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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-08-20 · 10 (20.8.1946) · p. Seite 65

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
10 (20.8.1946)
Date
1946-08-20
Page
Seite 65 (sequence 5)
Language
German
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die Anbiederungen nicht hinein und schrieb Fritsch von Nizza aus unter dem- 23. März 1887 folgenden Brief: Geehrter Herr! Sie erweisen mir in Ihrem eben angelangten Briefe so viel Ehre, daß ich nicht umhin kann, Ihnen noch eine Stelle aus einer' Literatur zu verraten, die sich mit den Juden beschäftigt: sei es auch nur, um Ihnen ein doppeltes Recht zu geben, von meinen „schiefen Urteilen“ zu reden. Lesen Sie bitte „Morgenröte“ p. 194 (Morgenröte. Gedanken über die moralischen Vorurteile. Drittes Buch. 205. Vom Volke Israel). Die Juden sind mir, objektiv geredet, interessanter-als die Deutschen: ihre Geschichte gibt viel grundsätzlichere Probleme auf. Sympathie und Antipathie bin ich gewohnt, bei so ernsten Angelegenheiten aus dem Spiele zu lassen: wie dies zur Zucht und Moralität des wissenschaftlichen Geistes und — schließlich — selbst zu seinem Gesehmacke gehört. Ich gestehe übrigens, daß ich mich dem jetzigen „deutschen Geist“ so fremd fühle, um seinen einzelnen Idiosynkrasien ohne viel Ungeduld Zusehen zu können. Zu diesen rechne ich in Sonderheit den Antisemitismus. Der auf Seite ß Ihres geschätzten Blattes gerühmten „Klassischen Literatur“ dieser Bewegung verdanke ich sogar manche Erheiterung: oh, wenn Sie wüßten, was ich im vorigen Frühling über die Bücher jenes ebenso gespreizten als sentimentalen Querkopfs, der Paul de Lagarde heißt, gelacht habe! Es fehlt mir offenbar jener „höchste ethische Standpunkt“, von dem auf jener Seite die Rede ist. Es bleibt nur übrig, Ihnen für die wohlwollende Voraussetzung zu danken, daß ich nicht „durch irgendeine gesellschaftliche Rücksichtnahme zu meinen schiefen Urteilen verführt“ bin; und vielleicht dient es zu Ihrer Beruhigung, wenn ich zuletzt noch sage, daß ich unter meinen Freunden keine Juden habe. Allerdings auch keine Antisemiten. — Gibt mein Leben irgendeine Wahrscheinlichkeit dafür ab, daß ich mir von irgendwelchen Händen „die Schwingen verschneiden“ lasse? — Mit diesem Fragezeichen empfehle ich mich Ihrem ferneren Wohlwollen — und Nachdenken . . . Ein1 Wunsch: Geben Sie doch eine Liste deutscher Gelehrter, Künstler, Dichter, Schriftsteller, Schauspieler und Virtuosen von jüdischer Abkunft oder Herkunft heraus! Es wäre ein wertvoller Beitrag zur Geschichte der deutschen Kultur (— auch zu deren Kritik!). Nietzsche meinte selbstverständlich, daß eine solche Liste zeigen würde, wieviel die deutsche Kultur der jüdischen Mitarbeit zu verdanken hat. Es kam aber statt einer solchen Liste der Semi-Gotha heraus, jenes furchtbare Elaborat, das die Wege zu den KZ.-Lagern geebnet hat. Bald nach Absendung seines Briefes an Fritsch erhielt Nietzsche einige Exemplare des „Hammer“, zu denen er folgenden Kommentar gibt: Hiermit sende ich Ihnen die drei übersandten Nummern Ihres Korrespondenzblattes zurück, für das Vertrauen dankend, mit dem Sie mir erlaubten, in den Prinzipienwirrwarr auf dem Grunde dieser wunderlichen Bewegung einen Blick zu tun. Doch bitte ich darum, mich fürderhin nicht mehr mit diesen Zusendungen zu bedenken: ich fürchte zuletzt für meine Geduld. Glauben Sie mir: dieses abscheuliche Mitredenwollen naiver Dilettanten über den Wert von Menschen und Rassen, diese Unterwerfung unter ,Autoritäten', welche von jedem besonneren Geiste mit kalter Verachtung abgelehnt werden (z. B. E. Dühring, R. Wagner, Ebrard, Wahrmund, P. de Lagarde — wer von ihnen ist in Fragen der Moral und Historie der unberechtigste, ungerechteste?), diese beständigen absurden Fälschungen und Zurechtmachungen der vagen Begriffe germanisch', (semitisch', ,arisch', ,christlich', ,deutsch' — das alles könnte mich auf die Dauer ernsthaft erzürnen und aus dem ironischen Wohlwollen herausbringen, mit dem ich bisher den tugendhaften Velleitäten und Pharisäismen der jetzigen Deutschen zugesehen habe. — Und, zuletzt, was glauben Sie, daß ich empfinde, wenn der Name Zarathustra von Antisemiten in den Mund genommen wird?... Also ließ Nietzsche den Über-Antisemiten Fritsch abfahren. Trotz allen Bekundungen des Philosophen, daß er mit den germanischen Rassefanatikern nichts zu tun haben wolle1, ist aber von dieser Seite der Nietzsche-Kult in Blüte geschossen. Der Name Zarathustra wurde von den antisemitischen Heißspornen immer mehr mißbraucht. Nur fehlendes Schamgefühl konnte dies möglich machen. Schamlosigkeit und propagandistische Mißdeutung des Denkers, den sie verwegen genug zu ihrem geistigen Bannerträger erhoben haben. Es ist Zeit, zu zeigen, daß dieser nicht Nietzsche, sondern eine von den Antisemiten zurechtgeschwindelte Vogelscheuche war. Dies festzustellen ist man der Ehre des deutschen Philosophen schuldig. Die oben angeführten Briefe führen eine so deutliche Sprache, daß jeder Zweifel darüber, welche Stellung etwa Nietzsche dem Nationalsozialismus gegenüber eingenommen hätte, schwinden muß. Wie andere Götzen hätte er auch diesen zertrümmert. Vielleicht hätte er auch gespottet; am wahrscheinlichsten aber, ob so vieler Schamlosigkeit sein Haupt verhüllt. Und dann wäre er, wie Zarathustra, in die Berge geflüchtet. Die Asozialen Hier zwei kleine Geschehnisse am Rande der großen Vorgänge. Sie sprechen für sich selbst. Jedes Wort eines Kommentars ist überflüssig. Alle anständigen Menschen sollten gegen solche Möglichkeiten aufstehen. Die Gemeinde Söllingen im Badischen hatte von der „Landesstelle für politisch und rassisch Verfolgte“ in Karlsruhe einen Verwaltungslehrling zugewiesen bekommen. Der junge Rockenberger — so hieß er — war allerdings eines der bedauernswertesten Opfer des Naziterrors. Seine beiden Eltern waren nach Auschwitz deportiert und dort ums Leben gebracht worden. Es ist kaum anzunehmen, daß der Junge ohne vorherige Prüfung auf seine Begabung für die kommunale Verwaltungs-Laufbahn ausgewählt worden war. Aber das war dem Gemeinderat von Söllingen gleichgültig. Sicher paßten den Gemeindevätern die „rassischen Voraussetzungen“ des kleinen Lehrlings ebensowenig in den Rahmen ihres Gemeindehauses, wie sie dem inzwischen abservierten Ortsgruppenleiter oder Stützpunktleiter gepaßt hätten. Man kann eben in Söllingen nicht so schnell umlernen! Und so entschied man mit vier zu eins kurz und bündig: „Auf politisch Verfolgte braucht der Gemeinderat von Söllingen keine Rücksicht zu nehmen.“ Der junge Rockenberger mußte seinen Lehrlingsposten wieder aufgeben. Die Landesstelle für politisch und rassisch Verfolgte hat seinen Fall der Öffentlichkeit mitgeteilt. Leider ist uns weder Name noch Wohnort jenes Burschen übermittelt worden,, der als trauriger Held in dem zweiten Falle figuriert. Das war ein Bauer im Kreise Donauwörth. (Ein Mann, den alle anständigen deutschen Bauern, das heißt die übergroße Mehrzahl, weit von sich weisen.) Nicht irgendein kleiner Landarbeiter, sondern ein Bauer, der auf seinem Hof saß und Platz gehabt hätte für andere Mitmenschen, denen das Schicksal der letzten sechs Jahre weniger günstig war als ihm. Also überwies ihm die Behörde eine Flüchtlingsfrau mit ihren Kindern zur Unterbringung. Die Frau kam offenbar aus den Ostgebieten. Sie hat ganz gewiß bitteres Leid mitgemacht. Da war es für ihre Nerven zuviel, als der Bauer die Peitsche nahm und sie mitsamt ihren Kindern vom Hofe verjagte. Sie ging in ihrer Verzweiflung hin und erhängte sich. Hier aber hat inzwischen die Vergeltung nicht auf sich warten lassen. Der Regierungskommissar für das Flüchtlingswesen im Regierungsbezirk Niederbayern-Oberpfalz teilte dieser Tage mit, daß der brutale Hofbesitzer enteignet und sein Anwesen einem Kriegsversehrten übertragen worden ist. Belohnte Menschlichkeit Ein Pg„ der wirklich kein Pg. war. Im Jahre 1933 trat der technische Kaufmann Karl Plum aus Wilmersdorf in die NSDAP, ein, weil er dadurch für sich und seine Belegschaft eine wirtschaftliche Belebung in seinem völlig daniederliegenden Geschäft erhoffte. Seine Appellation wurde jetzt vor der Entnazifizierungskommission in Charlottenburg verhandelt. Ein Fall wie viele andere, und doch ein Sonderfall. Hier war wirklich einmal ein Nazi, der kein Nazi war. Hier kam Menschliches zur Sprache, die ans Herz rührte. Ein Zeuge trat für den Appellanten auf, ein ehemaliger Sternträger, KZ.-Häftling, viermal verhaftet, der Inhaber einer angesehenen Firma aus derselben Branche mit fast hundertjähriger Tradition. Jahrzehntelang war er zugleich Konkurrent und Geschäftsfreund des Appellanten gewesen: anständig und sauber hatte man konkurriert, hatte sich als Ehrenmann und Mensch gegenseitig achten und schätzen gelernt. Er sagte aus: „Es war der judenfreundlichste Betrieb, den ich kannte. Ich nahm keinen Anstoß daran, daß

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