Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 13 (10.10.1946)
- Date
- 1946-10-10
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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ben sich zum Widerstand erhoben und selbst Sowjetrußland um Unterstützung ihres Standpunktes angegangen; Bedenkliche Signale" tauchen von dieser Seite auft Und die Juden? Sie sitzen, soweit sie den Konzentrationslagern und den Gaskammern entkommen sind, in Verschlepptenlagern in Deutschland, sie strömen aus Polen hach. Mitteleuropa und, hoffnungslos in dieser Umwelt, pochen sie an die -Tore Palästinas, organisieren dorthin illegale Einwanderungstränsporte und in Palästina selber wachsen die jüdischen Kampf Organisationen. Immer wieder kommt es zu blütigen Zusammenstößen, zu Attentaten, die aber noch umfangreicher und folgenschwerer würden', wenn die Engländer ihre Trüppen aus dem Lande zurückzögen. Großbritahnien kann es auf keinen ernsten Konflikt mit der arabischen Welt ankommen lassen und es kann auch seine Hauptverbindungslinie nach dem Osten nicht aufgeben. Die Lage erscheint beinahe aüsweglos — wenn nicht mit Hilfe der anderen großen Länder, vor allem der Vereinigten Staaten und d^r Sowjetunion, eine Lösung gefunden wird, die alle Parteien wenigstens teilweise befriedigt, die aber selbst durch eine- Auf Schließung Palästinas für die Juden nicht gefunden werden kann. Andere Länder müßten da ihre Türen öffnen. r Mischlinge. ,# Wie öft hört man jetzt das Wort: „Ich bin ein Mischling, ich bin ein H^lbjude, ich bin ein Vierteljude”? Diese Kennzeichnung, die von den Nürnberger Rassengesetzen herrührt, hat während der Rassenverfolgungen denjenigen Personen, die aus „Mischehen” zwischen Juden ünd Nichtjüden stammten, dazü gedient, um . das „arische” Element ihrer Erzeuger hervozuheben ünd - somit die daraus -folgende „mildernde Behandlung” durch die Nazis herbeizuführen.. Nach dem Sturze des Hitlerismus benützten dieselben Personen dieselbe Bezeichnung, um das „jüdische” Element ihrer Erzeuger hervorzuheben. Es bestehen bereits „Vereinigungen von Mischlingen”. Der* Zweck ist fast derselbe, gewisse Begünstigungen zu erlangen. Diese Personen geben sich -jn ihrem' Bestreben nach materiellen Vorteilen (Konzessionen und Lizenzen, Zuweisungen von Bezugscheinen, Hilfe seitens ausländischer jüdischer Hilfsorganisationen usw.) von der moralischen Seite dieser Kennzeichnung gar keine .Rechnung. . Mischlinge gibt es bei Tieren (Pferde, Hunde usw.), die durch Kreuzung verschiedener Gattungen oder Rassen entstehen. Das Menschengeschlecht kennt, wohl auch solche , Kreuzungen (weißer und schwarzer udgl.). Es entsteht dann ein neuer Menschentyp — Boren, Mulaten — der sich abernicht Mischlinge nennt. Menschen die in demselben Länge- und Breitengrad leben, dieselbe1 Nahrung genießen, dieselben Sittern und Bräuche haben, dieselbe Zivilisation, und Kultur besitzen, dieselbe Haut- und Haarfarbe aufweisen, — es gibt schwärze' Deutsche und blonde Juden — Mischlinge zu nennen, ist -ein Unterfangen, das nur in. den berüchtigten antisemitischen — die Juden als* minderwertige „Rasse” kennzeichnenden Gesetzen seinen Halt hatte. Daß die R.assentheorie des Nationalsozialismus vollständig bankrottiert hat, weiß jetzt auch der kleinste ehemalige Pg. * Engländer heiraten Franzosen, Franzosen heiraten Pc^en und Deutsche, Holländer heiraten Deutsche, Russen, Eng-' länder und umgekehrt. Alle Nationalitäten gehen Mischehen ein. Keinpm der Sprößlinge dieser Mischehen wird es je einfallen sich „Mischling” zu nennen oder sich als Halbengländer, Halbpole* Viertelholländer usw. vorziistellen. 'Durch'das Hervorheben dieser Mischung gibt man unwillkürlich kund,' daß einer der Erzeuger minderwertig war undman, je nach Bedarf, den „mehrwertigen” Ahnen unterstreichen möchte. Dieses Vorgehen ist eine Selbsterniedrigung und wirkt auf den Seitenstehenden abstoßend. Leider leben noch -viele dieser Opfer des, Faschismus in der Nazipsychose und merken gar nicht, daß sie dadurch sich zu einer minderwertigen Menschengruppe stempeln und bei den Mitmenschen Mißachtung hervörrufen. Man möge doch endlich den Mut haben, offen und ohne Angst vor Verfolgungen, sich entweder als Jude oder als Nichtjude zu bekennen. Tertio non datur! Dr. S. Schapira Die Bad Mer gentheimer Synagoge wurde eingeweiht.* Die Tempelschändtmg des Jahres 1938 findet ihre Wiedergutmachung. * Die Stadt Bad Mergentheim stand unter dem Eindruck'' des Tages der „Opfer des Faschismus”. Dank der besonderen" Bemühungen des Herrn Julius Fechenbach, dem die Leitung der Betreuungsstelle für die politisch Verfolgten des Nazi-Regimes des Kreises Mergentheim obliegt, war es gelungen, bis zu diesem Tage auch die Synagoge der Stadt, die in jenen Jahren des Judenpogroms stark gelitten hatte, vollständig zu renovieren, : so daß sie der jüdischen Gemeinde wieder als würdiges . Gotteshaus dienen kann, Im Mittelpunkt der Feierlichkeiten ständ die stimmungsvolle Einweihung der wiederhergestellten Synagoge, die am Sonntag vormittag in Anwesenheit des Ministerpräsidenten Dr. Reinhold‘ Maier, Vertretern.- der Militärregierung; des Arbeitsministers. Kohl,1 des Vorstandes der jüdischen Kultus Vereinigung Württembergs Guggenheim, des Landrafs Dr. Brönner und des Bürgermeisters Daiker und der Vertreter der verschiedenen Konfessiohen von dem Oberrabiner der Stadt München vollzogen wurde. Als Gäste waren ferner erschienen der Ex-Zar Ferdinand von Bulgarien und der Staatskommissar für das Flüchtlingswesen Württemberg-Baden Stockinger, die in Mergentheim zur Kur weilen. Nach einer musikalischen Einleitung sprach Herr Fechenbagh die Begrüßungsworte. Es folgte eine Ansprachedes Herrn Guggenheim, worauf Ministerpräsident Dr. Maier das Wort ergriff.-Er wies auf die Bedeutung des Gedenktages hin. und würdigte in -längeren Ausführungen die Verdienste berühmter jüdischer Kaufleute und Bankiers, deren unermüdliche Tatkraft dem‘Lande zu dem einstigen Wohlstand verhalten. Bürgermeister Daiker betonte in seiner“' Ansprache, daß die jüdische Gemeinde ihr schönes, neu-' erstandenes Gotteshaus als Stätte der Andacht und des Friedens zurückerhalten hätte und dieses wieder unter dem Schutz der Stadt stehen würde. Landrat Dr. Brönner sprach im Namen des Innenministers Glückwünsche -zur Einweihung der Synagoge aus mit. der besonderen Versicherung, daß "das Innenministerium .sich für die Milderung des Loses der hinterbliebenen Juden soweit als möglich eirisetzen werde. Er ging sodann auf die" Bedeutung Mergentheims als Zentrum' des Judentums schon zu Zeiten de« Deutschordens ein und unterstrich, daß das Judentum mit, der hiesigen Bevölkerung über ' Jahrhunderte, stark verwachsen war. *' - Es folgten die Ansprachen der Vertreter der verschiedenen Konfessionen und eines Abgesandten der jüdischen Gemeinde der Stadt Frankfurt, der als ehemaliger KZi-Insasse von Theresienstadt die Worte: „Wir sind ^nicht voll Haß zurückgekommen f” zum Leitmotiv seiner Ausfühl ungen machte. ... - Anschließend pahmfder Oberrabiner der Stadt München die- Einweihung der Synagoge vor; Zum Abschluß der Feier behandelte er die Geschichte des Judentums und der antisemitischen Strömungen in den verschiedenen Jahrhun lerten mit ihren Ursachen und Wirkungen. Er lehne es' ab, das allgemeine Flüchtlingsproblem mit den Umsiedlurigsfrägen der Juden zu verbinden; er forderte den unabhängigen jüdischen Staat, in dem die Stellung des Juden als Jude und als Mensch gewährleistet sei. - ' Den Abschluß der Feierlichkeiten bildete eine öffentliche Kundgebung irfi Kursaal am Sonntagnachmittag. Einleitend sprach Georg Willi Herberg -den „Prometheus” von Goethe, es folgte „La Folia” vom Corelli, meisterhaft gespielt von Eva Barth und von Ludwig Sc&wartzer am Flügel begleitet.* Unter den Ansprachen ist besonders hervorzuheben die Rede des Arbeitsministers Kohl,, der den Einsatz aller Kräfte und die Mitarbeit aller, vor allem der deutschen Jugend, zum Wiederaufbau des Landes forderte. Die Kundgebung klang mit einem Lied des Männergesangvereins Bad Mergentheim aus. . Die würdige Gestaltung des Tages „Opfer des Faschismus” ist nicht zuletzt der persönliche# ‘ Initiative, und Tatkraft des Herrn Julius Fechenbach zu verdanken; die Bedeutung des Gedenktages wurde der Bevölkerung der Stadt Mergentheim auf das Eindrucksvollste vermittelt.