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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-11-09 · 15 (9.11.1946) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
15 (9.11.1946)
Date
1946-11-09
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Wie leben heute Nazi-Opfer? „Wir haben es noch immer sehr schwer ...” „Er ist Halbjude? — Dann muß es ihm doch heute gut gehen . . „Sie war in Theresienstadt? — Na, dann hat sie es doch heute leichte^; . , Sind solche Ansichten richtig? Wie geht es eigentlich dem Durchschnitt der anerkannten oder nicht anerkannten Opfer des Faschismus? Wie geht es den Unzähligen, die von den Nazis aus politischen oder rassischen Gründen um Beruf und Existenz gebracht wurden? Können sie heute wieder so arbeiten und leben, wie sie es all die bitteren Jahre über ersehnten? Ein vollständiges Bild hierüber läßt sich in einer kurzen Reportage nicht geben, aber einige typische Beispiele können uns bereits viel über die Lage dieser Menschen verraten. „Man muß zufrieden sein, daß man mit heilen Knochen herausgekommen ist . . sagte ein junger Musiker halbjüdischer. Abstammung zu unserem Berichterstatter. „Gewiß, ich hatte mir das ja etwas anders vorgestellt . . . ich träumte davon, mit meinem Akkordeon wieder mal als Solist auf der Bühne zu stehen. Aber ich habe .ja kein Akkordeon mehr, ich mußte es damals verkaufen, als sie mir meinen Beruf nahmen und ich in ärgste Not geriet . . . Wo soll ich die 8000 RM. für ein neues Instrument hernehmen?” Der junge Mann war ein begabter Pianist und Akkordeon- Virtuose. 1934 mußte er wegen seines jüdischen Vaters seinen Beruf auf geben, war lange Zeit arbeitslos und schlug sich dann als Hilfarbeiter durch. Sein Vater starb im KZ. Heute, ernährt sich dieser begabte Musiker schlecht und recht durch Stündengeben und Gelegenheitsspiel in Bars und Cafes, seine Hände haben durch die in der Nazizeit geleistete schwere Arbeit etwas gelitten, er muß sich in seinen alten Beruf erst wieder einfinden. Als OdF. ist er nicht anerkannt und bekommt nur die Lebensmittelkarte III oder gar, wenn er in einem Monat einmal nicht genügend Arbeitsstunden nachweisen kann, nur die Karte V§ Der nächste in der Reihe der Befragten war ein ehemaliger politischer Häftling, der durch die erlittenen Mißhandlungen schwer körperbehindert ist. Er machte sich gleich zum Wortführer vieler anerkannter Opfer des Faschismus, als er loslegte: „Man beansprucht ja keine Vorzugsstellung, aber ich hatte eigentlich erwartet, daß man den Menschen, die so viel erduldeten, beim Uebergang in ihre früheren Berufe etr was mehr unter die Arme greifen 'würde .... Die Arbeiter und Angestellten .unter uns sollen zwar von den Arbeitsämtern bevorzugt vermittelt werden, aber ich kenne immer noch eine erhebliche Anzahl, die ohne Arbeit sind. Die Unterstützungssätze sind nicht höher als die für Altrentner. Viele von uns, wie z. B. auch ich, waren selbständige Geschäftsleute oder in freien Berufen tätig. Wir haben es heute schwerer denn je. Zum Wiederaufbau unserer Existenz wurden uns Kredite bis zu 10 000 RM. von der Generalsteuerdirektion in Aussicht gestellt. Ich habe bis jetzt noch keinen Fall erlebt, wo diese Kredite wirklich gewährt wurden. Ich habe z. B. durch die Nazis so ziemlich alles eingebüßt, als ich ins KZ. kam. Ich war Eigentümer1 eines Torfwerkes in der Nähe Berlins, das. ist natürlich weg. Meine Frau besaß einen Modesalon — ften haben sie ihr auch genommen. Schön, was verloren ist, ..ist verloren. Ich sehe das ein, daß man heutzutage nicht alle Verluste ersetzen kann. Aber sollte man uns nicht wenigstens den Wiederaufbau unserer Existenzen etwas erleichtern. Da sitzen die Nazis noch in ihren Läden und Wohnungen, während man meiner Frau einen freien Laden, den sie zur Wiedereröffnung ihres Geschäftes mieten wollte, glatt verweigerte. Karte II statt III — das ist aber auch alles, was ich von meinem roten OdF.-Ausweis habe. Und davon wird man auch nicht fett i Eine ältere jüdische Dame, eine der Ueberlebenden aus Theresienstadt, äußerte sich ein klein wenig optimistischer. Sie bezeichnet die Lebensraittelpakete, die sie jetzt jeden Monat durch die Gemeinde erhält, -als wertvolle Hilfe. Sie hofft, daß diese Extrazuteilungen ihrer sehr angegriffenen Gesundheit zugute kommen werden. Sonst bietet aber auch ihr Dasein wenig Lichtblicke; sie hat ihre Familie nicht wiedergefunden, lebt bei fremden Menschen, besitzt fast nichts mehr zum Anziehen und schlägt sich im übrigen nach zwölf Jahren schwerster Verfolgungen mit den gleichen täglichen Einkaufs-, Heiz-, Licht- und Kochnöten herum, wie jede an-, dere Berlinerin auch. „Ein klein wenig anders hatte ich mir das ja nach dem Sturz Hitlers vorgestellt”, meint die Frau eines Angestellten, deren -Familie durch die Nazis wirtschaftlich ruiniert wurde. Sie ist Jüdin evangelischer Konfession. „Ich habe ja Glück gehabt und kam nicht ins KZ.”, sagt sie mit schwachem Lächeln, „aber daß man für uns, die wir wirtschaftlich durch die Nazis zugrundegerichtet wurden, nichts — aber auch gar nichts tut, finde ich doch unrecht. Man sollte es uns heute wenigstens etwas leichter machen. Da ich getaufte Jüdin bin, kümmert sich die Gemeinde nicht um mich, obwohl Hitler ja auch keinen Unterschied zwischen getauft oder nicht getauft machte. Als Hausfrau erhalte ich die Karte V, mein Mann erhält als Angestellter Karte III. Na, und was das heißt, wissen Sie ja.” Nicht nur in Berlin leben Juden und Opfer des Faschismus in solch armseligen Verhältnissen, auch in anderen Teilen (Deutschlands herrschen derartige Zustände, Diese Menschen verlangen ja nichts Unmögliches, sie wollen aber auch kein Almosen. Sie fordern lediglich was ihnen zusteht, Recht und Gerechtigkeit. Vor fünf Jahren Alle Alliierten habenals eine der ersten Maßnahmen in Deutschland die Wiederherstellung der Gleichheit der Rassen angeordnet. Sie beendeten damit eine Schandpolitik, die Deutschland aus dem Bereich der Kulturnationen herausgeführt hatte. Nur wer jüdische Mitbürger zu Beinen Freunden zählte, weiß um die tägliche, ja stündliche Angst des grundlosen Verhaftetwerdens, ahnt die seelisch so zermürbende Bedrängnis des Wartens auf eine Entscheidung ob Leben oder Tod/ 90 000 „Glaubensjuden” und 30 bis 40 000 anderen religiösen Gemeinschaften angehörende „Rassejuden” waren noch nach der „Kristallnacht” des 9. November 1938 in'Berlin, in der sich der „spontane Volkswille” der SA im wohlorganisierten Zertrümmern der Schaufensterscheiben und Anzünden der Synagogen manifestierte* Vom 19. September 1941 an wurden dann alle Judeh, und zwar schon Kinder vom 6. Lebensjahre an, durch eine Naziverordnung gezwungen, den gelben Stern zu tragen. Diese Infamie sichtbarer Deklassierung fand durch den jetzt in Nürnberg so harmlos tuenden Julius Streicher in seinem „Stürmer” einen begeisterten Dolmetscher: „Die Juden sollten sogar noch zufrieden sein! Denn eigentlich müßte ihnen ihr Schandmal auf die Stirn eingebrannt werden!” So tief waren deutsche Menschen gesunken. Wie viele haben aber in unserer schnellebigen Zeit auch die „kleinen” Infamien vergessen: die Verbote, Telefon zu besitzen oder ein Rundfunkgerät zu haben, die Sperre für den Bezug von Leihbüchern oder das Betreten von Restaurants und Kinos wie Theatern! Denkt daran, daß die Träger und Trägerinnen des gelben Sternes nur zu bestimmten Stunden einkaufen durften (wenn meist die Ware schon ausverkauft war), daß sie kerne Fleisch-, Eier- oder Weißbrotmarken erhielten, daß sie von jeder Sonderzuteilung ausgeschlossen waren! Wenn wir dieses traurigen Tages gedenken, dem die 'schlimmeren der Verschleppungen und die verbrecherischen der Vergasung folgten, so geschieht das nicht, um etwa Haß zu schüren, sondern um in jedem eine Stunde ~ich erinnernden Bedenkens heraufzubeschwören. Auf daß aus Scham und Erkenntnis sich der Wille festige: niemals wieder Verbrechen gegen die Grundgesetze der Menschlichkeit! » Dr. Sch. Parteien gegen Antisemitismus Berlin. Die jüdische Zeitschrift „Der Weg” veröffentlicht Erklärungen der vier politischen Parteien Berlins zur Frage der Gleichberechtigung der jüdischen Mitbürger. Die- Parteien' betonen übereinstimmend, in Zukunft dürfe es keinen Unterschied' zwischen jüdischen und nichtjüdischen Bürgern in Deutschland mehr geben. Es wird der Grundsatz vertreten, daß den Juden die noch erhaltenen Vermögenswerte wieder zurückerstattet und bei der Aufteilung beschlagnahmter Vermögen von Kriegsverbrechern und aktiven Nationalsozialisten die Rasseverfolgten und die anderen Opfer des Faschismus in erster Linie, berücksichtigt werden sollen. Den wenigen überlebenden Juden müsse die Existenz gewährleistet und Deutschland wieder zur »Heimat werden.

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