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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-10-25 · 14 (25.10.1946) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
14 (25.10.1946)
Date
1946-10-25
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Herr von Papen hinter den Kulissen Der Freispruch Franz von Papens löste im ganzen deutschen Volk Stürme der Entrüstung aus. In Nürnberg konnte man Herrn von Papen zwar keine Verstöße gegen international anerkannte Rechtsgrundsätze nach weisen. Das deutsche Volk aber hat ein Recht darauf, klar zu sehen, wie weit die Machenschaften des Herrn von Papen dazu gedient haben, es selbst und weite Teile der Welt ins Unglück zu stürzen. Von Papen war' kein Diplomat, sondern ein Intrigant größten Formats. Schon 1925 verstand er durch stille Wühlarbeit, allerdings unter dem Deckmantel des Zentrums, innerlich aber militaristisch-nationalistisch denkend,, mit Hilfe seiner Freunde der Bayrischen Volkspartei die Entscheidung für die Wahl des Reichspräsidenten auf den Konservativen Hindenburg fallen, zu lassen. Daß bei dieser Wähl der Mili-„ tarist Hindenburg und nicht der Demokrat Dr. Marx durchtam, ist hauptsächlichstes Verdienst des Herrn von Papen. Was aber wäre geschehen, wenn sein geglücktes Spiel damals mißlungen wäre? Heute wird uns eine Antwort darauf wenig nutzen, aber sicher ist, daß die ganze für das deutsche Volk so beschämende und durch Papen möglich gemachte Hitlerepisode der Welt erspart geblieben wäre und infolgedessen niemals derartige Verbrechen gegen die Menschlichkeit und die Verfolgung und Ausrottung der Juden stattgefunden hätten. Und von Papen, dem nicht, zuletzt die Schuld an der, Vernichtung von 6 Millionen Juden zuzuschreiben ist, darf und wird hoffentlich seiner gerechten Strafe nicht entgehen. , D. B, Schacht, „der Revolutionär“ Der Freispruch des Herrn Schacht hat nicht weniger großes Aufsehen erregt, als der des Herrn von Päpen. Schacht, der Mann, der in den Zeiten der Weimarer Republik als Präsident der deutschen Reichsbank Hunderttausende verdiente und um seinen Machthunger zu stillen, nur zu willig bereit war, auch, die Führung der deutschen Finanzgeschäfte für Hitler zu besorgen, Schacht, der Mann, der mit seinen internationalen Beziehungen versuchte, die Welt zu täuschen, der Hitler das. Geld zur Aufrüstung /zur Verfügung stellte und vorgab, für einen Defensivkrieg zu rüsten, ließ sich vor dem Nürnberger Gericht als „Revolutionär” hinstellen. Wer aber war der Mann, der Schacht als einen „Revolutionär” bezeichnete?- Der Zeuge v. Gisevius, der Mann, „der verpaßten Gelegenheiten”. Wohl an die 15 Putsche hat er arrangiert, aber nur ein einziger kam zur Ausführung, nämlich der am 20. Juli, und das Resultat ist bekannt. Infolge eines „technischen Versehens” wurden - vier brave Leute gehängt. Man hatte nämlich vergessen, die Liste der Teilnehmer zu vernichten und so fand dehn die Gestapo in dem Geldschrank des General Frommers die Liste und hängte alle Beteiligten. Das nennt man überorganisieren. Und ausgerechnet dieser Herr v. Gisevius behauptete, Schacht sei ein Revolutionär. Aber auf die Fragg des Mr. Jackson mußte er dann klein beigeben und zugestehen, daß Schacht erst um das Jahr 1938—39 seiner Gruppe beitrat, weil er als Reichskanzler in Aussicht genommen war. Auf eine weitere Frage des Lord-Richter Jackson, ob es dem Zeugen nicht merkwürdig vorkam, daß der Revolutionär Schacht dennoch im Amte der Nazis blieb, lautete die Antwort: „Ja, verstanden haben wir das nie ganz.” Herr Schacht ist zwar vom Nürnberger Tribunal freige-, sprochen worden*, aber das Gericht hat ausdrücklich erklärt, daß die Rechnung, die das deutsche Volk mit diesem Manne noch abzumachen hat, vor den deutschen Gerichten noch auszutragen sei und hier wird hoffentlich das letzte Wort in nicht allzuferner Zeit gesprochen werden. F. Alfred Hugenberg Die Verhaftung des ehemaligen Reichsministers Alfred Hugenberg, des einst mächtigen Beherrschers des Scherl- Zeitungskonzerns, wird in weiten Kreisen Befriedigung auslösen. Deswegen, weil Hugenberg zu dem Personenkreis zu zählen ist, dem das deutsche Volk deh Machtantritt des Nationalsozialismus zu verdanken hat. Alfred Hugenberg hat in den ganzen Jahren der Republik eine verhängnisvolle Rolle gespielt. Sein Filmkonzern, die Ufa, ließ die Fridericus-Rex-Filme drehen, die eine Verherrlichung des Militarismus waren und das' ganze Volk gegen alle demokratischen Einrichtungen aufwiegelten. Aus diesen Frideri -us- Rex-Filmen erwuchs der Stahlhelm- und Braunhemdengeist, bis schließlich das ganze Volk wieder in Uniformen steckte und die Waffen in die Händ nahm. Hugenberg hat das deutsche Volk für die Angriffskriege Hitlers reifgemacht. Mit seinen Filmen und mit seiner Presse. Im „Lokal-Anzeiger” schrieb jahrelang Friedrich Hussong seine geifernden Artikel gegen alles, was Demokratie war und der Schmierfink Rumpelstitzchen. alias Stein, durfte täglich seine Schmutzkübel Über die Männer der Sozialdemokratie und der anderen demokratischen Parteien ausgießen. Hinzu kam, daß auch die übrigen Blätter des Scherl-Verlages, insbesondere die Frauenzeitschriften, die Frauen für den „Retter” empfänglich zu machen bestrebt waren, den Hugenberg allerdings selbst spielen wollte. Er wurde durch Hitler verdrängt, als die Schwerindustrie ihn nicht für zugkräftig hielt und auf eine Nebenrolle als. Minister verwies. ■ * Alfred Hugenberg war einer der Inspiratorender Harzburger Tagung, auf der die Deutschnationalen mit weiters Kreisen der Deutschen Volkspartei, des Stahlhelms und den Nazis zusammenkamen, um zu prüfen, inwieweit sie gemeinsam die Regierung übernehmen könnten. Papen, Söhacht und Hugenberg haben sich dann für das Reichskabinett Hitlers zur Verfügung gestellt. Alfred Hugenberg gilt als einer der größten politischen Verbrecher am deutschen Volk. Welche Rechnung die britische Regierung, die ihn verhaften ließ, mit Hugenberg abzumacheii hat, bleibt abzuwarten. Wichtig ist nur, daß auch' Hugenberg vor ein deutsches Gericht kommt, damit er für seine Verbrechen am deutschen Volk zur Verantwortung gezogen wird. Hitler im Zeugenstand Die nachträgliche Sensation in Nürnberg Die nach folgende Satire auf den Nürnberger Prozeß haben wir dem -„Nürnberger Extrablatt“, einer Sammlung von humoristischen Beiträgen deutscher Berichterstatter, entnommen. „Ich war nie Mitglied der Partei und habe erst hier von der Verfolgung der Juden erfahren”, erklärte der in der Dienstagmorgen-Sitzung des Internationalen Militärtribunals als Zeuge auf gerufene ehemalige Reichskanzler des' Dritten Reiches, Adolf Hitler. . Die -Einvernahme Hitlers war ein dramatischer Höhepunkt des Prozesses. Bei Beginn der heutigen Verhandlung beantragte Dr. Alfred Seidl, der Verteidiger des Angeklagten Heß, einen weiteren Entlastungszeugen für seinen Mandanten vorladen zu dürfen. Nach kurzer Beratung gab das Tribunal dem Antrag Dr. Seidls statt, und der Zeuge Hitler, in einen hellen Trenchcoat gekleidet, betrat den Zeugenstana. Auf Befragen des Verteidigers erklärte Hitler, daß er stets „innere Bedenken” gehabt habe, sich zum^Führer des Dritten Reiches zu machen. Er sei jedoch, sagte Hitler, von der „Vorsehung” dazu gezwungen worden. Er habe mehrfach versucht zurückzutreten, habe sich damit jedoch nicht durchsetzen können. Tatsächlich, fuhr der Zeuge fort, habe er seine Regierungsgewalt nie ausgeübt, sondern sei lediglich ein Werkzeug Himmlers gewesen. Der „Kommandobefehl”, der „Nacht- und Nebel-Erlaß”, sowie andere „Führererlasse” seien eigentlich von Martin Bormann verfaßt worden. Der Zeuge gab weiter an, die Aufrüstung Deutschlands sei ohne sein Wissen auf Grund dunkler Machenschaften des englischen Geheimdienstes betrieben worden. Auch von dem Raub europäischer Kunstschätze habe er nie etwas erfahren. „Wohl habe ich zu verschiedenen Gelegenheiten Kunstschätze als Geschenk erhalten”, behauptete Hitler, „ich war jedoch stets der Ansicht, es handle sich um Imitationen und habe außerdem den vollön Gegenwert der mir übergebenen Kunstschätze auf einem geheimen Bankkonto in einer geheimen. Bank unter dem Namen „Eva” deponiert.” Im Kreuzverhör durch den Sowjetankläger General Roman Rudenko erklärte Hitler, er habe von der Existenz der Konzentrationslager bis zu seinem Eintreffen in Nürnberg nichts gewußt. Rudenko: „War Ihnen das Ausrottungsprögramm gegen die Juden nicht bekannt?” : } Hitler: „Nein. Ich habe erst gegen- Ende des Krieges durch Zufall von einigen Heb ergriffen erfahren und habe sofort den Angeklagten Hermann Göring, der für die Errichtung der KZ’s verantwortlich ist, zum Tode verurteilt!”

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