Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- Sondernummer (15.11.1946)
- Date
- 1946-11-15
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Ansprache des Oberbürgermeisters Arnold, Düsseldorf iiäiiiiiMHiiii „Das Opfer dieser Toten bleibt ein fortwirkendes Manifest an die deutsche Nation und an die“ Welt.” „Wer an Gotteshäuser oder an religiöse Kultstätten Hand anlegt, legt Hand an das eigene Leben.” So las ich vor einigen Tagen in einem alten vergilbten Buche über bäuerliche Sinnsprüche. An wem hätte sich dieses Wort erschütternder und umfassender bewahrheitet als an den Machthabern des dritten Reiches?,, Nicht durch den Willen des Volkes, sondern mit den Mitteln der Gewalt und des. Terrors haben sie Besitz ergriffen von der Macht des Staates. Hochmut, Herren- und Rasseninstinkte waren die Beweggründe, aus denen sie nach ihrer Art Politik betrieben. Es war eine Politik, die gleich verhängnisvoll war für Deutschland wie für die Welt. Auf Deutschland bezogen war es keine Politik für, sondern, gegen das Volk. Zwar wurde dem Volk Freiheit und Wohlstand verkündet, aber die Fürsorge .galt nicht dem Volke, sondern ausschließlich der Eigenen Machtbegründung mit dem Ziel, eine eäcärische Herrschaft zu begründen. Neben der Militär- und Polizeimacht wurde in der Gestapo eine dämonische Macht der Furcht und allgemeinen Volksangst begründet. Furcht und Volksangst aber waren die bewußt erwählten Mittel, um das Volk vielfach gegen seine innere Stimme,zu einem Hosianna für seine Tyrannen zu zwingen. So wurde alles vergewaltigt, was persönliche, religiöse, politische und rassenmäßige Freiheit war und es wui'tie ein Un-- geist erzeugt, der von Staatswegen eine’ Freijagd* gegen die Staatsbürger eröffnete, die sich der Gewissensknechtung und der .Freiheitsschändung nicht, beugen konnten. Dieser Machtwahn ging schließlich so weit,, daß staatlich legitimierte Brandstifter ausgesandt wurden, um am 9. November 1938 an dieser Stelle, wie auch an vielen anderen Orten Deutschlands, einen dem Gebet geweihten Tempel in Flammen zu setzen. Man wollte dieses Verbrechen in eine Handlung des „zornigen” Volkswillens Verfälschen, aber das Volk wollte von diesem abscheulichen'und mordbefleckten Kainopfer mit seinem häßlichen und schlangenhaft auf der Erde kriechenden Schwaden nichts gemein haben. Der" Brand- und Morddunst des 9. November 1938 hatte sich zu einem unheilvollen Gewölk über Deutschland und seine Machthaber zusammengezogen. Wir aber wollen an dieser Stelle und in dieser Stunde nicht übersehen, daß der Wunsch der Jüdischen Gemeinde* — bald wieder ein Gotteshaus zu erhalten — vollauf gerechtfertigt ist und auch die möglichste Unterstützung der Stadt Düsseldorf finden wird. , Die gleichen politischen Methoden, die zu der inneren Verwüstung des deutschen Lebens geführt haben, wurden auch angewandt bei der Regelung der Verhältnisse mit den .anderen Völkern. Das naturgegebene Leberisrecht und die eigene souveräne Staatlichkeit der anderen Völker wurde gröblichst mißachtet und anstelle einer sinnvollen Völkerordnung erstrebte man das Herrentum, und die Diktatur des Ungeistes über die Menschheit. Und so sollten, geblendet von Hochmut, Machtrausch und Rassenwahn, die Hitler-Despoten die Herren der westlichen und die' verbündeten Japaner die Herren der östlichen Welt werden. Eine solche von Größenwahn getragene Politik war möglich, .weil sich die Staatsführung lossagte von aDen Gesetzen des Rechtes und der Moral und weil selbst das Verbrechen für erlaubt und für zweckmäßig befohlen wurde, um ein gestecktes Ziel zu erreichen. So waren alle Voraussetzungen gegeben, daß das „lOOQrjährige Reich’’ schon nach einer 12jährigen Lebenszeit* in der sachlich und menschlich furchtbarsten Art zusammenbrach. Die Jahre von 1933 bis 1945 sind ein Geschichtskapitel, das für Deutschland wie für die Welt eine ungeheure Tragik in sich trägt. Wenn dieses Drama auch von deutscher Erde ausgegangen ist, so gehörten die mitspielenden Kräfte doch der ganzen Welt an. Kein fremdes Volk sollte behaupten, dieses Unheil bei gleichen Umständen” verhindert zu haben. Nicht das deutsche Volk,.. sondern die destruktiven Kräfte der Welt hatten ein Regiment errichtet, das im Begriffe War, einen Mordanschlag gegen alles auszu|ühren, was wir unter abendländischem Leben und Gesittung verstehen. Umso stärker müßte nach Üeberwindung dieser Epoche die Einsicht und der Wille sein, die Ordnung der Völker, die Sicherung ihrer Freiheit und ihres. Lebens, durchzuführen. Wir verkennen nicht die ungeheuerlichen Anstrengungen, die hierzu erforderlich sind. Das deutsche Volk ist durchaus bereit, bei diesem europäischen Opfergang ari die vorderste Stelle zu treten. Aber so wie das Leben selbst,, so muß auch das Opfer einen Sinn haben. Däs deutsche Volk, insbesondere im Westen des Reiches, ist zur Zelt von einer inneren Panik ergriffen, die uns alle mit einer fast\. verzehrenden Sorge; bewegt. Dieses Volk sieni den. Weg in die Zukunft verschlossen, es sieht das Leben seiner Künder, und Mütter durch Hungersnot und Krankheit gefährdet, es sieht die Lebenskraft und den Willen seiner Männer schwinden und es ist dabei, den Glauben auch an das wahre Wort zu verlieren. Ein neuer dämonischer Geist wittert Morgenluft und lauert dieses Mal auf sein europäisches Ojpfer. Wir stehen, daher, vor der messerscharfen Alternative: Soll Deutschland mit Europa den Aufstieg finden oder soll Europa mit Deutschland dem Untergang preisgegeben werden. Es ist eine ungeheure Verantwortung, vor der die Staatsmänner der Siegerstaaten stehen. Hier, an dieser feierlichen und ehrwürdigen Stätte,, wo wir der ungezählten Todesopfer gequälter und freiheitsliebender Menschen gedenken, bekennen wii* uns zur . europäischen Zusammenarbeit und zum geistigen -und sozialen Fortschritt der Menschheit. Wir bekennen uns zu der Sache der Freiheit, weil das unsere' Ueberzeugung und zugleich das heilige Vermächtnis der Toten ist, deren wir immerdar in Verehrung gedenken werden. Das Opfer 'dieser. Töten bleibt ein fortwirkendes Manifest an die deutsche Nation und an die Welt. In-dieser Verpflichtung enthülle ich die von der^Stadt Düsseldorf zü Ehren der Toten gestiftete Gedenktafel und übergebe sie hiermit in die Obhut der Jüdischen Gemeinde. Foto (2): Stachelscheid v 1 Sil Der Augenblick der Enthüllung der Gedenktafel