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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-11-15 · Sondernummer (15.11.1946) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
Sondernummer (15.11.1946)
Date
1946-11-15
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Gedächtnisrede ' ■ gehalten von Herrn Dr. Auerbach Staatskommissar für die Opfer des Faschismus im bayr. Innenministerium „Wir werden der Welt beweisen, daß die Kraft; des jüdischen Volkes ungebrochen ist . . .” Meine Herren Vertreter der Alliierten! Meine Herren Minister! Herr Oberbürgermeister, liebe Freunde, meine Damen und Herren! Wenn mir der ehrenvolle Auftrag zuteil wurde, anläßlich der Einweihung dieser Gedenktafel einige Worte an Sie richten zu dürfen, so gehen meine Gedanken zurück an jene furchtbaren Tage des 9. und 10. November 1938. An jenen Tagen geschah etwas, was in der Weltgeschichte noch nicht' dagewesen ist: auf den Befehl verbrecherischer Organisationen, der von regierungSwegen angeordnet Wurde, gingen fast sämtliche Gotteshäuser unserer Religionsgemeinschaft in Deutschland in Flammen auf. Die vorgestellte Wut des Volkes, die in Wirklichkeit nie bestand, wurde dazu mißbraucht,' ,um unsere heiligen Thorarollen zu schänden und zu vernichten. Jene- Thorarollen, in denen die heiligen 10 Gebote enthalten sind, die seit Jahrtausenden für die ganze Welt die Grundlage der Ethik und Moral, der Sittlichkeit und der geistigen Erhebung gegeben haben. Wir haben im Altertum und Mittelalter von Autodafes gehört, und wir haben mit Schrecken die Kunde'1 vernommen, daß man auf Scheiterhaufen Juden ihrer Religion wegen verbrannte und daß man die heiligen Thorarollen mit in -die Flammen warf. Aber noch nie war eine derartige Grausamkeit Zerstörungswut und sinnloses Beginnen dagewesen, wie in jenen Tagen. Unsere Rabbiner wurden mißhandelt, und unsere Männer, Frauen und Kinder massenweise verhaftet und in die Konzentrationsläger geworfen. Tausende und Abertausende kehrten nicht mehr zurück. Von dem stolzen deutschen Judentum von nahezu 600 000 alteingesessenen deutschen Juder\ leben heute kaum 20 O'OO in Deutschland. Und doch hat das deutsche Judentum bewiesen, daß die Fügung Gottes es gewollt hat, daß es nicht untergeht. Die -Treue zur deutschen Heimat haben wir stets unter Beweis gestellt; aber hat die Heimat die Treue zu uns gehalten? Wir wollen in dieser Feierstunde, wo unsere Gedanken zurückgehen an die 6 Millionten toten Glaubensgenossen, nicht rechten.. Wir wollen der Welt offenbar machen, daß wir in Erfüllung des göttlichen Befehls: „Mir ist die Rache” jedes Gefühi der Rache und Vergeltung ablegen, aber in Vertrauen auf unseren Gott an eine gerechte Sühne glauben. Wir wissen, daß die alliierten Richter eitrigst bemüht sind, Recht zu finden und Recht zu sprechen. Wir wissen, daß 'diejenigen, die glauben, der irdischen Justiz entgehen zu können, dem himmlischen Gericht nicht entgehen' werden. Wir beweinen 6 Millionen' tote Glaubensgenossen, wir haben keine Tränen mehr für -diejenigen, die als Greise, im besten Mannesalter und als kleine Kinder dem Sadismus des Rassenhasses und dem Cäsarenwahn des vergangenen Systems zum Opfer fielen. Heute geht an uns der Ruf aus den Gräbern unserer verstorbenen, ermordeten und dahingeschlachteten Brüder und Schwestern „Vergeßt nicht, was man uns getan, und sorgt dafür, daß eine Wiedergutmachung an unseren Ueberlebenden vollzogen wird!” Wiedergutmachung, — ein schönes Wort, mit dem so viel j Mißbrauch getrieben wird. Könnt Ihr jemals das wieder-, 1 gutmachen, was man unseren Frauen und Kindern, unseren j Männern angetan, könnt Ihr den Müttern ihre Kinder zu- ) rückgeben und dem Gatten seine Gemahlin?' Könnt Ihr die Wunden heilen, die der jüdischen * Seele geschlagen worden sind? Jeder einsichtige Mensch weiß, daß es auf diese Frage j nur ein Nein gibt und dennoch feilscht man um die Pfennige, die man als materielle Wiedergutmachung denen, die j gelitten, zur Verfügung stellen soll. ' ' Mit uns deutschen Juden leben etwa 200 000 Juden, sogen, cüsplaced persons in Deutschland, wovon etwa 160 000 in der amerikanischen Zone sind. Wir dulden nicht, daß diese Menschen deffamiert werden! Sie haben mit uns gemeinsam als Juden gelitten und wir haben die heilige Pflicht, . sie — unsere Brüder und Schwestern — für das mitzuentschädigen, was sie gemeinsam mit uns verloren. Gewiß, es . sind Unterschiede in der Erziehung, in der Kultur und dem; ganzen Wesen. Aber wir müssen bedenken, daß ein großer; Teil dieser Menschen in jüngsten Jahren in ein Konzentrationslager kam, in dem sie, bar jeder Erziehung, gezwungen wurden, zum Erhalt ihres Lebens Schritte zu begehen, die ' sie sonst nicht begangen hätten' und man versprach ahnen nach der Befreiung, daß sie auswandem könnten m das | Land/ ihrer Sehnsucht. Jedoch öffneten sich die Tore nicht, | und sie müssen vorläufig verbleiben, bis die politischen i Verhandlungen es ihnen erlauben/* den Weg in das gelobte Land antreten zu können. Wir werden uns bemühen, sie auszubilden, ihnen Beschäftigung und wirtschaftliche Erziehung angedeihen zu lassen,* damit sie als vollwertige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft dort, wohin sie auswandem wollen, ihren Mann stehen können. Wenn wir zurückdenken an jene Tage vor der Befreiung, als wir die Worte des verewigten amerikanischen Präsidenten' Franklin Delano Roosevelt und des hochverehrten, ehemaligen englischen Premierminister Winston Churchill durch das Radio hörten, illegal auf der Erde liegend im Konzentrationslager Buchenwald, — da glaubten wir zu träumen, da sahen wir vor unserem geistigen Auge die weitgeöffneten Tore des Konzentrationslagers und vor uns heraufschwebend die Seelen unserer ermordeten Kameraden. Wir. schritten hinterher, begeistert auf genommen von ein^jr'neuen demokratischen Welt. Und heute, — 134 Jahre nach der Befreiung müssen wir tief bedauernd feststellen — es war nur ein Traum ...... , Schauen Sie auf diese Tafel, die Ihnen veranschaulicht, was von 3500 jüdischen Gemeindemitgliedem der einst so stolzen und reichen Gemeinde Düsseldorf lebend aus den Konzentrationslägern zurückkam: 55 Menschen. Und so ist es überall im deutschen Vaterland. Hier, wo einst die stolze Synagoge stand, ist ein Parkplatz und darunterv ein "Bünkerhotel. Wir danken der Stadtverwaltung von Düsseldorf, für den vornehmen Geist, an dieser Stätte eine Gedenktafel einzurichten. Wir denken wehmutsvoll zurück, da an diesem Sabbattage, als einst die Synagoge stand, aus der heiligen Lehre die Opferung Isaaks verlesen worden wäre. So wie einst Isaak als Symbol der Pflichterfüllung des göttlichen Willens geopfert werden sollte, so ‘ wurden unsere Brüder und Schwestern auf dem. Altar der Freiheit, der Demokratie und. der Gleichberechtigunggeopfert, und wir hören die Stimme des .Himmels, die da'rief „Strecke Deine Hand nicht aus gegen den Knaben”, da nunmehr genug des Blutvergießens über die Welt gekommen ist, und daß' Probe der “Pflicht-. erfüllung der göttlichen Gebote von uns in hinreichendem Maße erfüllt wurde.- ' Wir haben diese Pflichterfüllung auf uns genomna^p. Wir x haben der Welt bewiesen, daß wir als Juden stolz zu leben und stolz zu sterben wissen, und wir werden der Welt be- Weisen, daß die Kraft des jüdischen Volkes ungebrochen ist. Trotz der großen Opfer, die wir bringen mußten! Aber wir verlangen von der Welt Verständnis für die Leiden, die wir durchmachten, und wenn das deutsche Volk wirklich das wiedergutmachen will, was es an uns verbrochen hat, und den status quo ante 1933 wiederherstellen wird, dann sind wir wohl bereit, für die Gleichberechtigung aller Juden; _ in Deutschland mit dem deutschen'Volke, wie es einst Gabriel Rießer verkündet hat, mitzuarbeiten und teilzunehmen am Wiederaufbau eines neuen, freiheitlichen und» wirklich demokratischen Deutschlands.

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