Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 13 (10.10.1946)
- Date
- 1946-10-10
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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gekommenen Juden, die Ehepartner der Juden, die treu die Jahre hindurch zu ihren jüdischen Ehegatten gehalten haben und die Mischlinge 1. Grades, die wirklich der Verfolgung aüsgesetzt waren. Und das bayrische Hilfswerk unter der Leitung von Herrn Direktor Fischer-Weppler und dem stellvertretenden Direktor Pucyck hat Vorbildliches geleistet. Sowohl das Zentral- Kommittee wie das bayrische Hilfswerk unterhalten Erholungsheime für die Opfer des Rassenwahns, und man darf , sagen, daß hier wirklich für diese notleidenden Menschen gesorgt wird. Ich werde' Gelegenheit finden, alle diese Heime kennen zu lehnen und Ihnen auch hierüber berichten. Und wenn ich bei meinem Amtsantritt von einer Üeberraschung sprechen darf, war es die, daß es immerhin ein Land im deutschen Vaterland gibt, in dem man gemeinschaftlich bemüht ist, die Wunden^ zu heilen, die der Rassenwahn geschlagen. Dr. Philipp Auerbach, Staatskommissar. Die Juden in der Sowjetunion. Sarah Wesker, 'ein Mitglied der britisch-sowjetischen Gesellschaft, besuchte in dieser Eigenschaft unlängst die Sowjet Union und veröffentlicht jetzt ihre Eindrücke von dem Aufenthalt dort im Daily Worker. Sie erzählt, daß die Juden aus den russischen Grerizbezirken, es waren Hunderttausende, die nach dem Innern evakuiert worden waren, in ihre alten Heimstätten in der Ukraine und in Weißrußland zurückkehren. Da haben sie vor dem Krieg gelebt und es ist natürlich, daß sie da weiterleben wollen. Vielleicht, daß sie noch Verwandte lebend vorfinden und daß noch etwas von ihrem Eigentum vorhanden ist. Sie erklären: Auch wenn wir ganz von vorne wieder anfangen müssen, dann wenigstens da^ wo wir unser ganzeg Leben verbracht haben. Das war der Grundton aller Unterhaltungen, die ich mit vielen Juden in gutem heimatlichem Jiddisch führte.. Dieser Lebensmut und absolute Zuversicht erfüllte sie ‘alle. Ebenso wie ihre nicht jüdischen. Landsleute, mit .denen sie zusammen in deh verwüsteten Kriegsgebieten neu aufbauen,. Sie kennen das Wort „unmöglich” nicht. Das ist begreiflich. Diese Juden gehen „zurück aheim”, in der Sowjet-Union kennen sie die Probleme nicht, die ihre Brüder und Glaubensgenosse?! in anderen Teilen Europas belasten. Hier gibt es keine faschistischen Terroristen, welche sie angreifen und ihre Arbeit zerstören könnten. ’ . ■; Die Sowjet-Regierung gewährt ihnen jede mögliche Hilfe. Das ist zu erwarten in einem Land, in welchem der Antisemitismus als „außer dem Gesetz stehend” erklärt worden ist und in welchem eine jüdische Frage nicht mehr besteht. Der dringende Wille unter großen Teilen der Sowjet- Judenschaft als4 Juden zu leben und ihre Freiheit, das zu tun, ist unter-den 300 000 Juden Moskaus offensichtlich vorhanden. Sie haben ■ ihre Synagogen, ihre Kantoren und rituelle .Schläqhter. . Sie haben keine Schwierigkeit, sich Lebensmittel zu verschaffen, die dem Äitus entsprechen. Ich traf viele prominente Juden. Einer davon ist Isok Zaltsmann, er. -ist der Sohn eines kleinen Schneiders und hat jetzt die Stellung als Direktor ,der großen Traktorenfabrik in Tscheliabinsk, welche 60 000 Arbeiter beschäftigt. Er ist der Held der sozialistischen Arbeit und hat den Rang eines Generalmajors. Er ist ein persönlicher Freund Stalins. Zaltsmann. ist stolz darauf, zu erklären:’Ich bin Jude. Zwei hervorragende Juden sind die. Leiter der Sowjetrussischen Judenschaft, Professor Solomön Mikhoels, ein' führender Schauspieler, der in der ganzen Scfwjet-Union bekannt und berühmt ist und Oberst Izik Feffer, ein berühmter jiddischer Dichter. Mit ihnen und anderen jüdischen Führern' hatte ich lange Unterhaltungen über den Antisemitismus. Sie waren sehr interessiert am jüdischen Lgben in, England. r . Ob wir wirklich begriffen hätten, daß der Faschismus nur * militärisch besiegt worden sei, daß aber seine Ideologie in manchen Teilen der Welt noch am Leben sei. Ob wir in England wirklich die dringliche Aufgabe uns klargemacht hätten, daß man diese antisemitische Ideologie ausrotten müsse* hinter der sich die Reaktion, die alte und die neue verberge und »ihre Kräfte sammle. Solche Fragen mußte ich beantworten, und ich mußte offen gestehen, daß wir bei uns die Gefahr des Antisemitismus nicht so klar erkennen, wie wir das eigentlich müßten. Für die Menschen in Sowjet-Rußland ist die Aufgabe, die Ueberreste des Faschismus lind seine verrottete Ideologie zu, vernichten, ebenso wichtig wie der Kampf zur Zerstörung der Hitlerschen Kriegsmaschine. Die jüdischen Wortführer versicherten mir, daß sie ihre Rolle spielen würden, um in dieser Frage Einigkeit unter den Juden aller Länder zustande zu bringen. Falls ein internationaler Kongreß von antifaschistischen, jüdischen Organisationen berufen werde, um den faschistischeif Antisemitismus zu bekämpfen, nicht aber um politische Achsen zustande zu bringen, dann würden die Juden der Sowjet-Union einen tätigen Anteil daran nehmen. Die Palästina-Tragödie. Von L. Goldsch-midt Um. das „gelobte Land”, an dessen Stelle der altbiblische Moses, die sehnlich gesuchte Heimat nur noch mit Auge und Seele erfassend, starb, spielt sich in unseren Tagen ein weltgeschichtliches Drama ab, das. nicht ohne Beziehung zur deutschen Tragödie ist. Und das ist ein Anlaß mehr zu dem Versuche, wenigstens die wichtigsten Züge des vielfältigen Problems, das Palästina darstellt, ein wenig zu klären. Schon in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstand, ausgelöst durch das Ansteigen des Antisemitismus, in Europa eine zionistische Bewegung, die auf die Schaffung einer „durch das Gesetz gesicherten Heimat für das jüdische Volk in Palästina” abzielte. Nachdem im Jahre 1917 Palästina, das bis dahin den Türken gehörte, von.den Engländern erobert worden und dann britisches Mandatsgebiet geworden war, gab die Londoner Regierung in der sogenannten Balfour-Erklärung ihren Willen kurid, den Zionisten bei der Errichtung einer nationalen jüdischer! Heimstätte in Palästina zu helfen. Die Araber, die das Land bewohnten, widersetzten sich von Anfang an . diesen Bestrebungen. Großbritannien verwandelte daraufhin den größeren Teil Palästinas in ' einen eigenen Staat, Transjordanien, förderte aber die jüdische Einwanderung nach Rest-Palästina. Die Haltung der Araber gegen die Juden wurde immer feindseliger. Schon 1929 kam es zu bedeutenden blutigen Unruhen. Nun wurde die. Einwanderung eingeschränkt. Dies wiederum rief einen Entrüstungssturm des zionistischen Weltjudentums hervor — mit dem Ergebnis, daß nun die Einwanderung wieder erleichtert wurde. Es folgten schwere Kämpfe zwischen Arabern und Juden, dann wieder Einwanderungsbeschränkungen und so fort ohne Ende. 1 ' - Diese ununterbröchene Folge von Schwierigkeiten, die dem britischen Reich aus dem Palästina-Mandat erwuchsen, hät nun ihren Höhepunkt erreicht. Aber kein Engländer trägt Schuld daran, daß das Problerü so fürchterliche Ausmaße angenommen hat und daß es fast unlösbar scheint. Die arabische Welt wehrt sich gegen den Zuwachs der jüdischen Bevölkerung, die etwa eine halbe Million Köpfe zählt, nicht nür deshalb* weil den ^ungefähr fünf Viertel Millionen palästinensischen Arabern das Schwinden ihrer Mehrheit droht, es gibt da' auch macht- und weltpolitische Gründe, die von London bis in den Fernen Osten Reichen. Und die Juden? Nun eben ihr. Schicksal macht’ die Palästina-Frage zu einer Tragödie, in der die deutsche Geschichte eine leider so finstere Rolle spielt. > Von* etwa .6 % Millionen europäischer Juden hat nur, ungefährein Fünftel das durch den Nationalsozialismus angerichtete Blutbad überstanden. Die meisten von den Ueberlebenden wenden sich nach diesem Geschehen mit Grauen von dieser Stätte ab, suchen eine, neue Heimat und fast alle blicken dabei voll Sehnsucht nach dem „gelobten Land”. -- - . ' Seit dem Herbst 1945 befaßt sich ein amerikanisch-englischer Ausschuß mit der Palästina-Frage und empfiehlt zunächst die rascheste Ansiedlung "von weiteren 100 000 Juden im Lande ihrer biblischen Väter. Nach dieser Empfehlung soll Palästina aber weder ein jüdischer noch" ein arabischer Staat werden. Keiner dieser Vorschläge hat bisher zu einem Ergebnis oder Befriedigung einer der streitenden Parteien geführt. Letzthin tauchte der Gedanke einer Teilung Palästinas auf. Aber auch er findet kein gutes Echo. Die Araber Aegyptens, des Iraks, des Libanons, Saudi-Arabiens, Transjordaniens und des Yemeris ha-