Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 13 (10.10.1946)
- Date
- 1946-10-10
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Neujahrs-Glückwünsche des Brigadier General U.S.A. Miller an Dr. Auerbach, München. Dem Staatskommissar für jüdische Belange in Bayern Das am Vorabend , des Neujahrsfestes zugegangene Schreiben des amerikanischen. Generals Miller bringen wir unsern Lesern mit großer Genugtuung zur Kenntnis. Military Governeinent for Bavaria office of the director Herrn Dr. Philipp Auerbach Staatskommissar für die Opfer des Faschismus Bayrisches Innenministerium. München, 20. September 1946 Sehr geehrter Herr Dr. Auerbach! Meine besten Wünsche für ein neues Jahr, verbunden mit der Hoffnung auf Glück für die tausenden noch nicht in ihre Heimat zurückgekehrten Angehörigen des jüdischen Volkes, wefche ihre Zufluchtstätte,, gefunden haben unter crem Schütze unserer Armee. So groß die Enttäuschung des jüdischen Volkes während des letzten Jahres gewesen ist, und so viel Schwierigkeit und Bitterkeit auf ihrem Weg gelegen ist, ist es mein innigster Wunsch,'daß das kommende Jahr ihren Weg mit Zufriedenheit und Glücklichkeit erfüllen möge. \ Sowohl das militärische wie zivile Personal, welches meiriem Kommando untersteht, ist von mir instruiert worden, ihnen zu helfen bei den großen Problemen, die sich den hilfslosen Wanderern entgegen stellen, mit Fairneß und Verständnis. Möge das kommende Jahr diesem Volke die Erfüllung seiner Hoffnung bringen, daß es endlich ein beständiges Heim in Frieden und Sicherheit findet, wo sie ihr Leben neu gestalten können und den Platz einnehmen in einer freien Welt als wertvolle Mitglieder der Gesellschaft: gez. Walter I. Miller, Brigadier General USA., director - ■ ' - # Die Lage der Juden in Bayern. Es wird Sie sicherlich interessieren, daß ich Ihnen -einen ersten Bericht über meine Eindrücke aus dem schönen bayrischen Lande wiedergebe, wie ich es von der' Warte des Betreuers der Juden in Bayern gesehen. In der gesamten amerikanischen Zone liegen augenblicklich etwa 180 000 Juden.. Davon annähernd 100 000 im bayrischen Land. Eine große Anzahl, wenn Sie. bedenken, daß hur etwa 20 000 Juden in der englischen Zone leben. Die Struktur der Gemeinden und der Kommittees ist eine gänzlich andere, als in der britischen Zone. Sie Betreuung unterliegt für sämtliche DP’s und Flüchtlinge dem jüdischen Zentralkommittee; für die Angehörigen der Kultusgemeinden, den örtlichen Kultusgemeinden und für die rassisch Verfolgten dem bayrische«! Hilfswerk der durch die Nürnberger Gesetze Geschädigten. Alle diese Organisationen arbeiten aufs Engste mit dem Staatskommissariat für die Opfer des Faschismus im bayrischen Innenministerium zusammen. Das jüdische Zentralkommittee für die befreiten Juden der amerikanischen Zone hat seinen Hauptsitz in München. In der Siebert-Straße 3 ist ein großes Bürohaus, von wo au» die ganze amerikanische Zone geleitet wird. Das Zentralkommittee ist als Körperschaft des öffentlichen Hechts'anerkannt, und die Organisation dieses Kommittees ist -mit derjenigen eines wohlgeleiteten Ministeriums zu vergleichen. Eine eigene Rechtsabteilung, unter der Leitung des Herrn Dr, Tulscen, in dem eine bedeutende Anzahl namhafter Juristen arbeitet, besorgt die juristische Beratung der jüdischen Mitbürger. Die große Schwierigkeit, in der sich dieselben befinden, * dadurch, daß sie keine Geburtsscheine, Heiratsdokumente etc. erhalten können, sei es ausden von Polen oder Rußland besetzten, Gebieten oder aus zerstörten Städten, wird dadurch behoben, daß die juristische Abteilung nach sachlicher Prüfung und Zeugenvernehmung einen Interimsschein ausgibt, welcher mit Legalisierung durch das Staatskommissariat von den amerikanischen Behörden -nls ■ Amtsdokument entgegen genommen wird. ‘ . Das Wirtschaftsamt des Zentralkommittees steht unter Leitung des Herrn Segalspn, und das Präsidium,' welches sich aus Menschen zusammensetzt, die am eigenen Leibe die Schrecknisse der deutschen Konzentrationsläger durchgemacht haben, und die nur von dem Gedanken getragen sind, ihren Glaubensgenossen in weitgehendstem Maße behilflich zu sein und ihre Auswanderung in andere Länder, insbesondere nach Palästina, vorzubereiten, ist unermüdlich ' tätig. > Gemeinsam mit dem Staatskommissariat, der Jewish Agency und dem Joint werden jetzt die Probleme der Arbeitsbewirtschaftung und der Wiedereinrichtung in die Wirtschaft zur Vorbereitung für die Auswanderung für die vom Zen- . tralkommittee betreuten Menschen in Angriff genommen. Für München Stadt, und Land entwickelt das Münchener Kommittee unter Leitung des Präsidenten Schwimmer und . des Herrn Bergmann eine hervorragende Arbeit. Man beschränkt sich hier nicht nur auf die materielle Betreuung, sondern der Neubau der Synagoge, die mit Hilfe des Joint zu den hohen Feiertagen eingeweiht werden konnte, das Gymnasium, der Kindergarten, die Polyklinik, die in 'allen Sparten arbeitet, legen Zeugnis ab vom Organisationstalent und' der Kameradschaft, die dort herrschen. -■ In den wenigen Tagen, in welchen ich die Ehre hatte, in meinem Amt mit diesen Organisationen zusammen zu arbeiten, habe ich den Eindruck gewonnen, daß in diesen Organisationen so viel Lebensbejahung herrscht, so 'viel .Wille zum Wiederaufbau des jüdischen Volkes, daß es mich tief beeindrucken mußte. Ich kann heute noch nicht über weitere Einzelheiten berichten, welches ich jedoch tun werde, sobald ich meine Besichtigung in den einzelnen großen Lägern vor genommen habe. Die jüdische Kültusgemeinde in München umfaßt etwa 1700 Seelen. Der geistliche Führer der Gemeinde ist der Oberrabbiner Dr. Ohrenstein, ein Mann, der mit beiden Füßen im Leben steht, aber dennoch die Tradition des Judentums hoch hält. Dieser Mann hat es verstanden, sich nicht nur das Vertrauen seiner Gemeindemitglieder, zu erwerben, sondern in allen Kreisen der Militär-Regierung und der Staatsregierung sich einer Beliebtheit zu ^erfreuen, die allen Ehre macht. Und wenn ich mich entschlossen habe, die Berufung nach Bayern anzünehmen, so in erster Linie, weil er und die Vorstandsmitglieder der Kultusgemeinde sich sehr dafür einsetzten. In wenigen Wochen wird ln München das Gotteshaus der Kultusgemeinde eingeweiht werden können. Der Herr bayrische Ministerpräsident hat durch das Kabinett des Landes Bayern zu diesem Zweck RM. 2500,— für die Neubaukpsten bewilligen lassen, und es ist eine besondere Genugtuung, wenn überall, wo manzu deutschen Regierungsstellen hinkommt, Verständnis für die Lage der Juden einem entgegen schlägt. Wenn wir dieses hier besonders erwähnen, so deshalb, damit nicht der Eindruck entstehen soll, daß es nur die wohlwollende und fördernde Unterstützung der Militär-Regierung ist, die dem jüdischen Leben neuen Auftrieb brachte. Die Militär-Regierung des Landes Bayern, unter der bewährten Fuhrürig des General Miller, hat für alle jüdischen Belange ein offenes Ohr und eine freigebige Hand. Und in den wenigen Tagen durfte ich erleben, daß für alle berechtigten Wünsche, ob ich sie für die Mitglieder der jüdischen Gemeinden oder für das Zentral- Kommittee vorbrachte, volles Verständnis mir entgegengebracht wurde. Und als ich das Vergnügen hatte-, zu meiner Antrittsaudienz bei dem kommandierenden General des Landes Bayern empfangen zu werden, waren die. Worte, :die aus dem Herzen gesprochen, von Mensch zu Mensch' gewechselt wurden, von einer so hohen Warte und von. so viel Verständnis getragen, daß ich für eine künftige Arbeit unter dieser Militär-Regierung nicht nur die besten Hoffnungen, sondern eine große Freude habe. Die Neujahrsbotschäft, die der Herr Generfl mir überreichte, ebenso die warmen Worte, die der Herr bayrische Ministerpräsident mir für die jüdischen Organisationen übersandte, sind beredtes Zeugnis für das Interesse und das Wohlwollen, welches uns dort entgegenschlägt. So sehe ich in dieser Teilnahme der Militär-Regierung una der bayerischen Staatsregierung jenen Silberstreifen am Horizont, den wir so lange nicht sehen konnten. Aber nicht nur für die in den vorgenannten Organisationen organisierten Glaubensgenossen wird gesorgt. Ini bayrischen Hilfswprk werden heute 17 000 Menschen betreut, die aus rassischen Verfolgungen heraus gelitten Jiabep. Die. Witwen und Waisen der im Konzentrationslager ums Leben