Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 12 (26.9.1946)
- Date
- 1946-09-26
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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inneren Besinnung mahnt, so erschallt der Ruf in uns zurückzufinden zum Glauben an Gott, zum Glauben an die Menschen und zum Glauben an uns selbst. In diesem Gedanken rufe ich Ihnen zu, noch ist unsere Hoffnung nicht verloren, wir bauen auf die Hülfe Gottes, der uns die Jahrhunderte hindurch beschützte und bewahrte und allen die sich in Gemeinden und Gemeinschaften zusammengefunden haben, möge beschieden sein ein glückliches und frohes neues Jahr Dr. Philipp Auerbach Der Generalsuperintendent der Rheinprovinz: Gerne habe ich zugesagt, für die Nummer des „Jüdischen Gemeindeblattes für die Nord-Rheinprovinz u. Westfalen”, die zum disjährigen Neujahrsfest am 26. September erscheinen soll, einen Beitrag zur Verfügung zu stellen. Eine der verwerflichsten Untaten des zusammengestürzten nationalsozialistischen Regimes war unzweifelhaft die,systematische Verfolgung und planmäßig betriebene Ausrottung der Juden in unserem Land und in den unter nationalsozialistischer Gewalt-Bevormundung stehenden Ländern. Die festgestellten Zahlen der in den betreffenden Ländern so oder so ums Leben gebrachten Juden sprechen eine wahrhaftig erschütternde Sprache. Daß es schon früher Judenpogrome gegeben hat, und daß auch andere, Länder in der Beziehung in ihrer Geschichte traurige Vorgänge aufzuweisen haben, ist keine Entlastung und keine Entschuldigung. — Ich führe keine Einzelheiten ^n. Ein umfangreiches Material ist bereits veröffentlicht worden; weiteres "Material wird dargeboten werden. Ganz besonders bedrückend bleibt für uns das Geschehen an* jenem fluchbeladenen Novembertag des Jahres 1938, das eine verlogene Propaganda als eine spontane Volksaktion, afs die plötzliche Entladung auf gespeicherter Volkswut'hinzustellen wagte, während es sich in Wirklichkeit um eine satanisch vorbereitete Orgie handelte, um das unheimliche Feuer- und Flammenzeichen eines lange geschürten, nun zu empörender Tat gediehenen Hasses. Es liegt als eine -Schuld auf dem deutschen Volk, nicht zuletzt auf denen, die berufen' sind, auch alle Vorgänge des öffentlichen Lebens im Licht der Offenbarung Gottes und im Gehorsam gegen sein Gebot zu prüfen und zu beurteilen, und die verpflichtet sind, u. U. zu gegebener Zeit gegenüber jeder säkularen Instanz unerschrocken ihr „Es ist nicht recht” laut und deutlich auszusprechen und unter dem vollen Einsatz ihrer Persönlichkeit und ihres Amtes zu vertreten, daß damals nicht ein entschlossenes, unbeugsames Nein durch das ganze Land hindurch hallte, so, daß auch unsere Machthaber es hätten respektieren müssen. Gerade weil auf die antijüdische Rassenpolitik mit ihren barbarischen Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten nicht vernehmlicher' und tapferer reagiert wurde, ist jetzt die Verpflichtung zur Wiedergutmachung, soweit eine solche irgend* möglich ist, doppelt und dreifach ernst zu nehmen. Gott der Herr, der Schöpfer und Regent der Welt, kann auch das dunkelste Erleben zu einem Segen setzen.. Er will zur Selbstbesinnung, er will*zur Reinigung und Läuterung führen. Im Ofen der Trübsal will er zubereiten zu neuem, ihm wohlgefälligen Werk. Das gilt allen, die über diese Erde gehen; Einzelnen und Völkern. Alle sind zuerst. und zuletzt in seiner Hand und ihm als der höchsten Instanz mit ihrem Tun und Lassen verantwortlich. Die. arme, zerrissene Welt lechzt nach Frieden. Wir sind gerufen, an der Gewinnung eines echten Friedens mitzuarbeiten. .Klassenhaß und Rassenhaß sind keine Beiträge zur Erlangung eines gesunden Friedens. Sie verwehren und verhindern ihn vielmehr. Es geht darum, daß wir Gabe zu Gabe legen und in heiligem Wetteifer unseres Volkes Bestes suchen. Wir wollen in offener Auseinandersetzung die unserer Zeit aufgegebenen riesenhaften Probleme erörtern* dabei jede ehrlich erworbene und würdig vertretene Üeberzeugung, auch jede dem Einzelnen überlieferte und von ihm vertretene religiöse Ueberzeugung achten. Nur so kommen wir weiter und .vorwärts auf dem dörnen-besäten Weg, der uns verordnet ist. Ich schreibe als evangelischer Christ. Der Herr* den ich bekenne, hat uns verpflichtet, einander zu lieben und zu dienen, und auch die verfolgende und beleidigende Tat, die hart trifft, mit Dienst -und Fürbitte zu beantworten, als Kinder des himmlischen Vaters, der einmal alles in allem und in allen seih will und sein wird. Der helfe uns gnädig zu einem gemeinsamen neuen Anfang und lasse dem neuen Anfang einen gesegneten Fortgang folgen, zu Seiner Ehre und 'zum Heil unseres darniederliegenden, hart ringenden Volkes. *Dr. Stoltenhoff, Generalsuperintendent. Gedanken zu Rosch-ha-schanah Rosch-ha-schanah ist das jüdische Neujahrsfest. Der Neujahrstag wird als, Tag des Gedächtnisses, als Tag des Gerichts, als Tag des Posaunenschalles bezeichnet. In einem uralten Gebet heißt es: „Heute ist der Tag, an dem die Welt erstand, heute der Tag, an dem Gott alle Wesen der Welt vor sein Gericht stellt.” Zwischen der Weltschöpfung durch Gott und seinem Gericht über alle Wesen besteht ein innerer Zusammenhang. Schon das zweite Gebot ergibt, daß Gott ein gerechter Gott ist. Nach der Lehre des Propheten Arnos ist Gerechtigkeit der Grundzug der göttlichen Majestät. Der Prophet Jesajas folgert weiter, daß auch Staaten und Völker, nicht nur die einzelnen Menschert,' dem Gebot der Gerechtigkeit unterworfen sind. Da die Welt die Schöpfung des gerechten Gottes ist, muß nach seinem Willen in ihr die Gerechtigkeit verwirklicht werden. Die Idee der Gerechtigkeit ist rest- 1 o s verwirklicht erst in der Zeit des Messias, bis dahin wird das Recht noch durch Unrecht getrübt. Der Jezer harah, der böse Trieb, bewirkt, daß Menschen sowohl, wie auch Völker, dem Gebot der Gerechtigkeit zuwider handeln und Unrecht begehen. Das Unrecht ist ein störender Eingriff in die göttliche Weltordnung und muß deshalb wieder beseitigt werden. Der Ausgleich des Unrechtes ist der Zweck des göttlichen Gerichtes, es tagt nach unserer jüdischen Auffassung am Tage der Wiederkehr des Geburtstages der Welt. Der Mensch ist unvollkommen. Die Schrift erzählt uns, daß einst unser großer Lehrer Moses für das Volk Israel, die Vergebung Gottes für die Sünde des Volkes mit der Begründung erflehte, das Volk habe nur aus, Versehen gesündigt. So kann auch ein einzelner Mensch die göttliche Rechtsordnung aus Versehen verletzen. Wäre Gottes Gerechtigkeit nur strenges Recht, so hätte der Mensch keine Hoffnung, der Strafe Gottes zu entgehen. Aber Gott ist nicht nur gerecht, sondern auch gnädig, seine* Gnade ist die Ergänzung seiner Gerechtigkeit. Für uns Juden ist das so selbstverständlich, daß es auch; in der Sprache zum Ausdruck kommt. Zedeka ist das Gleichwort nicht nur für Gerechtigkeit, sondern auch für Wohltätigkeit und Gnade. Der göttlichen Gnade wird der sündige Mensch durch die Teschubah, durch die Rückkehr teilhaftig. Wenn er von seinem Irrweg zurückkehrt, wenn er die göttliche Weltordnung, das Gesetz Gottes, anerkennt, dann kann er der Gnade gewiß sein, Gottes Gesetz anerkennen, heißt, die durch Unrecht wieder gatgemacht ist. Solange der Dieb das gestohlene Gut nicht zurückgegeben oder ersetzt hat, dauert die Störung der Rechtsordnung an. Die Weltordnung ist die von Gott gesetzte Rechtsordnung. Sie stellt gewisse Mindestforderungen auch für die Gesetzgebungder Menschen auf. Die göttliche Rechtsordnung umfaßt Recht und Sittlichkeit. Die Forderungen des menschlichen Rechts gehen weniger weit als die Forderungen der Sittlichkeit: was nicht sittlich ist, muß nicht unbedingt strafbar sein. Aber die Mindestforderungen der Sittlichkeit sind auch Bestandteil. der menschlichen Rechtsordnung.^ Ein großer Rechtslehrer, Professor Georg Jellinek, sagte einmal, das Recht sei das ethische Minimum,, dessen Befolgung die Gesamtheit um ihres Bestandes willen vom einzelnen verlangen muß. Das Sittengesetz ist die eigentliche, die innere Grundläge einer jeden Rechtsordnung. Wenn der menschliche Gesetzgeber sich über das allgemeine Sittengesetz hinwegsetzt, wenn er Normen schafft, die dem Sittengeset? widersprechen, so verwirkt er seinen Anspruch auf Gehorsam. Der Staat, dessen Gesetzgebung mit dem Sittengesetz im Widerspruch steht, setzt sich selbst der Gefahr der Vernichtung aus. Die Macht des Sittengesetzes ist so groß, daß keine irdische Gewalt es ungestraft brechen kann. Das hat die Geschichte des dritten Reiches erwiesen.' Das dritte Reich hat die sittliche Forderung der Gleichheit aller Menschen verletzt —■ und die Folge war, daß jedes Menschenrecht mit Füßen getreten wurde. Das dritte Reich hat das