Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 12 (26.9.1946)
- Date
- 1946-09-26
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Wer wollte es leugnen: Wir sind in Not! In Not, weil Unverständnis und harter Egoismus gegen uns sind, in Not, weil das moderne Gespenst Nachkriegseuropas, der Hunger, auch in unseren Reihen ist. Nicht, daß Eure Hilfsorganisationen versagt hätten, nicht, daß der Einzelne in Euren Reihen keine Hilfsbereitschaft gezeigt hätte. Viel wurde' getan. Und doch zu wenig, weil das nackte Elend, gegen das wir kämpfen, so groß ist. Darum rufen wir Euch und bitten: ruft Ihr für uns. Ihr, die Ihr nicht Sklaven in den mörderischen Händen Hitlers ward. Ruft alle, auch die Lauen und Müden. Stärkt die Reihen derer, die für unsere Freiheit als Gemeinschaft und als Individuen kämpfen. Helft uns, freie Menschen auf eigenem freien Boden in Erez Israel zu sein .und tut mehr, viel mehr als bisher, um unsere Menschen von Hunger, Not und Elend freizumachen. Mögen die kommenden Festtage, in denen uns alle über Grenzen, Ozeane und Kontinente das Gebet zum einig-einzigen Gott verbindet, nicht nur Tage, der Einkehr und der Besinnung, sondern .die verpflichtender Mahnung und des Aufrufs an alle sein. Wir rufen Euch: Laßt uns nicht allein, helft uns helfen, den Unseren ein besseres, elendfreies Heute, und ein neues glückliches und erlöstes Morgen zu bereiten. Central Committee For the Liberated Jews in the British Zone: Josef Rosensaft — Norbert Wollheim. Zonenausschuß der Jüdischen Gemeinden: / -v ■ Dr. Philipp Auerbach füf1 die britische Zone Dr. Lewin (Köln), Dreyfüß (Düsseldorf), Heinsberg (Dortmund), Salomon (Kiel), Prager, Nußbaum (Hannover), Goldstein (Hamburg). „Patenschaften“ Der Winter steht bevor, und wir müssen uns klar sein, daß der zweite Winter nach der Befreiung keineswegs leichter sein wird, als es der erste gewesen ist. Die Schwierigkeiten in der Ernährung, die schon im letzten Winter .sich sehr stark bemerkbar gemacht habe», werden sich voraussichtlich im nächsten Winter in Reichem Ausmaß aus wirken. Denn es ist ein offenes Geheimnis, daß die Welternährungslage noch nicht so ist, daß eine ausreichende Ernährung überall gesichert ist. Besonders in -Zentraleuropa sind die Schwierigkeiten, die > sich ans den Zonengrenzen, dem Flüchtlingsproblem, der Struktur des Landes und den Transportmöglichkeiten ergeben, noch sehr groß. Trotz aller Bemühungen der Besatzungsmächte und der deutschen Stellen wird es nicht einfach sein, die notwendigen Lebensmittel sicherustellen und heranuszchaffen. Wir sind überzeugt, daß alle Instanzen ihr mögliches tun werden und wir sind sicher,' daß wir vor dem Verhungern gesichert sein werden. Damit ist es aber noch nicht getan. Wir müssen daran denken, daß wir für unsere Menschen weiter sorgen müssen. Es handelt sich zumeist um Leute, die jahrelang in den Konzentrationslägern gewesen sind; die gehetzt ohne Lebensmittelkarten im Verborgenen gelebt haben oder die von den wichtigsten Lebensmitteln wie Fleisch und Butter, Gemüse und Fisch ausgeschlossen waren und deren Gesundheitszustand dadurch naturgemäß außerordentlich geschwächt ist. Für diese Menschen ist es nicht ausreichend, daß sie eine .Kartengruppe höher eingestuft werden, genügt es nicht, daß sie monatlich einmal eine kleine Zusatzration erhalten. Alle diese .Vergünstigungen, so dankenswert sie sind und so wenig sie entbehrt werden können, reichen nicht aus, um die jahrelange unzureichende Ernährung auszugieichen, um' die gesundheitlichen Schäden, die alle davongetragen haben, zu heilen. Hier kann nur eines helfen, die Lebensmittelrationen weiter zu steigern und £ie so zu, gestalten, daß Hunger vermieden wird. Es genügt dabei nicht, mit dem Rechenstift die Kalorien zu errechnen, denn es ist ja bekannt, daß die notwendige Kalorienmenge allein picht ausreicht, daß vielmehr die Nahrung auch richtig zusammengesetzt sein muß. Man kann hungern, auch wenn die theoretisch zum Sattwerden erforderliche Anzahl von Kalorien zur Verfügung steht,- wenn nämlich gewisse Lebensmittel fehlen. Wir wissen alle, daß es sogenannte Mangelkrankheiten gibt, die sich zeigen, auch wenn die Betroffenen satt geworden sind. Ein geschwächter Organismus ist selbstverständlich für solche Erscheinungen besonders empfänglich und reagiert auf jeden Mangel besonders stark. Das alles ist im Hinblick auf die nahe Zukunft besonders zu beachten. Wir müssen weiter bedenken, daß die ausländischen Hilfsorganisationen im kommenden Winter vor besonders schweren Aufgaben stehen. Das Problem der jüdischen Flüchtlinge ist außerordentlich akut. Täglich kommen Hunderte von Flüchtlingen, nach Deutschland und müssen in den Lägern untergebracht und verpflegt werden. Für diese Menschen, die unsere Brüder und Schwestern sind, muß gesorgt werden, und es ist selbstverständlich, daß sie, die vielfach zerlumpt und ausgehungert geflohen sind, ein gewisses Vorrecht genießen. Die ausländischen Hilfsorganisationen stehen hier vor großen Schwierigkeiten. Es muß deshalb ein Weg gefunden werden, damit durch die große Zahl der Notleidenden die Hilfe nicht geringer wird, daß sie Vielmehr trotzdem gesteigert wird. Die Möglichkeiten hierzu sind gegeben. Seit kurzem können aus den Vereinigten Staaten Care- Pakete nach Deutschland gesandt werden und wir glauben, daß man diese Einrichtung in ganz besonders starkem Maße für die Hilfe einsetzen sollte. Aus Deutschland sind seit 1933 etwa 250 000 Menschen ausgewandert. Von diesen hat eine verhältnismäßig große Zahl im Ausland festen Fuß gefaßt, steht im Erwerbsleben und ist in der Lage, sich gut zu ernähren.. In Deutschland leben höchstens etwa 20 000 Juden. Wir sind der Auffassung, daß es möglich sein sollte, einen Weg zu finden, daß jeder Jude in Deutschland im Monat mindestens ein Care-Paket erhält. Die Juden im Ausland, insbesondere diejenigen in USA, sind in .Organisationen zusammengefaßt. Diese Organisationen sind vielfach Clubs und landsmannschaftliche Verbände, die sich nach der Herkunft der einzelnen gliedern. Sollte es nicht möglich sein, daß entweder die einzelnen Personen die Patenschaft über ein jetzt in ihrer Heimatgemeinde lebendes Mitglied übernehmen, oder daß die landsmannschaftlichen -Verbände die Patenschaft über die Heimatgemeinde übernehmen und sich verpflichten, dafür zu' sorgen, daß jedes Mitglied einmal monatlich mit einem Paket bedacht wird? Wir Ueberlebenden in Deutschland vermissen vielfach die wirkliche und tatkräftige Hilfe aus dem Ausland, und wir sind der Auffassung, daß diese Hilfe trotz aller Schwierigkeiten bedeutend intensiviert werden könnte. Mit Almosen und gelegentlichen Zuwendungen ist uns nicht gedient, wir brauchen eine wirkliche Unterstützung, wenn nicht der geringe Rest, der noch vorhanden ist und der aus den verschiedenen Gründen Deutschland nicht verlassen kann, nach der Befreiung noch verhungern und verderben soll. Die Belastung für den einzelnen im Ausland ist bei der Einrichtung der -Patenschaften sicher nur gering, insbesondere, wenn sich zwei oder drei Personen zusammenschließen, um einem Menschen in Deutschland'zu helfen. Es gibt, wie gesagt, genug Juden im Ausland, und es gibt leider nur noch wenige Ueberlebende in Deutschland, so daß bei richtiger Einteilung die Patenschaft unschwer durchgeführt werden kann. Dabei kann sogar dem einzelnen die Arbeit dur«h die Clubs und landsmannschaftlichen Organisationen des Auslandes insofern erleichtert werden, als daß diese die Arbeit der Einsammlung der erforderlichen Beträge und die Beauftragung von Firmen mit dein Versand übernehmen. Die Hilfe für Europa ist, wie ein Blick in die ausländischen Zeitungen zeigt, weitgehend auf geschäftliche Grundlage gestellt, und es gibt genug Unternehmungen, die gegen Bezahlung den Versand an aufgegebene Adressen übernehmen. Wenn für jeden von uns nur ejn Paket im Werte von mindestens 15 Dollar im Monat kommt, ist die dringende Not beseitigt, besteht die Aussicht, daß wir über den Winter kommen. Wir Juden in Deutschland, die wir die Hitlerzeit mit all ihrem Terror überstanden haben, wollen leben. Wir wollen nicht, daß auch nur ein einziger am Leben > verzweifelt. Wir erwarten von unsern Brüdern und Schwestern, die das Glück hatten, die Leiden der letzten zwölf Jahre nicht am eigenen Leibe verspüren zu müssen, daß sie uns 'unterstützen, daß sie uns vor Hunger und Not schützen. Für den einzelnen ist das Opfer gering und nicht zu vergleichen mit den Opfern, die wir bringen müßten und mutig gebracht haben. Unsere Not ist groß und die Gefahr dringend. Wir appellieren an die Clubs und landmannschaftlichen Verbände im-Ausland, wir appelieren an jeden einzelnen, uns nicht zu vergessen und alles, zu tun, um uns über den kommenden Winter hinüberzuhelfen. Wir sind sicher, daß unser Appell nicht ungehört verklingen wird. Hans-Erich Fabian.