Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 10 (20.8.1946)
- Date
- 1946-08-20
- Page
- Seite 67 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Dachau. In der Montagssitzung des Flossenburg-Prozesses berichtete die Polin Michelina Fajsel über den Evakuierungsmarsch, den 400 weibliche Gefangene am 13. April 1945 von Wolkenburg — einem Außenlager des Kz-Flossenburg — antreten mußten. Nur 116 Frauen erreichten das Endziel, 284 wurden unterwegs erschossen, weil sie aus Schwäche den Marsch nicht fortsetzen konnten. Baden-Baden. Vierzehn am 7. Juni dieses Jahres vom Obersten Militärgericht in Rastatt zum Tode verurteilte ehemalige Angehörige des Personals des Kz-Lagers Neue- Bremme wurden durch Erschießen hingerichtet. Das Gnadengesuch der Verurteilten war abgelehnt worden. Darmstadt. Nach wochenlangen Ermittlungen ist es der Darmstädter Kriminalpolizei gelungen, fünf der Haupttäter zu verhaften, die am 8. November 1938 an der Niederbrennung der Synagogen in Darmstadt, Eberstadt, Griesheim und Grafenhausen beteiligt gewesen sind. Die bisherigen Ermittlungen ergaben, daß die Täter mit Äxten die Türen der Synagogen eingeschlagen und die Gebäude unter Zuhilfenahme von Benzin in Brand gesteckt hatten. Vorher hatten sie wertvolle Gegenstände aus den Synagogen entfernt und angezündet. Die beiden Anführer bei der Brandstiftung, SA.-Oberführer Lucke und Mahla, befinden sich gegenwärtig in einemi Internierungslager. Alle Täter haben sich wegen schweren Landfriedensbruches und vorsätzlicher Brandstiftung zu verantworten und sehen ihrer Aburteilung entgegen. Bruchsal. Zwei Brandstifter der Synagoge, der 45jährige Edgar Schweizer aus Bruchsal und der 47jährige Otto Wächter aus Untergrombach konnten am 12. 7. vor der Karlsruher Strafkammer abgeurteilt werden. Schweizer war nach eigenen Aussagen in der fraglichen Nacht zum „Grünen Baum“ gerufen worden. Benzin wurde herbeigeschleppt, Kannen und Eimer gefüllt. Schweizer stieg zu einem Fenster ein, öffnete von innen die Tür und goß das Benzin in die untersten Räume. Gleichzeitig drangen die übrigen Mittäter ein und verteilten an allen brennbaren Punkten der Synagoge Benzin. Der mitangeklagte Wächter war um 3 Uhr morgens gerufen worden. Er wollte, wie er angab, mit der Sache nichts zu tun haben. Bei der vorangegangenen Besprechung war er jedoch mit dabei und begleitete dann ebenfalls die Brandstifter zur Synagoge. Daß Wächter nicht über die Mauer gestiegen ist, begründete er damit, daß ihm sein Anzug dafür zu schade gewesen sei. Der Staatsanwalt beantragte für Schweizer wegen schweren Landfriedensbruchs in Tateinheit mit Brandstiftung eine Gesamtzuchthausstrafe von drei Jahren, für Otto Wächter wegen einfachen Landfriedenbruchs und Beihilfe zur Brandstiftung ein Jahr Gefängnis. Der Antrag des Staatsanwalts wurde vom Gerieftem voller Höhe anerkannt und als Urteil ausgesprochen. Hamburg. Die beiden früheren SS-Angehörigen Johannes Erahnt und Ewald Jauch aus dem Kz-Lager Neuengamme wurden vom britischen Militärgericht zum Tode verurteilt. Frahm hatte zugegeben, Kinder erhängt zu haben, während Jauch eingestanden hatte, dabei Wache gestanden zu haben. Weimar. Auf der Festsitzung Deutscher Schauspieler im Weimarer Schloß gelangte erstmalig der „Joachim-Gottschalk-Preis“ zur Verteilung. Preisträger sind die Schauspieler Säuberlich, Hans Söhnker, der Regisseur Peter Elsholtz und der Bühnenbildner Robert Herlth. Bei einer Totenehrung wurden als Opfer der SS und der Gestapo genannt: Otto Wallburg, Paul Morgan, Max Ehrlich, Dorsey, Kurt Gerron, Heinz Gordon, Fritz Hirsch, Rudolf Meinhardt-Jünger, Hans Otto, Mathilde Susin und Therese Rothauser. Den Freitod wählten unter dem Druck nazistischer Verfolgung: Egon Friedell, Max Landa und Joachim Gottschalk. An den Kriegsfolgen starben: Hannes Stelzer, Adalbert Schlettow, Friedrich Kayßler und Hans Brausewetter. Göttingen. Ein sensationeller Brillantenfund, bei dem es sich vermutlich um Bestände der Antwerpener Diamantenbörse handelt, wurde jetzt in Göttingen gemacht. Die Sichtung allein des ersten und kleinsten Koffers des aus 15 Koffern bestehenden Fundes förderte Brillanten zu Tage, deren Wert von den Sachverständigen auf nicht weniger als fünf Millionen Goldmark geschätzt wird. Freiburg. Das Badische Landesamt für kontrollierte Vermögen teilt mit, daß die Rückzahlung der den Juden 1938 auf erlegten Vermögensabgabe vorgesehen ist. Alle Juden, die in der heute französisch besetzten Zone Badens ihren Wohnsitz hatten und die Vermögensabgabe bezahlt haben, müssen die Anträge auf Rückzahlung des geleisteten Betrages sofort an das Badische Landesamt für kontrollierte Vermögen, Freiburg i. Breisgau, Kartäuserstr. 124, richten. Die Forderungen der politisch, rassisch und religiös Verfolgten. Arbeitsminister Müller warnt vor reaktionären Umtrieben. In der Aula der Frankfurter Universität fand eine öffentliche Kundgebung der politisch, rassisch und religiös Verfolgten statt, an der u. a. der großhessische Arbeitsminister Müller, Ministerialrat Dr. Engler und Dr. Eckstein, Leiter des Wiedergutmachungsamtes bei der großhessischen Regierung, teilnahmen. Arbeitsminister Müller verwies darauf, daß die Befreiung der Häftlinge der Konzentrationslager und Zuchthäuser dem Siege der freien Völker zu danken sei. Die Befreiten hätten die Aufgabe, die in den Höllen des Dritten Reiches entstandene Einigkeit der politisch Verfolgten, unbeschadet ihrer politischen und religiösen Anschauung, zu erhalten und gemeinsam am Aufbau eines neuen Deutschlands mitzuarbeiten. Zu diesem Zweck fühlen die Verfolgten sich verpflichtet und berechtigt, an verantwortlicher Stelle an diesem Neubau zu wirken. Mit Sorge, so führte der Minister aus, müsse man feststellen, daß bereits heute wieder Ansätze zu einer Entwicklung vorhanden seien, die schwere Gefahren für Deutschlands Zukunft in sich bergen. Dieselben reaktionären Kreise, von denen diese Gefahr drohe, betrachte auch die Opfer des Faschismus als Menschen zweiter Klasse, die sie zu diskrimieren und deren Verwendung an verantwortlicher Stelle sie zu sabotieren suchen. Die ehemaligen KZ-ler haben die Aufgabe, über die Vertretung ihrer persönlichen Interessen hinaus den Kampf gegen diese reaktionären Mächte zu führen und außerdem die Mauer von Mißtrauen, die seit den Greueln des Naziregimes in der ganzen Welt um Deutschland errichtet sei, dadurch abzutragen, daß sie an der Schaffung eines Deutschlands, in dem die Menschlichkeit leitendes Prinzip sei, arbeiten. Rabbiner Dr. Neuhaus (Frankfurt) hob gleichfalls die Notwendigkeit der Einigkeit unter den Verfolgten hervor, die man von reaktionärer Seite als asoziale Elemente abzustempeln suche. Wenn die Einigkeit stets in Deutschland geherrscht hätte, hätten die Vertreter der Herrenrassentheorie niemals die Macht erringen können. Die Verpflichtung der Wiedergutmachung. Zu Beginn der Diskussion sagte der Vertreter der Frankfurter Betreuungsstelle, daß viele Kommunalverwaltungen, nicht zuletzt die Frankfurter, den Kampf um die Interessen der politisch und rassisch Verfolgten sabotieren. Das Projekt eines Erholungsheimes für die ehemaligen Kz-ler sei bisher an der ablehnenden Haltung des Frankfurter Oberbürgermeisters Dr. Blaum und des zuständigen Landrates Dr. Schuster gescheitert. Der Redner verwies auf den Beschluß in der eingangs erwähnten Sitzung der Leiter der Betreuungsstellen, eine Organisation der Kz-ler zu schaffen, hinter der die demokratischen Parteien und die Gewerkschaften stehen müßten. Am Schluß der Versammlung wurden einstimmig einige Resolutionen angenommen, deren Hauptforderungen .folgende waren: Loslösung der Betreuung der politisch und rassisch Verfolgten von den Fürsorgestellen und ihre Unterstellung unter das Wiedergutmachungsamt bei der groß- ' hessischen Regierung. Ausdehnung der Betreuung auch auf die politisch Verfolgten, die schon vor der Befreiung durch die Amerikaner aus den Lagern entlassen worden sind. Steuerfreiheit für alle Opfer des Faschismus und zum Ausgleich erhöhte Besteuerung der P g’s. Fünfzig Prozent Herabsetzung der Fahrpreise auf allen öffentlichen Verkehrsmitteln für die Opfer des Faschismus. Unterbindung der Möglichkeit, daß Antifaschisten Wohnungen ehemaliger belasteter Nazi wieder an diese zurückgeben müssen. Erhöhung der Lebensmittelzuteilung an ehemalige Kz-ler auf 2350 Kalorien täglich, d. h. auf dieselbe Höhe, wie sie die zur Zeit in Arbeitslagern befindlichen Naziaktivisten erhalten!! 67