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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-09-26 · 12 (26.9.1946) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
12 (26.9.1946)
Date
1946-09-26
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Eigentumsrecht der Juden beseitigt — die Folge war, daß niemand mehr das Recht des anderen respektierte. Es wurde so, wie .Schiller sagt: „Nichts Heiliges ist mehr, es lösen' Sich alle Bande frommer Scheu, Der Gute räumt den Platz dem Bösen, Und alle Laster walten frei.”. Es ist jetzt notwendig, wieder eine Rechtsordnung zu schaffen, die dem Sittengesetz entspricht. * Die Teschubah, die Rückkehr, ist notwendig. Sie ist aber erst dann. vollendet, wenn nicht nur die Gesetze beseitigt sind, die Un-* recht waren, sondern wenn auch das Unrecht selbst wieder gut gemacht ist.. Solange der Nutznießer des Unrechtes noch den Genuß des Errafften hat, kann von Wiedergutmachung nicht gesprochen werden. Weiter gehört zur Teschubah, daß der Sünder das Unrecht einsieht und bekennt. Er darf nicht die. Schuld auf andere abwälzen. Die Schuld der Deutschen nach dem ersten Weltkriege bestand darin, daß sie ihr Unrecht nicht einsahen, sondern den Desperados glaubten, die alle Schuld auf uns abwälzen wollten. Der Jude wurde zum Sündenbock gestempelt. Dadurch kam es, daß die Deutschen die wahren Gründe ihres Unglücks verkannten und es unterließen, sie zu beseitigen. Die- Folge war das schwerere Unglück der Gegenwart. Wir Juden sind gewiß nicht fehlerfrei. Wenn wir Unglück hatten oder haben, wenn wir unser Land verloren^ dann suchten und suchen wir die Schuld bei uns selbst. „Um unserer Sünden willen wurden vir verbannt aus unserem Lande und verjagt aus unserer. Heimat.' So beten wir im Mussafgebet an unseren Festtagen. Es ist dies erste Gebot der politischen Erziehung eines jeden Volkes^ Es besagt nur,, daß Selbsterkenntnis der erste Schritt zur Besserung und demgemäß auch zur Teschubah ist. Die Begriffe von gut und böse sind gegenwärtig vielfach verwirrt. Die Römer haben einmal die Formel geprägt: Fiat justitia, pereat mupdus —- Recht muß werden, auch wenn die Welt zugrunde geht.. Unserer Zeit angepaßt, müßte dieser Satz lauten: Fiat justitia, n e pereat mundus - - Recht muß sein, damit die Welt nicht zu Grunde geht. Dazu ist notwendig, daß die hohen sittlichen Forderungen verwirklicht werden, welche der Prophet Micha in die schlichten Worte gekleidet hat:;,Es ist dir gesagt, du Mensch, was Gott von dir verlangt: Recht tunrLiebe üben und in Demut wandeln vor deinem Gott!” An dieses Gebot, dessen Inhalt sich in verschiedenen Formulierungen in unsern Rosehhaschanah-Gebeten findet, mögen wir immer denken, wir müssen uns darauf besinnen, daß nur die Teschubah, das Bekenntnis, und die Zedaka, die Gerechtigkeit, das Unheil von der Welt und von den Menschen abwenden können. Oberlandesgerichtsrat D^r. As ch, Düsseldorf Neiljahrsgruß Für den religiös und national eingestellten Juden beginnt am Vorabend des 26. .9. 1946 ein neues Jahr. Da ist es nicht nur üblich, sondern auch gut, einen Rückblick auf das alte Jahr zu werfen, um aus dem, was bereits Geschichte für uns geworden „ist, zu lernen. Vor einiger Zeit sagte mir ein .prominenter Engländer, ich sollte doch als Vorsitzender einer jüdischen Religionsgemeinschaft begreifen, daß die letzten 12 Jahre Hitlerzeit als göttliche Strafe (divine punishment) angesprochen werden müßten. Wenn wir einem solchen Gedankengang durchaus und durchum nachgehen sollen, so müßten wir glauben, ohne undankbar zu sein, daß das letzte Jahr ttfötz Bfreiung noch nicht frei von der „göttlichen Strafe” sei. l3ei der 'Hoffnung, die wir auf die Vereinten Nationen gesetzt haben, tut es uns wehe, nun weiter folgern zu müssen, daß nicht nur das Hitlerdeutschland, sondern auch andere Völker zur Vollstreckung der „göttlichen Strafe” gegen uns Juden ausersehen seien und so! fragen wir alle Bürger der Welt: ist es notwendig, daß noch heute Pogrome in Europa Vorkommen, zum Beispiel in Ungarn und in Polen? Ist es möglich,' daß ein so demokratisch-eingestelltes, hoch-kultiviertes und tief-religiös empfindendes Land wie England sich nicht so ohne weiteres entschließen kann, die Tore zu unserem geschichtlich begründeten Vaterland so weit wie möglich zu öffnen!? Wie wunderschön klingt das Wort von, Lamartine: „ich bin der Mitbürger eines jeden der denkt: ‘„mein Vaterland ist die Freiheit.” „Diese Worte können wir Juden für Europa noch nicht als Motto wählen, wie es ein freier Europäer so gern wollte. Europa hat es in den 1900 Jahren nicht verstanden, uns ein guter Gastgeber gewesen zu ‘ sein — mit wenigen Ausnahmen — trotzdem gerade die großen Geister in allen Ländern für die Juden sich immer wieder eingesetzt haben. Darf man sich darum wundern, daß jetzt der Wunsch bei fast edlen Juden immer stärker hervortritt, in das Land ihrer Väter — Palästina — zurückkehren zu dürfen, und daß sie es kaum noch erwarten können, die heilige Erde, zu betreten!? Nicht alle Menschen sind in der Lage, ihre Wünsche mit vornehmer Zurückhaltung vorzutragen, und manch einer wird, von Ungeduld getrieben, etwas zügelloser sich gebährden. Auch diese Juden, die in weitaus größter Minderzahl sind, sollte man begreifen, und w,enn unsere Strafe als göttlich bezeichnet werden darf, so sollte dasselbe mit unseren Handlungen geschehen. Ist in dem Drange von jüdischen Menschen, die so Furchtbares erlebt haben, nicht auch etwas Göttliches zu erblicken!? Wer will das leugnen!? Daß bedeutende Engländer es nicht leugnen, hat Lord Balfur . durch seine Deklaration bewiesen. %Möge die jetzt lebende Generation in England erkennen, daß es sich lohnt, das Werk dieses frommen Christen fortzusetzen, nicht hur-zum Wohle der Juden — sondern auch zum Wohle der gesamten Menschheit und zur Ehre Englands. Das sind die Gedanken, die mich am Uebergang vom alten zum neuen jüdischen Jahr bewegen, und in der Hoffnung, daß die Vereinten Nationen — last not least England — der Gerechtigkeit zu dienen bestrebt * sind, wage ich es, meinen jüdischen Brüdern und Schwestern in aller Welt — denen, die als Flüchtlinge* noch immer im Elend leben, und denen,, die trotz eigener Wohlgeborgenheit sich um die anderen sorgen, — zuzurufen: le schono tauwo tiko seon -- ein frohes Neues Jahr! Für die jüdische Gemeinde Köln: Dr. Herbert Lewin. Aufruf an die Juden der Welt! #• Jüdische Menschen in aller Welt! In "einer historischen einmaligen und tragischen Stunde moderner jüdischer Geschichte rufen wir Euch. Euch, die Ihr die Zeugen, nicht aber die Opfer der größten Katastrophe des europäischen Judentums gewesen seid. ' ln 6 Jahren Völkermorden, in 6 bitteren erlebnisschweren Jahren-, in denen, wir die‘ Millionen unserer Liebsten haben sterben sehen, haben wir unsere ganze Hoffnung und die letzte Kraft zum Aus- und Durchhalten auf eine Zukunft gesetzt, in der die Freiheit des Einzelmenschen in seinem eigenen Leben und die Freiheit vor Elend und Not Primate der neuen Existenz sein sollten. Wenige jüdische Menschen nur haben die Hölle der nationalsozialistischen Konzentrationsläger überlebt. Gebeugt und im Innersten verwundet, nicht aber gebrochen. Und, trotz allem, mit dem Willen zum Leben beseelt. Aber was, so fragen wir uns, und was, so fragen wir mit überbitterem Herzen, hat die Welt uns bis jetzt zu sagen gehallt? Worte, die leer wurden, wenn sie in Realität umgesetzt weFden sollten. Versprechungen, die ohne Gehalt und,ohne Erfüllung blieben. Mißtrauen und Enttäuschung sind bei uns eingezogen, uns, die wir noch gestern die „Helden der Konzentrations-Läger”, die heroischen Kämpfer des Mitteleuropäischen Judentums waren, weil wir aus eigener Geistesstärke die Herrschaft des Todes, . des Terrors und der Brutalität durch Gewaltlosigkeit überwunden haben. , - L 16 Monate nachdem das Ausrottungsregime Hitler beseitigt ist, vegetieren unsere Menschen als Wurzel-,- heimat- und existenzlos' gemachte Verschleppte in Lagern, Baracken und Kasernen," seit möhr. als einem Jahr bauen unsere Brüder und Schwestern mit so viel Entsagung und Mühen, an den wiedererstandenen jüdischen Gemeinden, .und trotzen der wachsenden Entmutigung, weil für uns, der Hand voll aus dem Meer von Blut und Schweiß und Tränen -Geretteten, das Leben keine Zukunft findet und unsere tägliche Existenz von materieller Unsicherheit bedrückt ist. Wieder stehen wir im Kampf. Im Kampf um Freiheit zum. Leben für uns selbst, im Kampf um Freiheit vor Not.

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