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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-11-15 · Sondernummer (15.11.1946) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
Sondernummer (15.11.1946)
Date
1946-11-15
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Eine Stunde der Trauer - eine Stunde des Gedenkens und der Mahnung Enthüllung der Gedenktafel am Platz, auf dem bis zum 9. November 1938 die Düsseldorfer Synagoge stand. Rabbiner Dr. CarlebaC h’s Worte an diesem unvergeßlichen 9. November 1946^waren: „Seit vielen tausend Jahren haben wir Juden, trotz Verfolgungen, trotz Verbrennung der Gotteshäuser, uns unsere innere Stärke erhalten.” - , Durch nichts hätte ein größerer Beweis für die Richtigkeit dieser Worte erbracht werden können, als durch die Gedenkstunde, zu der die'Synagogengemeinde Düsseldorf eingeläden hatte. — Schon vor Beginn der Enthüllungsfeier versammelten sich nahezu tausend Menschen in der( Kasernenstraße, dort, wo früher der Stolz der Düsseldorfer Synagogen- Gemeinde, die Synagoge' stand dort, wo jetzt ein Bunker steht, der während des verflossenen Krieges vielen tausenden Deutschen Schutz vor den Bombenangriffen geboten hat.. Die Spitzen der Militärbehörden, geführt von dem Stadtkommandanten, Oberstleutnant Parker, die Verbindungsoffiziere der alliierten Armeen, fünf Minister der Landesregierung Nordrhein-. Westfalen, geführt , von dem den Ministerprä’sidenten vertretenden Sozialminister Renner, die führenden Männer der Stadt, geführt von Oberstadtdirektor Dr. Hensel und Oberbürgermeister Arnold, die Vertreter der katholischen' und protestantischen Kirchen, die Vertreter aller' Parteien und Gewerkschaften, die Leiter der Naziopfer-Organisationen und viele, viele andere führende Männer der Wissenschaft und der Kultur waren neben unseren Ehrengästen, den Mitgliedern des Landesverbandes und der Religionsgemeinschaften der Jüdischen Gemeinden vertreten. Der Nordwestdeutsche Rundfunk hatte seinen Aufnahmewagen geschickt. Die Wochenschau war da, um dieses Zeitdokument im Bilde festzuhalten. Der Bunker ragt etwa 3 Meter über die Erde hinaus, er ist rechts und links flankiert von zwei Granittürmen, die durch eine Gränitmauer miteinander verbunden sind, Fahnen der Länder Nordrhein- Westfalen und der Stadt Düsseldorf sind längs dieser Mauer auf gestellt/ Inmitten ist die Gedenktafel durch eine Fahne der Stadt Düsseldorf mit dem Stadtwappen verhüllt. Auf dem Granitpodium, das. zur Gedenktafel führt, steht, ein schlichtes Rednerpult. ' r 11 Uhr vormittags: Die Ansage: Der Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf, Herr Arnold, hat das Wort. In mutigen, ehrlichen Worten sprach Herr'Arnold zu den Menschen, die sich zu dieser Vfeihestunde versammelt hatten. Er geißelte die Taten des . Nationalsozialismus, und er sprach von der Wiedergutmachüngspflicht der Stadt Düsseldorf. Als Herr Arnold die Aufforderung'zur Enthüllungder Gedenktafel ergehen ließ, erhoben sich die Versammelten von ihren Plätzen" wie zu einem Gottesdienst. - . ■ /, Aul den Gesichtem unserer Glaübensbrüder un$ -Schwestern war^ die Trauer zu lesen'. Die Gesichtsausdrücke unserer Ehrengäste zeigten die Aufrichtigkeit ihres Mitgefühls. Man sah viele weinende Männer und Frauen. Inmitten der Granitmauer ist die von der Stadt Düsseldorf gestiftete, schlichte. Muschelsteinplatte mit' der weißen Inschrift sichtbar geworden.; Rechts und links . der Platte stehen zwei junge Juden, zwei Menschen, che'die Schrecken der Konzentrationslager hinter sich haben, zwei Menschen; die schon dem Tode geweiht waren, als 9die Alliierten sie aus dem Läger ^Buchenwald befreiten. Sie ^senkten die Fahne des Heiligen Landes in dem Augenblick der Enthüllung der Tafel... ' . t Herr Julius. Dreifuß, der 1. Vorsitzende der. Synagogen-Gemeinde Düsseldorf, ergriff (Jas Wort, um dem Herrn Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf seinen Dank auszusprechen für die Stiftung dieser Gedenktafel und um die erschienenen Ehrengäste herzlichst zu begrüßen. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß der Geist der Demokratie, der Geist der Wiedergutmachung, die Bürger Düsseldorfs und alle Menschen beseelen möge. t “ Herr .Sozialminister Renner brachte die Grüße der Regierung Nordrhein-Westfalen im Aufträge des Ministerpräsidenten Dr. Amelunxen und seiner Ministerkofiegen. Niemand konnte die fürchterlichen Dinge, die die Juden, erlebt haben, besser verstehen und miterieben als Herr Renner, der selbst zu den politisch Verfolgten gehörte und der Unter dem Naziregime besonders gelitten hat. Er schloß seine Ansprache mit. den Worten: Die heute hier enthüllte Gedenktafel soll uns Ueberlebende nicht nur an das namenlose Leid erinnern, das der Nationalsozialismus über Deutschland und die Welt gebracht hat, sie soll darüber hinaus allen Deutschen Mahnmal sein, daß ein Staatsgefüge nur dann Bestand hat, wenn es auf dem Grund wahren Menschentums, wahrer Toleranz beruht. Die Gedächtnisrede hielt Herr 'Dr. Auerbach, Staätskommissar für rassisch und politisch Verfolgte im bayerischen Innenministerium in München. Dr. Auerbaeh verstand 6s, wie immer, uns in Erinnerung zu rufen, wie fürchterlich die verflossenen zwölf Jahre die Juden getroffen haben. Er gedachte der Millionen toter (Glaubensgenossen, und er sprach von der bitteren Enttäuschung, die wir deutschen Juden heute, 1H Jahre nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus, erleben. Er bedauerte, daß in der Frage der materiellen Wiedergutmachung noch nichts geschehen s^i und brachte zum Ausdruck, daß die deutschen Juden bereit sind, mit dem deutschen Volk so zusammenzuarbeiten, wie es einst Gabriel Rießer verkündet hat, und teilzunehmen an einem Wiederaufbau eines neuen, wirklich demokratischen Deutschlands, wenn uns Juden von der Welt das Verständnis entgegengebracht wird, .und wenn das deutsche Volk den Beweis dafür angetreten hät, daß es zu einer Wiedergutmachung bereit ist. Eine Mahnung an * die Deutschen, eine Mahnung an die Welt, und eine Mahnung an die Juden selbst, brachte Rabbiner Df. Carl e^b ach' von der Jewish Relief Unit. Die Worte, die dieser weise Rabbiner an die Teilnehmer der Gedenk- und Trauerstunde richtete, wurden mit einer solchen Innerlichkeit gebracht, daß sie nur erlebt werden können, wenn man sie vollinhaltlich zu lesen bekommt. . . Herr Rosensaft, Präsident des Jüdischen Zentral- Oommittees brachte die Grüße dieses Committees. Er hielt Scharfe Abrechnung mit denen, die die Verantwortung für, die Verbrechen, die begangen worden sind, tragen. Die Grüße der Jewish Relief Unit wurden von dem Deputy Field Director Mr. Dudley Osborne überbracht. Mr. Osbome erinnerte daran, daß der Tag des Waffenstillstandes des ersten Weltkriege, der 10. November, zusammen. . mit diesem 9. November, als Mahnung-zu einem wirklichen Frieden auf gef aßt werden soll. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Jiiden den Weg finden werden, und die Welt den Juden den Weg dazu bereiten wird, uin. endlich zu einer friedlichen Zusammenarbeit zu kommen. 'Modechai hl Breuer, ein Nachkomme der berühmten Frankfurter Rabblnerfamüie, brachjte Grüße aus dem Gelobten Land. . ~ Mr. Schwarz, der Zonendirktor des „American Joint”, gemachte der Toten und grüßte die Hinterbliebenen im Aufträge der Organisation, die vielen hunderttausenden von Juden Hilfe in jeder Beziehung gebracht hät. Der Feldrabbiner der Britischen Armee, Cpt. Hoocker, hielt eine Gedächtnisansprache im Namen der Juden in der britischen Armee. Auch er gab der Hoffnung Ausdruck, daß im neuen Deutschland die. Juden recht bald mit der übrigen Bevölkerung in Harmonie zusammen leben werden.. Cpt. Hoocker forderte dann zum Totengebet, dem Kaddisch, auf. Zehn jüdische Männer, zehn jüdische Menschen, die ihre Eltern und Angehörigen in den Konzentrationslagern verloren haben, sprachen zum ersten Mal seit 8 Jahren, an diesem, einst geweihten Platz, wieder den Kaddisch..— Und mit diesem Kaddisch endete diese unvergeßliche Stünde der Trauer, die Stunde des Gedenkens und der Mahnung. K. Marx. Wir bitten alle Anschriften an Verlag und Redaktion . unserer Zeitung zu richten an: - . Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone Deutschlands , Düsseldorf . ' Königsaliee' 27

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