Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-10-25 · 14 (25.10.1946) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
14 (25.10.1946)
Date
1946-10-25
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9498581-9366319-9386150--123-9366129
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Rudenko: „Haben Sie niemals von der Existenz der Konzentrationslager gehört?” Hitler: „Mir war nur das Lager Dachau bekannt, von dem mir der Angeklagte Kaltenbrunner einmal erzählte, es handle sich da um ein Altersheim für pensionierte israelitische Kultusgemeinde-Präsidenten. Allerdings habe ich auf Grund verschiedener Nachrichtenin der Newyorker jüdischen Zeitung „Vorwärts” die Befürchtung gehegt, es käme vereinzelt zu spontanen antisemitischen Ausschreitungen im deutschen Volke. Ich schuf daher die Gestapo. Diese hat in erbittertem Kampf gegen Wehrmacht und SS einen Teil der jüdischen Bevölkerung retten können.” Rudenko:' „Haben Sie, Herr Zeuge, zur Rettung von Juden beigetragen?” " . - Hitler: „Selbstverständlich, auf Grund meiner Bemühungen sind seit der Machtergreifung mindestens .zweimal hunderttausend Juden nach Amerika, Australien, Palästina una anderen Ländern ausgewandert.” Bei weiterer Befragung des sowjetischen Anklägers wiederholte Hitler, daß er seine- Bedenken gegen die Politik der Partei nie offen habe äußern können, da er sonst mit dem Verluste seiner Stellung hätte rechnen müssen. Rudenko: „Sie waren »Mitglied der Partei seit ... .” Hitler (erregt): „Ich hatte nur. die Parteihummer 7, ich war damals gezwungen worden, der Partei beizutreten.” Rudenko: „Ich habe hier ein in den Archiven der Reichskanzlei gefundenes Protokoll über eine Sitzung unter Ihrer Leitung vom 12. Juli ...” (Hier wird der Zeuge Hitler sichtlich nervös und kaut heftig an einem Stück Teppich, das ihm an Stelle des spnst üblichen Glases Wasser in den Zeugenstand gegeben wird.) Hitler: „Ich muß dem hohen Gericht ein Geständnis machen. Ich bin im Auftrag einer Untergrundbewegung in die Partei eingetreten, um sie von innen zu unterhöhlen. Ich habe heimlich stets mit jepen Männern sympathisiert, deren Verschwörung am 20. Juli 1944 unglücklicherweise durch Himmler vereitelt wurde.” - (Rudenko fällt in Ohnmacht.) Zum Beweis für Hitlers letzte Behauptung legte Dr. Seidl dem Gericht eine eidesstattliche Erklärung vor, aus der hervorging, daß der Zeuge Hitler in den Monaten nach Mißlingen des Rutsches völlig verstört und niedergeschlagen war. Hier schaltete das Gericht die Mittagspause ein. Für eine klare Linie v in der Frage der kleinen Pgs. Stellen wir zunächst fest, in welchem Punkte Uebereinstimmung besteht: jene Nazis, die Verbrecher} begingen, scheidenaus dem Volke aus. Sie schützt niemand mehr. So systematisch seit Monaten in zahlreichen Orten Europas und Asiens der faschistische Landsknecht, sein Zubringer und sein Gönner gerichtet werden, so geschlossen rücken die deutschen Stimmen von ihnen ab. Herrscht in dieser Frage Klarheit, so zeigen die Anschauungen in der Frage der kleinen Pgs. ein wirres Durcheinander. Offenkundig ehrliche Menschen äußern erbittert die gegensätzlichsten Meinungen. Dabei gehen viele von zwei irrtümlichen Voraussetzungen aus: 1. Es geht nicht an, die eigene Lage zum Maßstab zu nehmen, wenn man eine Frage lösen will, die die Allgemeinheit betrifft.. (Wenngleich natürlich die eigenen Erfahrungen unersetzlich sind für die Bildung einer eigenen Meinung.) 2. Es geht nicht an, ohne Maßstab zu messen. Im Gegenteil ist ein einheitlicher und brauchbarer Maßstab nötig. Der einzige brauchbare Maßstab ist; die Pg.-Frage so zu lösen, daß ihre Lösung der Nation nützt, nicht schadet, daß sie die Allgemeinheit, uns alle, weiterbringt. Bei solcher Betrachtung ergibt sich eine Reihe grundsätzlicher Fragen, ohne deren Beantwortung auch das Problem der kleinen Pgs. nicht zur Klarheit gebracht werden kann. Wer ist heute fortschrittlich? Wer ist heute ein Reaktionär? Ist jeder frühere Pg. heute ein Reaktionär? War gestern jeder Reaktionär ein Pg.? Versuchen wir, den roten Faden durch diesen Irrgarten zu ziehen. Fortschrittlich ist, wer die entscheidenden Aufgaben seiner Epoche lösen hilft. Wir sagen: seiner Epoche; denn jede Epoche stellt die Menschen in Politik und Wissenschaft vor bestimmte Aufgaben, die unlösbar mit dieser Epoche verbunden sind. Die zentrale politische Aufgabe der eben abgelaufenen Epoche (1933—1945) war der Kampf zum Sturze Hitlers. Wer an ihm teilnahm, war fortschrittlich, gleichgültig, aus welchen Kreisen er kam und aus welchen Beweggründen er handelte. Er War fortschrittlich auch dann, wenn er in anderen, untergeordneten Fragen rückschrittliche Auffassungen vertrat. Wer in den vergangenen zwölf Jahren für Hitler eintrat, wkr ein Reaktionär, gleichgültig, ob er aus Eigennutz handelte oder aus irregeführtem gutem, ja bestem Willen. Er war ein Reaktionär auch dann, wenn er in anderen untergeordneten Fragen fortschrittliche Auffassungen vertrat. .Denn stets entscheidet das Verhalten gegenüber der zentralen Aufgabe der Epoche, und zwar das Verhalten durch die Tat. ' Die heutige zentrale politische Aufgabe kann, wie jeder sieht, nicht der Kampf zum Stürze des .Hitlerregimes sein. Denn das Hitlerregime besteht nicht mehr. Sie muß eine andere sein — und welche sie ist, ergibt sich aus dem, was Hitler uns hinterließ. Der schleunige, angespannte Aufbau auf allen Gebieten — und zwar ein gesunder, nicht wieder zu Katastrophen führender Aufbau — ist die zentrale politische Aufgabe von heute. Wer durch sein Handeln diesen Aufbau fördert, ist fortschrittlich, gleichgültig, ob ur in untergeordneten Fragen 'altmodische oder verquere. Ansichten hat. Wer den Aufbau schädigt oder verzögert oder kompliziert, ist ein Reaktionär, gleichgültig, ob er dabei schöne Reden führt oder nicht. Wie waren die Fronten gestern zusammengesetzt, als es um den Sturz der Hitlerherrschaft ging? Die Front der Reaktionäre — zum Unglück Deutschlands größer als die Front der fortschrittlichen Menschen — bestand aus Angehörigen aller Schickten. Neben Landsknechten und kriminellen Elementen standen Großindustrielle und Finanziers, irregeführte Arbeiter und Angestellte, Kaufleute und Spekulanten, Wissenschaftler und 'Künstler — alle zusammengehalten im Anfang vor allem durch die Scheinblüte, am Ende vor allem durch die Angst. Es war klar, daß mit dem Sturz des Regimes breiteste Schichten vor der Notwendigkeit einer wirtschaftlichen und geistigen Neuorientierung stehen würden. - Die' kleine Front der fortschrittlichen Menschen von gestern war gleichfalls bunt, lieben Arbeitern und Intellektuellen, die schon in den vergangenen Epochen für den Fortschritt eingetreten waren, stand eine lange Reihe von Menschen aus den verschiedensten Schichten, die das primitive Gerechtigkeitsgefühl trieb, eine "Reihe von Geist- , liehen, dier Hitler wegen seines Terrors gegen die Kirche bekämpften, eine Reihe von „alten Familien”, denen die Breitspurigkeit der nazistischen Emporkömmlinge auf die Nerven ging, zum Schluß eine ffceihe von Generalen, hohen Beamten usw., die die sinnwidrige Befehlsgebung mit ihren Fachkenntnissen .beim besten Willen nicht mehr in Einklang zu bringen vermochten. Sie alle waren, indem sie gegen Hitler vorgingen, aktive Antifaschisten und daher vollwertige Bestandteile der Fortschrittsfront. Aber es war klar, daß die Fortschrittsfront in dieser Zusammensetzung nicht in die nächste Epoche hinüberwechseln würde. Und tatsächlich. Erst ein Jahr liegt nach dem Zusammenbruch der Hitlerherrschaft hinter uns, ein Jahr von den zwanzig oder fünfzig Jahren des neuen Aufbaues — und schon sehen wir, wie eine neue Front des Fortschritts und eine neue Front der Reaktion sich herausbilden, und zwar, da nunmehr der Aufbau die zentrale Frage ist, eine Front, die den Aufbau fördert, und eine, die ihn lähmt., Dabei vollzieht sich die Bildung "der beiden' neuen Fronten unter den besonderen Bedingungen dieser Epoche: 1. unter der Bedingung der Liquidierung des Faschismus und des Militarismus, die besondere Wachsamkeit erfordert und zeitweise starke Kräfte bindet, 2. ^hnter der Bedingung der durch Hitler hervorgerufenen Not der Massen, die zahlreichen Menschen den Blick für das Ganze verwehrt, wie auch der Not des Vaterlandes, die Spekulanten zu Anschlägen auf dessen Einheit veranläßt, 3. unter der Bedingung der Diffamierung des Faschismus im Weltmaßstabe, die heute auch die Feinde der Demokratie veranlaßt, als Demokraten aufzutreten, was nicht wenigen Menschen die Orientierung erschwert. Was sehen wir nun, wenn wir die im Werden begriffenen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.