Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-11-09 · 15 (9.11.1946) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
15 (9.11.1946)
Date
1946-11-09
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9498581-9366319-9386193--143-9366147
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

kämen vielleicht wir deutsche Juden in Betracht. Kann aber Palästina überhaupt soviel Juden auf nehmen? Diese , Frage ist durchaus ungeklärt. Ich glaube es nicht, und wenn ja, wieviel Jahre würden dann vergeben* bis alle 300 000 Menschen eingewandert wären? Rechnet man hinzu, daß in Palästina eine harte Arbeit geleistet werden muß und sieht man sich unsere zerbrochenen Menschen an, dann scheint es mir richtiger zu sein, ihnen nicht zu raten, nach Palästina zu gehen, sondern das jedem Einwanderer selbst zu überlassen. Ich habe schön gesagt, daß wir Juden einen palästinensischen Staat wünschen, aus dem einfachen Grund, wir wollen Bürger eines Landes sein, das uns Recht und Schutz bietet, und es soll nicht noch einmal so sein, wie es nach der Befreiung durch die Alliierten war. Als die Amerikaner und Engländer die KZ’s befreiten,, da kamen die Belgier und holten ihre Landsleute ab, die Franzosen, die Holländer, Ungarn und alle übrigen Staaten taten dasselbe. Völlig allein stehen blieben die Juden, recht- und schutzlos; auf die Gnade und Barrhherzigkeit der Alliierten angewiesen. Hätten wir schon damals einen Judenstaat gehabt, so wußten wir, an wen wir uns wenden konnten. Darum muß unsere Forderung seih: schafft einen' jüdischen Staat, und die Juden aller Welt werden Bürger dieses Staates sein, und das Land Palästina wird die Macht haben und, das Ansehen genießen, welches alle übrigen Länder in der Welt besitzen. Aber man soll nicht, und insbesondere nicht jungen Menschen, etwas versprechen, was nach menschlicher Voraussicht undurchführbar ist. Nur wenig anders sieht es mit der Auswanderung nach anderen Ländern aus. Wer kann denn schon nach Amerika, Australien usw. auswandern? Nur Verwandte 1. Grades, vielleicht auch mal 2. Grades und dann nur mit wenig Gepäck und. ohne Geld. Sie sind, also ständig auf die Gnade und das Wohlwollen ihrer Verwandten angewiesen, denn um dort zu arbeiten muß man nicht nur die Sprache des Landes beherrschen, man muß Land und Leute kennen und deren Sitten und Gebräuche, und das lernt man nicht in einem oder zwei Monaten. Nach meiner Auffassung, und ich stehe mit ihr durchaus nicht allein, haben wir deutsche Juden nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, hier in Deutschland auszuharren und wieder aufzubauen das, was man uns genommen hat. 834 Milliarden jüdischen Kapitals sind uns geraubt worden und in der Zeit der Befreiung haben wir gekämpft für die Wiedergutmachung dieses Schadens. Wenn sie bisher nicht erfolgtest, sowar nicht allein böser Wille dafür maßgebend, sondern durchaus beachtliche Momente. Aber wir haben bei deutschen und englischen Stellen Gehör gefunden, und wir haben die Zuversicht, daß man unseren berechtigten •Forderungen stattgeben wird. Die deutschen Juden waren in der Wirtschaft ehrlich bemüht, ihr Bestes zu geben, und der kleine Rest der Juden wird diese alte Tradition hochhalten, er wird helfen, die deutsche Wirtschaft wieder änzukurbeln und vielleicht wird dieser kleine Rest ausschlaggebend sein, für die Ankurbelung der deutschen Wirtschaft. Es mag jeder seinen Entschluß selbst fassen, aber er mag ihn prüfen, denn die Welt ist durch diesen Krieg ärmer geworden; auch Länder, wp dereinst -Milch und Honig floß, sind in diesem Kriege verarmt. Nur durch harte Arbeit, diesseits und jenseits des Ozeans ✓ werden wir uns durchsetzen können. Und wir werden es schaffen. Hans Frey. Noch einmal „Mischlinge“ Der Artikel in dem Jüdischen Gemeindeblatt Nr. 13 veranlaßt mich, zu demselben Stellung zu nehmen. Die Bezeichnungen Volljude, Halbjude oder Vierteljude sowie Mischehen hat nicht der. Personenkreis erfunden, der davon betroffen wird. Es sind Bezeichnungen, die jlurch die Rassengesetzd eingeführt wurden und die auch heute noch von den amtlichen Stellen gebraucht werden, Ob die betreffenden Personen es wollen oder nicht, immer wieder müssen sie bei den Behörden, sei es für statistische Zwecke oder bei Prüfung von Anträgen diesbezügliche Angaben machen. Die Behörden können aber auch auf diese Angaben z. Zt. nicht verzichten, da sie für die Prüfung von Schadensersatzansprüchen unbedingt notwendig sind, solange ein Unterschied zwischen den politisch und den rassisch Verfolgten gemacht wird. c, Die Mischehen und die Halbjuden haben unter dem Hitlersystem genau so gelitten wie die Volljuden. Sie sind ebenso 12 Jahre lang verfolgt und diskrimminiert worden. Sie wurden in die Gefängnisse geworfen und in den Konzentrationslägern gemartert und getötet. Der größte Teil von ihnen gehört zu den rassisch Verfolgten. Genau wje volljüdische Personen nach meiner Auffassung mit Recht versucht haben, sich den Zugriffen der Gestapo zu entziehen, indem sie sich andere Namen und andere Religionen zulegten, so haben auch die Mischehen .und die Halbjuden nichts unversucht gelassen, der Folter der Gestapo zu entgehen. Manchem ist es vielleicht gelungen, dadurcheine „mildernde Behandlung” durch die Nazis zu erreichen. Freuen wir uns mit diesen Personen, daß sie dadurch vor Schlimmerem bewahrt wurden. Ihnen deswegen heute Vorwürfe zu machen, halte ich für durchaus unangebracht, auch dann, Wenn sie heute von ihrem tatsächlichen Abstammungsverhältnis Gebrauch machen. Die meisten Mischehen und Halbjuden haben durch das Vorgehen der Nazis und der Gestapo nicht nur ihre Existenz, sondern auch ihr Hab und Gutverloren. Auch sie haben ein Anrecht darauf, daß ihre Schäden genau wie bei den Volljuden im Rahmen der Möglichkeit ersetzt werden. Daß sie hierbei zur Erklärung ihrer Düsseldorf. Am 9, November, vormittags 11 Uhr, findet in Düsseldorf die Einweihung der Gedenktafel für die Synagoge an derselben Stelle statt, an der _ am 9. November 1938 die Düsseldorfer Synagoge durch den Hitlerterror verbrannt wurde. Die Militärregierung, die Verbindungsoffiziere der ali. Armeen, sowie die Spitzen der Landesregierung haben ihre Teilnahme an dieser Feier zugesagt. Der Chef- Rabbiner der Rheinarmee, Major Jaf6, wird das Wort ergreifen. rassischen Verfolgung ihre Abstammung angeben müssen, ist unerläßlich. Eine Bezeichnung „Jude” oder „Nichtjude” würde keiner Stelle genügen. Auch den ausländischen Hilfsorganisationen nicht. Dersogenannte arische Teil bei den Mischehen und deren Nachkommen waren die wenigen Menschen in Deutschland, die sich in den 12 Jahren Hitlerismus mannhaft der Juden annahmen, sie unterstützten und sie mit allen „Mitteln den Nazis sowie den Nichtnazis gegenüber verteidigten und zu retten versuchten. Nicht selten war dieses der Grund dafür,^ daß sie selbst aus ihren Stellungen entlassen und teilweise sogar verhaftet wurden. Ich kann dem Artikelschreiber aus meiner eigenen Familie solche Fälle genügend näher schildern, da ich in Mischehe mit einer. Jüdin verheiratet bin und selbst schlimmsten Verfolgungen ausgesetzt war' Man sollte es daher diesem Personenkreis heute nicht mißgönnen, daß er bestrebt ist, gewisse kleine Vergünstigungen zu erreichen, wie es die Volljuden mit Recht auch tun. Die Vergünstigungen sind an sich schon so gering, daß sie in keinem Verhältnis zu den Opfern und den seelischen Qualen stehen, die der vorgenannte Personenkreis auch erlitten hat. Leider ist es in der britischen Zone nicht so wie in der amerikanischen, daß die jüdischen Organisationen auch die Fürsorge der gesamten Mischehen und der Mischlinge 1. Grades übernehmen. In unserer Zone ist die Betreuung den Kreissonderhilfsausschüssen übertragen. Diese Ausschüsse sind meist mit äußerst links gerichteten politischen Personen besetzt, die nicht immer das nötige Verständnis auch für die rassisch- und religiös Verfolgten aufbringen und in erster Linie für die politisch Verfolgten eintreten. Es widerspricht’meiner Auffassung nach dem jüdischen Gerechtigkeitssinn und den tatsächlichen Verhältnissen, die Sache so hinzustellen, als ob die Mischlinge auf etwas Anspruch erheben würden, was ihnen nicht zustehe und sie dieses aber durch die Bezeichnung „Halbjude” erreichen wollen. 4 Das Schicksal der Juden, der Mischehen und der Halbjuden ist zu sehr miteinander verknüpft, als daß nicht alle die Verpflichtung hätten, für ihre Rechte gemeinsam einzutreten und sich gegenseitig nach Kräften in dieser Hinsicht zu unterstützen. Karl Lange.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.