten aus Anlaß einer Familienfeier zum Nachmittagskaffee und zum Abendbrot. In dem großen Kreis, der sich zusammengefunden hatte, war ich der einzige Jude, und im Laufe einer politischen Unterhaltung wurde mir die Frage gestellt, ob ich nicht auch die Tüchtigkeit von Goebbels als Propagandaminister bewundere. Ich antwortete darauf: „Goebbels ist ein schlechter Propagandist”. Allgemeines Erstaunen. „Ich biete mich Ihnen seihst als Beweis an.” Alles sah mich fragend an. Ich fuhr fort: „Wenn ich heute im elften Jahre des Dritten Reiches hier in diesem Hause, und in diesem Kreise zum Kaffee und zum Abendessen weilen kann, kann die Goebbels-Propaganda nicht gut sein.” Unter stürmischer Heiterkeit stimmte man mir auch zu. Gewiß, man hätte politisch klüger verhindern müssen, daß es jemals so weit kam, und wenn jeder in dieser Hinsicht vielleicht mitschuldig sein mag, es. wäre ungerecht und unberechtigt, nun jedermann für das verantwortlich zu mar chen, was sadistische Gehirne und sonstige Abnormitäten sich nachher ausdachten. Letzten Endes ist es nicht zu be-* streiten, daß wir Juden selbst erst sehr spät erfahren haben, was wirklich geschah. Die Vergasungen von Auschwitz, die anderen Schandtaten in den Todeslagem von Mauthausen, Meidanek, Ravensbrück und Buchenwald hielten wir beispielsweise im Lager Theresienstadt nur für* Gerüchte, ja, sogar maßlos aufgebauschte Gerüchte. Was beispielsweise wirklich in Auschwitz geschehen war, erfuhren wir in Theresienstadt authentisch erst im Frühjahr 1945, als einige wenige Ueberlebenden nach der Auflösung Von Auschwitz zu uns zurückkamen. Man wird im Interesse einer gerechten Beurteilung seiner Mitmenschen sachlich sein müssen und sachlich sein wollen. Kein Schuldiger soll straflos ausgehen, aber kein * Unschuldiger darf mit Schuld belastet werden. Und im Sinne einer künftigen Beruhigung der Gemüter wäre hier mehr Objektivität dringend am Platze. Oscar Goetz.