Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 14 (25.10.1946)
- Date
- 1946-10-25
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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neuen Fronten des Fortschritts und der Reaktion betrachten? Wir sehen vor allem, daß sich das Größen Verhältnis zwischen ihnen grundlegend gewandelt hat. Die Front des Fortschritts ist jetzt die große Front, in der die Massen stehen; die Front der Reaktion, gestern noch die beherrschende, ist heute auf Gruppen und Grüppchen zusammengefallen. . Und die Zusammensetzung der beiden neuen Fronten? In der Front für den Aufbau, in dör Front des Fortschritts,' sehen wir: jene Arbeiter, Angestellten und Intellektuellen, die auch in den vergangenen Epochen für den Fortschritt kämpften, dazu die Massen der Arbeiter, die sich gestern irreführen ließen, dazu Massen von Bauern und Flüchtlingen, für welche ^ie Teilnahme am Aufbau unmittelbar die Sicherung des eigenen Lebens bedeutet, Massen von Angestellten und Geschäftsleuten, zahllose Soldaten und Offiziere, denen der Raubkrieg die Äugen öffnete, nicht wenige Angehörige der früheren „nationalen” Kreise, die in der Fortschrittsfront die einzige' Sicherung <ffer Einheit Deutschlands erkennen, usw. Nicht in der Fortschrittsfront sehen wir zahlreiche Aristokraten, die gestern Hitler ehrlich verabscheuten, aber" deswegen noch lange nicht heute den Aufbau lieben. Nicht in der Fortschrittsfront, sehen wir einige Geistliche, die gestern mit Leidenschaft gegen Hitler predigten, ihre Leidenschaft jedoch heute nicht .gerade dem Aufbau zur Verfügung stellen. Die Fortschrittsfront hat sich also aucfi in ihrer Zusammensetzung beträchtlich gewandelt. Ebenso die Front der Reaktion. In ihr stehen heute neben überlebenden Landsknechten und kriminellen Elementen, jene Nutznießer von gestern, denen der Aufbau nicht rentabel genug ist, brachliegende Bankdirektoren, Spekulanten und Gutsbesitzer, einige Arbeiterfunktionäre, die sich im Dienst der Reaktion ein besseres Auskommen versprechen, verschiedene Bewohner guter Stuben, denen-Notzeiten prinzipiell mißfallen, krakeelende Intellektuelle usw. Auch die Front der Reaktion hat sich also beträchtlich gewandelt. Mehr als das. Indem ihr die ^Massen entgleiten, hängt ihre Existenz heute an einem Haar. In dieser verzweifelten Lage ist ihr jedes Mittel recht, um den Schlägen des übermächtigen Gegners zu entgehen. Ablenken möchte», sie ihn um jeden Preis, um wenigstens den Aufmarsch durchzuführen. Und kaltblütig, wie sie ist, benutzt sie den Abscheu der Welt vor dem Faschismus als bequeme Tarnung. Sie, in deren Reihe so viele Pgs. mit und ohne Parteibuch marschieren, so viele Reaktionäre von gestern, sie, die — und das ist das Entscheidende — die Reaktion von heute ist, sie markiert den Roland im Kampf gegen die Reaktion, den unerbittlichen, prinzipientreuen. Sie möchte alle Kanonen gegen die Reaktion von gestern auffahren, damit keine Kanone zum Kampf gegen die Reaktion von heute übrigbleibt. Deswegen zeigt sie so große Unlust, unter den kleinen Pgs. auch nur zu differenzieren. Deswegen bestreitet sie denen, die gelernt haben das Recht, gelernt zu haben. Deswegen verleumdet sie das Bemühen der Einheitspartei, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, und ihnen gerecht zu »werden, als „Stimmenfang”. Die Frage der kleinen Pgs. ist also nicht nur eine Frage der Abrechnung mit der Reaktion von gestern, sie ist auch eine Frage der Abrechnung mit der Reaktion von heute — und nur, wenn man diese beiden Seiten sieht, gelangt man zu einer klaren Linie. Sie lautet für den Antifaschisten: es ist nicht Sache des konsequenten Antifaschisten, auf die Manöver der Reaktion hereinzufallen. Er «verschärft seine Wachsamkeit, aber er läßt sich nicht schrecken. Er vermeidet Fehler, aber er ist nicht initiativlos aus Angst vor Fehlem; denn er weiß sich stark genug, auch Fehler zu korrigieren. Er läßt seine mit Blpt und Schweiß erkämpfte teuerste Erkenntnis — daß die Welt sich vorwärtsbewegt, daß der Mensch entwicklungsfähig ist, daß auch der Irrende von gestern gelernt haben kann — nicht beirren durch die. wortkundigen Advokaten der Stagnation und des Verfalls. Er bezwingt sein persönliches Leid ein neues Mal, wo der übergeordnete Gesichtspunkt des nationalen Interesses das erfordert. Die Linie lautet für die kleinen Pgs.: das Schicksal des kleinen Pg. liegt in dessen eigener Hand. Einmal hat er vor der Nation versagt. Die Folgen hat er mehr beobachtet, als selbst getragen. Versagt er ein zweites Mal, so können die Folgen nur schwerere sein,. Versagt er das zweite Mal nicht, so drückt ,die Gegenwart die Vergangenheit in den Hintergrund. Der Anteil des kleinen Pg. am.,schnellen Aufbau der Wirtschaft, am Aufbau eines wahrhaft fortschrittlichen politischen Lebens, einer wahrhaft fortschrittlichen deutschen Kultur entscheidet über die Echtheit seiner neuen, besseren' Erkenntnis. Erweist sie sich in Taten als echt, so kommt unfehlbar die Zeit, in der es unter fortschrittlichen Menschen * als Charaktermangel gelten wird, ihn an seine einstmals rückschrittliche Rolle auch nur zu erinnern. ' Künstler und Charakter Sie wurden Staatsräte und Staatsschauspieler , Präsidenten der Musikkammer, sie verdienten zwei- oder dreimal soviel wie vor Ausbruch des „Dritten Reiches”. Sie waren Hitler» verwöhnteste Kinder — die Künstler, die Schauspieler, die» Musiker. Zwei Jahre, nachdem Goebbels Kulturbefehlshabei geworden war, durften sie nicht mehr kritisiert werden. Es gab nur die sogenannten Betrachtungen. Und natürlich grenzenlose Lobhudeleien. Man sollte glauben, daß ein solcher Stand der Dinge zumindest den Schauspielern sympathisch war. Aber bald hatten sie genug davon. Werner Krauß sagte es mir unlängst:' „Früher haben wir vor jeder Premiere gezittert. Nun zitterten wir nicht mehr. Aber das wurde langweilig und vor allem, wir wußten, selbst nicht mehr, ob wir gut oder schlecht waren”. Es gibt unzählige Beispiele dafür, daß die Künstler, die im Dritten Reich so verwöhnt Wurden, sich keineswegs glücklich dabei fühlten. Und als der ganze faule Zauber zu Ende war, atmeten viele auf und fühlten sich „befreit”, wie nur irgendein unterdrücktes Volk. Und sie waren erstaunt und enttäuscht, 'als sie feststellen mußten, daß die Befreier keinen prinzipiellen Unterschied machen wollten zwischen ihnen und den Deutschen, die andere Berufe hatten. Es ist wahr, daß nur ganz, wenige Schauspieler enragierte Nazis gewesen sind. Dies ist ebenfalls wahr für die meisten Schriftsteller, Musiker, Maler, Bildhauer. Aber ebenso wahr ist es, daß nur ganz wenige von diesen Künstlern eine Art inneren Widerstand versuchten (von physischem Widerstand i ganz zu schweigen). Sie ließen es im Gegenteil zu, daß sie selbst, daß ihr Name für das Prestige der Nazis eingesetzt wurde. Es ist schwer festzustellen, wieweit sie tatsächlich zu irgend etwas.gezwungen worden sind. Der Schauspieler Emil Jannings behauptet, daß er den üblen antibritischen Film „Ohm Krüger” nur nach vielen Weigerungen gedreht ^iabe. Aber es gibt eine Reihe von Schauspielern, die davon zu erzählen wissen, mit welcher Begeisterung er sich in diesen Hetzfilm gestürzt habe. Auf der anderen Seite ist es ziemlich erwiesen, daß Ferdinand Marian die Titelrolle in dem antisemitischen Film „Jud Süß” nur übernahm, nachdem er die Rolle zweimal zurückgeschickt hatte und .nachdem ihm Goebbels mit Spielverbot drohte. Aber ist selbst dies Zwang? War unter solchen Umständen für einen aufrechten Menschen — und aufrechte Menschen wollen sie ja alle sein — Spielverbot nicht vorzuziehen? Die deutschen Künstler denken nein. Sie glauben, sie haben das Recht, ja sogar die Verpflichtung, ihren Beruf auszüüben, unter allen Umständen, und sie glauben, daß die Welf etwas versäumte, \yenn sie das nicht tun.; * Man wirft dem großen österreichischen Dirigenten Clemens Krauß vor, daß er, als Oesterreich noch relativ frei war, ins nazistische Deutschland fuhr. Antwort: „Ich hatte die Chance, die Uraufführung von „Arabella” zu dirigieren.” Ich sprach mit Richard Strauß, dem man vorwirft, mit vielen Nazis intim gewesen zu sein. Er dreht'den Spieß um. er^ habe ja selbst den Nazis etwas vorzuwerfen, die im August 1944 die Theater geschlossen und ihn so seiner Tantiemen beraubt hätten. Ich sprach mit dem Regisseur Lothar Müthel, dem man vorwarf, 1942 eine grauenhaft antisemitische Inszenierung des „Kaufmanns von Venedig” gemacht zu haben. Antwort: „Das Problem hat mich interessiert. Ich wäre nie im Leben darauf gekommen, daß die» Nazis meine Inszenierung für ihre Zwecke ausnützten.” Ich fragte Werner Krauß, der den Shylok in dieser Aufführung gespielt hatte. Antwort: „Als ich hörte, daß ich den Shylok spielen sollte, hüpfte mein fHerz vor Freude. Es ist eine so wundervolle Rolle. In letzter Zeit habe ich übrigens „Na- .than den Weisen” studiert.”