Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 12 (26.9.1946)
- Date
- 1946-09-26
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Vor allem ist ein kühler Kopf nötig, um dieses komplizierte Problem, das gelöst werden muß, zu entwirren. Man kann offen behaupten, daß das jüdische Volk; in Bezug auf den Zionismus ein reines Gewissenhat. Nach der internationalen Anerkennung der jüdischen .'Rechte in Palästina haben unsere Pioniere eine- Aufgabe vollbracht, die die Anerkennung aller genießt. Aus Sümpfen, Oedland, Wüste und unfruchtbaren Abhängen haben sie, ein Wunder an Kultivierung vollbringend, blühende Felder, Obstgärten und Wälder geschaffen, inmitten deren Dörfer gedeihen, wo vor drei Jahrzehnten noch Elend, Fieber, und Pestilenz in einer furchtbaren, öden Wildnis herrschten. Alles dieses wurde nicht auf Kosten *der arabischen Bevölkerung erreicht, sondern im Gegenteil zu deren Nutzen. Ihr Lebensstandard hat sich beträchtlich gehoben", wo auch immer ihre Dörfer in der Nähe, jüdischer Siedlungen liegen. Ueberall bestehen freundschaftliche Beziehungen .zwischen jüdischen und arabischen Siedlungen, und. diese Freundschaft ist von oen Arabern selbst während der letzten schrecklichen Ereignisse betont worden. ‘ Es sind Bücher geschrieben worden über das neue städtische Leben Jerusalems und Haifas, des jüdischen Tel- Avivs und vieler anderer, neuer jüdischer Städte. Industrien wurden nicht nur durch 'jüdischen Unternehmungsgeist, sondern auch durch jüdische Arbeit in Palästina errichtet. Westlicher Lebens- und Erziehungsstandard hat in Palästina Fuß gefaßt. Selbst die Kinder einfacher, jüdischer Bauern erhalten eine gründliche Erziehung bis zum. 17. Lebensjahr. Nirgendwo sonst auf der Welt besteht eine solche hohe kulturelle Tätigkeit wie in dem lclefhen Palästina. Nirgendwo sonst auf der Welt finden wir eine solch . gebildete Bauernschaft,. die Demokratie und Brüderlichkeit zum Grundpfeiler ihres sozialen Aufbaues gemacht hat. Die furchtbaren Ereignisse der letzten Wochen dürfen unseren Blick nicht trüben. Wir. müssen die große zivilisatorische Kraft des Zionismus und sein hohes moralisches Wirken voll anerkennen. Der berühmte- Lawrence von Arabien hat erkannt, daß 4er zionistische Versuch zu einem weit verbreiteten, neuen, hohen .Lebensstandard führen könne, der dann auch den jetzt unterdrückten Massen der Araber im Nahen und Mittleren Osten zugute kommen würde. Wenn es auch nur das Ziel des Zionismus ist, eine jüdische Heimat in Palästina zu errichten, so wird er "doch, wenn er nicht an der Entwicklung - gehindert wird, letzten Endes seine wirtschaftlichen und sozialen Vorteile auch auf die arabische Bevölkerung übertragen. .Der Zionismus nimmt .der arabischen Bevölkerung nichts, sondern er hat ihr viel zu geben, "da sich seine Pioniere von allen anderen insofern unterscheiden, als sie nicht für persönlichen Gewinn,5 sondern zum Wohle der Allgemeinheit arbeiten. Ihre Mühen ' und Opfer, ihre Schaffensfreude und Schaffenskraft, ihre Ausdauer und Entschlossenheit sind einzig und allein dem Dienst an der Allgemeinheit gewidmet. Daran haben die palästinensischen Araber bisher teilgenommen und werden auch in Zukunft teilnehmen. Das Studium der Lage im Nahen und Mittleren Osten ze-:gt, daß der wirkliche Streit in Palästina nicht in der Unverträglichkeit zwischen Juden ünd. -Arabern besteht, sondern im. Beginn des Verfalls des arabischen Feudalsystems und dem Heraufkommen einer' neuen Aera der Gleichberechtigung für das bisher* unterdrückte arabische Volk, zu suchen ist. Im Grunde ist es* also überhaupt kein jüdisch arabischer Konflikt, der -durch die hohe Zivilisation, die die .Juden geschaffen haben, ein kritisches Stadiüm erreicht hat und unfehlbar dazu' führen wird, den arabischen Fellachen aus den Klauen der Großgrundbesitzter zu befreien. Den klaren Beweis hierfür liefern die arabischen Länder, die seit mehreren Jahrzehnten frei und unabhängig sind. Die Bevölkerung dieser Länder ist , wenig gebildet, hungrig und krank, während die Araber, die in der Nähe jüdischer Siedlungen leben, einen bedeutend höheren Lebensstandard haben. Nicht nur das jüdische Beispiel haben zu dieser Aufwärtsentwicklung geführt, sondern auch jüdische Hilfe und Führung. Der gute Wille kann manche unlösbar erscheinenden Probleme lösen. VJenn die Londoner Konferenz im September vom guten Willen beseelt ist? haben wir allen Grund, zu hoffen, daß ein Weg gefunden wird, das schwierige Palästina-Problem zu lösen und Juden und' Arabern eine Möglichkeit zu geben, sich gemeinsam zu entwickeln und gemeinsam zu gedeihen. Zweifellos ist eine Entscheidung über die Zukunft Palästinas äußerst dringend. Der Schrei der Juden nach Gerechtigkeit für die Ueberreste ihres Volkes zwingt unerbittlich- und unabänderlich dazu. Wenn Realpolitik eine Basis des politischen Denkens ist, dann, zeigen die augenblicklichen Ereignisse in Mitteleuropa mit zwingender Deutlichkeit, daß Palästina der einzige Ausweg für die europäischen Juden aus ihrer trostlosen Lage ist. 1% Jahre nach ihrer Befreiung sind die Juden in einer noch schlimmeren Lage als frühen Damals, hofften sie: auf eine beschleunigte Aus-, Wanderung und die Möglichkeit zur Schaffung einer neuen Existenz. Heute können sie nicht verstehen, daß sie. so lange auf die Vollendung ihrer Befreiung warten müssen. Die schrecklichen Ereignisse in Polen zeigen deutlich, daß trotz der Versuche der Regierung, die Juden zu schützen und ihnen gleiche Rechte, zu geben, ein reaktionäres, mächtiges Element in der Bevölkerung entschlossen ist, die Ueberreste der polnischen Juden vollends zu vernichten. Unzählige sind diesem Terrorfeldzug schon zum Opfer gefallen, und nur die Auswanderung aus Polen ist-die einzige Rettung. . Niemals zuvor sind aller Augen "so inständig auf Palästina als die einzige Rettung gerichtet gewesen. Niemals zuvor wurde Palästina mehr als der Erlöser des geschlagenen Israel angesehen. Der Zionismus hat immer gelehrt, daß es sein Ziel ist, ein jüdisches Reich in Palästina zu ’ ei richten als fundamentale Grundlage der Juden, ihr Leben normalisieren und stabilisieren zu können. Bis dieses Ziel erreicht - sein wird, kanr^ sich . der antijüdische Haß frei austoben und unSer Volk ^^terrorisieren. Nur Palästina kann die dringende und zwingende Aufgabe erfüllen, all den Hunderttausenden, deren Gedanken auf dieses kleine Land konzentriert sind, - eine Zuflucht und ein neues Leben in einer freien,und gesicherten Umgebung zü bieten. Der lange gehegte Traum, dem jüdischen Volk Freiheit und Würde zu sichern, muß nun verwirklicht werden. -Diese - Lösung sollte um so. eifriger gefunden werden, als die Ziele nicht auf Kosten anderer, . sondern zum Segen und zur Wohlfahrt aller Völker des Nahen und Mittleren Ostens, was diesen jahrhundertelang gefehlt hat, verwirklicht würden. Prof. G. Weingreen. Zur Palästinafrage Seit 1933 steht für das jüdische Volk Palästina im Vordergrund des Interesses. Heute ist die Spannung bezüglich des weiteren Schicksals dieses "Landes auf dem Höhepunkt ,aiir gelangt, und wir stehen vor der Tatsache, daß baldigst eine konsequente Entscheidung, die gleichzeitig für das Schicksal von. hunterttausenden von Juden richtunggebend sein wird, getroffen werden muß.- Keinesfalls .können wir Konzessionen bezüglich einer Teilung des * Heiligen Lahdes machen. Wir erheben den Anspruch, Palästina gehört uns und muß endlich unser Vaterland werden, getragen von dem Banner blau-weiß. Dieses Vaterland, seine Fahne muß sich schützend vor jeden Juden stellen können, ganz gleich, wo er in der Welt wohnt. Für. uns bedeutet Palästina mehr als ein xbeliebiges Land. Für uns ist es tausendjährige, geweihte Erde. Wir haben den Willen, den festen “Entschluß, friedlich, mit den Arabern zusammen zu leben und zu wirken. Keinesfalls können wir es dulden, daß sie etwa die Herren und Wir die Gäste in Palästina sein sollen. Es muß ein Weg der Verständigung gefunden werden. Nur so kanh die friedliche Entwicklung. Palästinas gefördert werden. In Deutschland faßte der Gedanke nach Palästina auszuwandern bis 1933 innerhalb der deutschen Judenschaft nur wenig Fuß und selbst die Schlechten Wirtschaftsjahre 1930 bis 1932 zeigten keine beträchtlichen Auswanderungsziffern aus Deutschland nach Erez. Die zionistischen Versammlungen waren nur schwach besucht. In der Repräsentanz der meisten Synagogengemeinden hatten die zionistischen Vertreter weder Sitz noch Stimme. Dak alles änderte sich schlagartig nach der Machtübernahme Hitlers, und als es sich zeigte, daß der Nationalsozialismus getreu seinem vorher verkündeten Programm mit der Ausschaltung, der Juden in allen Wirkungskreisen ernst, machte. Da die USA. ünd andere überseeischen Staaten nur -immer eine bestimmte. Anzahl Quoten für die Einwanderung, in ihre