Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 10 (20.8.1946)
- Date
- 1946-08-20
- Page
- Seite 66 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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der Appellant 1988 Pg. wurde. In den Augen der Nazi» bonzen war der Appellant ein Verräter. Kübel von Dreck schüttete man über ihn aus, als ich vor die Partei zitiert wurde, weil man es hintertreiben wollte, daß ich mein Geschäft bei der Arisierung ihm übergab. Er hätte es zu anständigen Bedingungen übernommen und es mir bestimmt bei einem politischen Umschwung zurückgegeben.“ Am hellichten Tage hatte das Geschäftsauto mit dem Firmenzeichen des Appellanten aus der Wohnung eines Juden die Möbel in Sicherheit gebracht. Juden und Mischlinge hatte er unter eigener Gefahr aus den Klauen der Gestapo gerettet, aus dem KZ. „losgeeist“, hatte ihnen von Anfang bis zum Schluß mit Geld, Lebensmitteln, Brotkarten geholfen, ihnen Obdach und Unterschlupf gewährt. Juden, Mischlinge und Christen zeugten jetzt für ihn wie ein Mann. Und das eben war das Schöne und Ergreifende am Fall dieses Nazis, der kein Nazi war und dessen Antrag die Kommission zu befürworten beschloß: er bewies, daß die Beziehungen von Mensch zu Mensch auch in dunkler, trüber Zeit schwerster Belastung standgehalten und sich stärker gezeigt haben als Terror und Rechtswillkür. Nazis unter sich Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit nach Gesetz Nr. 10 des Alliierten Kontrollrats hatte sich in einer Berufungsverhandlung der 35 Jahre alte ehemalige Zellenleiter der NSDAP. Paul Heinen vor der 1. großen Strafkammer des Landgerichts Berlin zu verantworten, der in erster Instanz zu einer Strafe von 2 Jahren 1 Monat Zuchthaus verurteilt wurde. ln der Nacht vom 17. zum 18. Februar 1939 hatte der Angeklagte in der Isländischen Straße einen Mann tätlich angegriffen, weil er ihn für einen Juden hielt. Der Überfallene konnte sich zwar losreißen und schutzsuchend in ein Lokal flüchten, doch setzte der Angeklagte dort die Tätlichkeiten fort, wobei er immer wieder die Worte: „Verfluchter Jude!“ ausstieß. Der Wirt, Swakowski, ebenfalls ein Pg., sah sich gezwungen, die Polizei anzurufen. Während er noch telefonierte, schlug' ihm Heinen den Hörer aus der Hand und versetzte ihm einen Stoß in die Seite. Auf der Polizeiwache stellte es sich zu allseitigem Erstaunen heraus, daß es sich bei dem Überfallenen nicht um einen Juden, sondern sogar um einen großen Pg., einen Verlagsdirektor und Kreisamtsleiter Seidel handelte. Die wüste Schlägerei hatte sich also in ganz internem Nazikreise abgespielt. Damit aber bekam die Affaire, die durch eine Strafanzeige des Gastwirts Swakowski vor die Gerichte zu kommen drohte, ein anderes Gesicht. Die Strafverfolgung unterblieb auf Anordnung der Partei, obwohl der vermeintliche Jude erheblich mißhandelt worden wrar und der Gastwirt vier Tage nach der Prügelszene an Gehirnblutung starb. Wie der Richter feststellte, konnte im Nazistaat der Mensch vom Zellenleiter an aufwärts jedes Verbrechen straffrei verüben. Das Gesetz Nr. 10 des Kontrollrats bietet nun aber die Handhabe, auch jene Verbrechen zu erfassen, die aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen nicht nur nicht bestraft wurden, sondern oft genug sogar noch als „Heldentaten“ angesehen wurden. Das Gericht nahm einfache Körperverletzung in zwei Fällen an, da es sich nicht nachweisen ließ, daß der Tod den Gastwirts eine Folge des von Heinen erlittenen Stoßes war, und ferner auch nicht feststeht, ob der Verlagsdirektor, der nicht auffindbar ist, schwere Verletzungen davongetragen hat. Daß gleichzeitig in diesem Fall aber auch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorliegt, konnte nicht zweifelhaft sein. Es spielt dabei keine Rolle, ob der Angegriffene in Wirklichkeit ein Jude war oder nicht. Das Gericht kennzeichnete den Angeklagten als einen jener fanatischen Naziaktivisten,, die für die ungeheure Verrohung des damaligen politischen Lebens verantwortlicn seien, und bestätigte das Urteil der ersten Instanz. AD. FUSSER General-Vertreter der Agrippina Gruppe Filialdirektion Düsseldorf Versicherungen aller Art Lindenstraße 136 DÜSSELDORF Tel. 691081 (Gausmann) Aus aller Welt Brasilien. Für 100 000 Auswanderer aus Mitteleuropa, in erster Linie Heimatlose und, Flüchtlinge aus Lagern in Deutschland und Österreich, sollen in Brasilien Ansiedlungsmöglichkeiten geschaffen werden. Die Transportkosten sollen die Vereinten Nationen, die Ansiedlungskosten Brasilien übernehmen. Neuyork. Amerikanische Kongreßabgeordnete, Mitglieder der Liga für ein freies Palästina, richteten an Außenminister Byrnes eine Aufforderung, den Palästinaplan der britischen Regierung fallenzulassen. Die Abgeordneten bestehen auf der Zulassung von 100 000 jüdischen Einwanderern! nach Palästina, wie sie durch Präsident Truman bereits gefordert wurde. London. Von einer Massenflucht der Ostjuden infolge der Pogrome in Ungarn, Polen und anderen osteuropäischen Ländern berichtet der Wiener Korrespondent der „Times“. Täglich kommen 1500 bis 2000 Juden in die amerikanische Zone Österreichs oder Deutschlands, um sich dort als „verschleppte Personen“ registrieren zu lassen. Sie hoffen dann nach den USA. oder nach Palästina auswandern zu können. Haifa. Juden aus demi Konzentrationslager Belsen sind zusammen mit anderen illegalen Einwanderern nach einer dreiwöchigen Reise von Antwerpen in Haifa angekommen. Jerusalem. Von den weit über 2000 jüdischen Emigranten, die in Haifa an Bord verschiedener Schiffe auf Einwanderungserlaubnis warten, durften am Montag 800, hauptsächlich Frauen und Kinder, an Land gehen. Nach dem Bericht einer Amerikanerin, die die Schiffe besichtigte, sollen auf ihnen unbeschreibliche Zustände herrschen. Budapest. Wegen Teilnahme an antijüdischen Ausschreitungen in dem Dorfe Kummadaras im Mai dieses Jahres wurden drei Ungarn von einem Militärgericht zum Tode verurteilt. Während der Ausschreitungen waren drei Juden getötet und 17 verletzt worden. Wien. Von 200 000 Wiener Juden sind nur 5350 übrig. Die meisten überlebenden österreichischen Juden fühlen sich als Österreicher und wollen dort bleiben. Berlin. Der durch seine Fürsorge für die Juden während der Nazizeit bekannte Propst Heinrich Grüber, jetzt auch Mitglied des Magistrats der Stadt Berlin als Beauftragter für kirchliche Angelegenheiten, ist nach London gereist. Er folgt einer Einladung des Christian-Jewish-Council, einer Vereinigung führender Männer christlicher Kirchen und der jüdischen Gemeinden, die sich zur Bekämpfung des Religions- und Rassenhasses zusammengeschlossen haben. Frankfurt. Die Frau, die Tochter, die Schwägerin und der Schwiegervater von Konrad Goebbels, dem Bruder des ehemaligen Propagandaministers, wurden nach Mitteilung der USA.-Militärregierung zu Gefängnisstrafen verurteilt, weil sie Konrad Goebbels in einer Hütte im Odenwald versteckt gehalten hatten. München. Gegen zwei Verwaltungsangestellte der Gemeinde Kohlgrub, die bei der Ausstellung von Registrierscheinen für jüdische Bürger die Vornamen „Israel“ und „Sarah“ und anstatt „Deutsch“ bei der Frage nach der Staatsangehörigkeit das Wort „Jude“ einsetzten, wurde vom bayrischen Innenministerium eine Untersuchung eingeleitet. Staatskommissar Aumer hat dieses Vorgehen als „Nazi-Methode“ gekennzeichnet. München. Die amerikanische Militärpolizei hat eine umfangreiche Fahndungsaktion gegen Martin Bormann eingeleitet, der nach den neuesten Berichten noch am Leben sein soll. Wie verlautet, soll Bormann dieser Tage im Zentrum Münchens gesehen worden sein. München. Im August wird in München unter der Leitung von Segall und Israel Becker ein jüdisches Theater mit dem Lustspiel „Der blutige Spaß“ des jüdischen Humoristen Scholem Alejechem eröffnet. Augsburg. Der ehemalige „Reichskulturwalter“ Hans Hinkel wurde auf der Flucht nach der Schweiz in Mittenwald verhaftet und befindet sich zur Zeit in einem Interniertenlager bei Augsburg.