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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-10-25 · 14 (25.10.1946) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
14 (25.10.1946)
Date
1946-10-25
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Attlee antwortet Truman London. Der britische Ministerpräsident Clement R. Attlee* hat Präsident Harry S. Truman eine Antwort auf dessen Appell zur unverzüglichen Freigabe der Einwanderung nach Palästina übersandt. Ein Vertreter des britischen Außenministeriums bezeichnete die Erklärung Trumans als ein» Vorbelastung der schwebenden Verhandlungen über Palästina. Sie sei gegen den Wunsch des britischen Premierministers, der vor ihrer Veröffentlichung Rücksprache mit Außenminister Bevin nehmen wollte, bekanntgegeben worden. Es sei betont worden, daß Großbritannien nicht' glaube, eine Entscheidung über die Einwanderung vor Schaffung einer Verfassung fällen zu können. Es bestehe kein» Absicht,, die geltenden Bestimmungen über Einwanderung nach Palästina zu lockern. Der stellvertretende US-Außenminister Dean Acheson führte auf einer Pressekonferenz aus,, das Außenministerium habe dem britischen Außenamt bereits vor zwei Monaten eingehende Vorschläge entsprechend den von Präsident Truman übersandten Richtlinien zugestellt. Auch habe ein Vertreter der „Jewish agency” de*h USA-Ministerium' sowie der britischen Regierung einen Plan unterbreitet, zu dem das USA-Ministerium der britischen Regierung mitgeteilt habe, daß er von Interesse sei, daß es ihn aber weder fördere noch unterstütze. Ein lebhaftes Ecfio fand der Vorschlag des Präsidenten in der arabischen Welt. Die irakische Regierung übermittelte der britischen Botschaft und der amerikanischen Gesandtschaft in Bagdad ein Memorandum, in dem sie gegen die Forderung einer sofortigen Einwanderung von hunderttausend Juden nach Palästina beim USA-Präsidenten Protest erhebt. In einem Protest-Kommunique der syrischen Regierung heißt es, dl» Erklärung ziele auf ..eine Vernichtung der arabischen Kation zugunsten der aggressiven Zionisten hin. Einstmals und jetzt. . ..? Da wir heute wieder in der Zeit der freien Meinungsäußerung leben — so hat wohl auch ein jeder das Recht, ein Wort zu dem zu sagen, was ihn bedrückt. Vorausschicken möchte ich, daß: ich eine von den übriggebliebenen deutschen Jüdinnen bin und das wenig rosige Los mit meinen Rassegenossen teile. Es ist schon soviel in den Zeitungen für und gegen uns geschrieben worden^ aber immer stand sehr viel Gutes für uns auf dem Papier. In Wirklichkeit ist für uns nur wertig mehr als eine KZ-Zulage herausgekommen. Das ist an und für sich, bei den heutigen Lebensmittelverhältnissen sehr vier, nur bleibt die 2. Frage dabei unbeantwortet, was geschieht weiter für uns oder ist das alles? Wir haben alle grausame Jahre hinter uns, Jahre ries Schreckens, Jahre der Vernichtung, Jahre unsagbaren Leides, Jahre der Qualen, des Hungers, des Dahinsiechens. Ein Jeder von uns mußte blutenden Herzens seine Liebsten in den Gastod geherr lassen, nuivwenigen von uns war es vergönnt, übrig zu bleiben. Man müßte eigentlich meinen,’ daß das, was hinter uns liegt, vergangen ist, aber wer kann so schnell diese unsagbaren Folterqualen vergessen? Im Heft 9 des Simpl habe ich einen Artikel gelesen, und da sind auch in mir wieder die bittersten Erinnerungen hoch- gestiegen. Wie gu£ lebt das deutsche Volk auch heute wiedei Weiter in seinem Land und in seinen Besitztümern und wie fair wird es von seinen Siegern behandelt und wie knurrt und murrt es trotzdem und ist unzufrieden. Warum? Vielleicht sind es die Grundprinzipien der Demokratie, die dem deutschen Volk nach den Glücksjahren des Nationalsozialismus nicht behagen? Man müßte doch eigentlich meinen, daß gerade dieses deutsche Volk allen Grund hatte, das begangene Unrecht wieder gutzumachen, nicht nur durch auls opfernde Arbeit am Neuaufbau des Staatsgefüges, nein, durch tatkräftige, mitfühlende und verstehende Hilfe an den Menschen, die durch seine Mitschuld um alles gekommen sind. - ' Mhn hat uns innerhalb weniger "Minuten aus den Wohnungen gejagt ohne Hab und Gut, man" hat unsere Kinder zu Analphabeten gemacht, es gab weder Fleisch noch Butter für uns, noch Milch für unsere Säuglinge. Wie sahen Eier aus. Es war vieles da, aber nur für Arier, Juden? Was, sind das denn auch Menschen? Das sind doch nur Fresser, die können, ruhig sterben, je schneller desto besser, hinein in den Ofen, damit sich das deutsche Volk weiter mit aus seinen Knochen gewonnenen Produkten waschen kann, damit die Damen der Bonzen aus seinem Leder schöne Handtaschen tragen können, fort mit diesen Parasiten, nur schnell fort. Unser Los war ein tragisches, ein harter Kampf gegen unerbittliche Gegner. Wohl waren wir schon mürbe geworden, aber wir hatten einen Willen — in der Tiefe unseres Willens war der Kampf um unser Leben erwacht und kein Hunger, keine Krankheit, keine neuen Ankündigungen von Willkürakten gegen uns konnten unsern Willen unterdrücken. Es gab Stunden der Verzweiflung, der Mutlosigkeit, aber es gab auch Stunden der Hoffnung, wo wir ahnten, daß der Ausgang dieses Kampfes für die andern kein guter sein kann. v Und dann kam die Stünde unserer Befreiung, die Stunde, auf die wir Jahre gewartet hatten, für die wir Juden Jahre unseres Lebens auf geopfert hatten. Das unschuldige Blut, das von unseren Leuten vergossen worden ist, kann nicht wieder reihgewaschen werden. Die Erde würde sich rot färben und keine Früchte tragen, ' würden wir es an dem deutschen Volk so heimzahlen, wie sie es verdienten. Nein, wir wollen keine Rache, nur Verständnis bei allen denen, die unsere imglückliche Lage verstehen können. Ein kleiner Trupp - deutscher Juden ist aus den jetzigen Verwaltungsgebieten Polens hilfe- und fechtsuchend hierhei eingewandert. Wir sind „Flüchtlinge’* geworden. Viele von uns haben keine Wohnung, keine Existenz, kein Geld, keine Kleider etc. Viele von uns sind krank, haben unterernährte Kinder und schämen sich ihrer unverdienten Armut. Wo bleibt die Hilfe für uns^ Wann werden wir in die uns zustehenden Rechte eingesetzt? Für uns deutsche Juden ist bislang wirklich nicht viel getan .worden; wir werden weiter wie bei Hitlers Zeiten in die Ecke gestellt und sollen geduldig warten, bis sich einmal jemand findet, der sich auch für uns einsetzt. Durch das Radio werden deutsche Juden aufgefordert, in ihre alte, deutsche Heimat zurückzukehren; sie werden erwartet, man will ihnen all das wiedergeben, was sie verloren haban, sie Sollen sogar in ihre alten Rechte wiedei eingesetzt werden etc., so sagt man im Radio! Eine sehr gutgemeinte Einladung, wenn sie auch wirklich in die Tat umgesetzt werden würde. Nur ein typisches Beispiel will ich anführen — Wohnung. Will man eine Wohnung haben, so tritt man vorerst den Bittgang auf das Wohnungsamt an, hat man Glück, so darf man eine politische Wohnung besichtigen - oh ja - und gefällt dieselbe - geht man zurück, dann wird sie beschlagnahmt. Alles dauert ein wenig lange, für den' der nötig eine Wohnung braucht. Einige Ausschüsse prüfen den Fall, erst muß festgestellt werden, wie schwer oder leicht dieser Nazi belastet ist: Der Jude, der durch dieses Naziregime obdach- und heimatlos geworden ist, muß halt wieder warten und kann sehen, wp er ein Obdach findet, aber dem Nazi darf kein Unrecht geschehen. Dann, wenn vielleicht alles genehmigt worden ist, daß die Wohnung geräumt werden muß, rennt dieser Nazi erst noch überall herum, sich sein Recht suchen, er klagt und jammert fürchterlich, das sind seine Möbel — seine Teppiche — seine Bilder — das hat er von seinen Ersparnissen angeschafft etc. Es ist fürchterlich, Wenn man aus seinem Eigentum heraus muß, uns^ ist es nicht anders gegangen, nein, viel schlimmer. Wir. hatten keine Ausschüsse, die von Fall zu Fall geprüft haben, wirmußten gehen und — aus. Warum soviel Papierkrieg, wenn alles viel / einfacher gehandhabt werden könnte! - Ist es so schlimm, wenn wir für uns eine Wohnung verlangen, wo noch heute edle Parteigenossen nachweisbar in Villen und großen Wohnungen hausen? Ist es nicht hohnsprechend für uns, wenn man uns auf etwas warten läßt, was uns ohne weiteres zusteht? Müssen wir Treuhänder über das Eigentum der Nazis werden? Keine Eigentümer? Uns enteignete man alles ohne Entschädigung, man wollt», aber es ist nur bei dem Wollen geblieben. Wir werden die für uns in Frage kommenden Stellen nicht bitten^ uns unser gehabtes Eigentum zurückzuerstatten. Wir verlangen und fordern, in unsere alten ^Rechte wieder eingesetzt zu werden — durch die amtlichen Stellen und durch das deutsche Volk. * Wer uns hilft — ist mit uns und bekundet durch seinen guten Willen und durch seine Tat, daß er Verständnis für unsere unglückliche Lage hat und wirklich mithelfen will an der Wiedergutmachung des gesehenen Unrechts. Also — auf zur Tat! Margot Engel, Müncher^ 42, Agricolastr. 32.

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