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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-11-09 · 15 (9.11.1946) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
15 (9.11.1946)
Date
1946-11-09
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Das Schicksal der Juden Rabbiner fernstem auf einer Pressekonferenz Auf einer Pressekonferenz, die aus Anlaß des Besuches des amerikanischen Unterstaatssekretärs Peterson in München stattfand, schilderte Rabbiner Philipp Bernstein, der Berater General McNarneys in jüdischen Angelegenheiten, die Lage der überlebenden Juden in Mitteleuropa. Er sprach sich dafür aus, die deutschen und die österreichischen Juden als Alliierte anzuerkennen, da sie die ersten Opfer des Nationalsozialismus gewesen seien und stets für* die demokratischen Freiheiten gekämpft hätten. Die Versorgung durch die UNRRA und andere private Hilfsorganisationen müsse auch auf sie ausgedehnt werden. Wie Rabbiner Bernstein weiter berichtete, hat der amerikanische Kongreß hundert Millionen Dollar für die insgesamt achthunderttausend Verschleppten in den ' amerikanischen Besatzungszonen Deutschlands und Oesterreichs zur Verfügung gestellt. Unter ihnen befinden sich' 163 OOO-Juden, von denen 133 000 in Deutschland, die übrigen in Oesterreich in Lagern untergebracht sind. Der Zustrom der aus Pofen flüchtenden jüdischen Bevölkerung sei zwar im Abflauen, jedoch würden voraussichtlich bis Jahresende noch weitere zehntausend Personen in die amerikanische Zone einreisen. Rabbiner Bernstein betonte ausdrücklich, daß keiner der jüdischen Verschleppten in Deutschland zu bleiben beabsichtige, sondern» alle so schnell wie möglich weiter zu wanaem wünschten. Verhandlungen mit Frankreich und Italien sollen es den Juden ermöglichen, bis zu ihrer endgültigen Auswanderung vorläufig in diesen Ländern zu bleiben. Ueber die Möglichkeiten zur Einwanderung in die Vereinigten Staaten befragt, wies Rabbiner Bernstein auf die feststehenden Einwanderungsquoten für die Staatsangehörigen der einzelnen Länder hin. Während die Zahl der überlebenden deutschen Juden so gering sei, daß das für deutsche Staatsangehörige bestimmte Kontingent durch sie nicht erschöpft werden könne, sei das für polnische Staatsangehörige zur Verfügung stehende Kontingent viel zu klein und daher für die zum größten Teil aus Polen stammenden Juden praktisch wertlos. Nach Ansicht Bernsteins könnten die Vereinigten Staaten sofort hundert- bis einhundertfünfzigtausend jüdische Verschleppte aufnehmen, ohne daß dies die amerikanische Volkswirtschaft stören würde. „Wir wollen dabei nicht übersehen’*, sagte Rabbiner Bernstein, „daß die Emigranten hervorragend an der Entwicklung 'Amerikas beteiligt wareta.” Unterstaatssekretär Peterson bezeichnete die Lage der verschleppten Personen als eines der dringendsten Probleme der amerikanischen Militärregierung. ‘ „Ich besuchte in Wien das Rothschild-Lager für die aus Polen einwandemden Juden und hatte den besten Eindruck von der dort geleisteten Arbeit. Die Moral der dort lebenden Menschen, ist gut und die Fürsorge seitens der Armee befriedigend”, sagte er. Von etwa dreitausend Insassen des Lagers für jüdische Verschleppte in Feldafing arbeiten nach Angabe von Peterson etwa fünfzehnhundert ständig in den verschiedensten Berufszweigen. Audi mit der Selbstverwaltung der jüdischen Lager habe man gute Erfahrungen gemacht. Der bayerische Staatskommissar für die Opfer des Faschismus, Dr. Philipp Auerbach, sprach sich ebenfalls dafür aus, die deutschen Juden ebenso wie die jüdischen Ver- * schleppten zu unterstützen, da sie auf Grund ihrer Vergangenheit und ihrer Opfer das gleiche Anrecht auf Fürsorge hätten., Unabhängig davon müsse eine Wiedergutmachung durch Rückgabe geraubter oder enteigneter Vermögenswerte erfolgen. . Judenhetze an manchen Orten Bayerns Der neue Staatskommissar für die Opfer des Faschisrfius, Dr. Philipp Auerbach, gab in einer Pressekonferenz über das Ressort der politisch Verfolgten bekannt: Jeder'politisch und rassisch Verfolgte wird in Zukunft von der Betreuung ausgeschlossen, wenn er zugunsten eines Nazis eine schriftliche Bescheinigung herausgibt. Die politisch und rassisch Verfolgten sind angehalten, sich den Spruchkammern als mündliche Zeugen zur Verfügung zu stellen, dürfen aber keine schriftlichen Entlastungsaussagen mehr geben. Der Staatskommissar will damit den Vorkommnissen beträchtlicher Bestechungen entgegentreten. In dem Verfolgtenlager Kainzenbad wurden bei einer Razzia prekäre Verhältnisse festgestellt und zahlreiche Personen vorgefunden, die weder verfolgt noch politisch waren. Der Staatskommissar hat die Anordnung getroffen, daß künftig alle Erholungsheime unter der Aufsicht des Staatskommissariats stehen, auch diejenigen, die bisher vom .Bayerischen Roten Kreuz und anderen Stellen verwaltet worden sind. Ein eigenes Dezernat für die Erholungsheime wird eingerichtet. Ferner hat sich der Staatskommissar Vorbehalten, jederzeit persönlich unverhoffte Kontrollen in allen Lagern vorzunehmen. Die, nächsten neuerrichteten Lager werden im Bayerischen Hof in München für politisch Verfolgte erstehen im Gebäude des französischen Konsulats in Nürnberg und ein weiteres in Dachau. Aus Düsseldorf hat der Staatskommissar bayerisches Porzellan im Werte von Millionen Mark aufgekauft, das den übrigen Flüchtlingslagern zur Verfügung gestellt werden wird. Zur* Bekleidung für die Opfer des Faschismus werden 200 000 Meter Stoff zum großen Teil aus der britischen Zone importiert. In den letzten beiden Tagen sind 15 000 Wolldecken in Bayern eingetroffen, die auf die Lager verteilt werden. Im Einvernehmen mit der Militärregierung wurde ein Plan ausgearbeitet, wonach alle rassisch und politisch Verfolgten künftig arbeiten müssen. Die Juden sollen dabei eine Tätigkeit ausüben, die ihnen später in Palästina oder in dem Land, in das sie einzuwandem gedenken, von. Nutzen sein kann. Daher sind Verhandlungen mit verschiedenen Industriebetrieben aufgenommen worden. Zusagen haben die Vereinigten Spinnereien in Augsburg ergeben, die eigens eine dritte Schicht einteilen werden, in der 200 Juden beschäftigt werden, , die mit ihren Familien auch gleich auf dem Fabrikgelände angesiedeit werden können. Ferner stellt die Spinnerei und Weberei Pfersee bei Augsbi^g ebenfalls 100 jüdische Arbeiter mit ihren Familien ein. Jüdische Arbeiterkolonnen werden in Bayern jetzt in großer Zahl anzufinden sein; si€ sollen nicht in Barackenform, sondern in Siedlungshäusern untergebracht werden, zu deren Errichtung ein UNRRA-Kredit und Geldmittel aus Holland zur Verfügung stehen. Ebenso werden von der UNRRA und aus Holland zusätzliche Lebensmittel gegeben. Die Juden werden sich auch bei der Schleiferei optischer Geräte betätigen und in Glashütten zur HersteEung von Gablonzer Schmuck. Im Kontrollrat in Berlin haben die Amerikaner, Engländer und Franzosen eine Aenderung des Steuergesetzes zugunsten der poEtisch Verfolgten beantragt, jedoch haben die Russen dagegen Einspruch erhoben, weil sie keine Ausnahme gelten lassen wollen. Dr. Auerbagh ist nun in Besprechungen mit dem Finanzminister Dt. TerhaEe dahin übereingekommen, für die politisch Verfolgten sich auf den deutschen Verwaltungsparagraphen 131a zu stützen, in dem es heißt, daß Steuerermäßigungen auf Antrag möglich sind, wenn der Aufbau einer Existenz gefährdet erscheint. Es werden mm die Verfolgten einzeln über das Staatskommissariat unter Berufung auf diesen Paragraphen um Steuerermäßigung einreichen. Dazu berichtete der Staatskommissar von einer üblen, sich i immer mehr verstärkenden Jadenhetze in Bayern; Es kommen immer mehr Anträge an die Regierungssteüen, in denen „furchtbare” Taten der Juden berichtet werden. Die letzte Anzeige kam vom 3. Bürgermeister von Schwandorf (Obpf.), Herrn Krempl, der dem Innenminister schrieb, daß die ,Juden plündern und selb-* ständig 'Wohnungen beschlagnahmen würden. Der Präsident des jüdischen Komitees hat' sofort an Ort .und Stelle Erhebungen eingeleitet, die ergaben, daß weder die PoEzei noch das Bürgermeisteramt irgendetwas von solchen Vorkommnissen wissen. Die Enthebung des Bürgermeisters vom Innenministerium ist beantragt. Ebenso kam von Feldmoching ein Schreiben an die Regierung, in dem von „jüdischen Piraten” und „Judenplage” die Rede war. Die Anzeige war unterstützt von einer eidesstattlichen Erklärung mit 17 Unterschrifteif. Der Münchener PoMzeipräsident und der Präsident des jüdischen Komitees steEten in Feldmoching fest, daß aEe 17 Unterschriften von Nazis mit Parteizugenörigkeit bis 1933 zurück gegeben waren. Zwei davon sind einem ordentUchen Gericht übergeben worden. Nun hat General Müller dem Staatskommissar die Zusage gegeben, daß die Militärregierung das Staatskommissariat in solchen Fällen in jeder Weise unterstützen wird und sich dieser Sabotage energisch annimmt. Auch die Unterstützung der MP. würde zugesagt.

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