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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-08-20 · 10 (20.8.1946) · p. Seite 64

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
10 (20.8.1946)
Date
1946-08-20
Page
Seite 64 (sequence 4)
Language
German
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An alle jüdischen Gemeinden der britischen Zone In der letzten Zeit mehren sich leider die Fälle, daß infolge der Inanspruchnahme von Wdtmräumen durch die Besatzungsmacht viele unserer Glaubensgenossen betroffen werden. Der Legal Adviser der Jewish Relief Unit, Herr Dr. Weiß, ist in London vorstellig geworden und wir hoffen, daß die dort getroffene Regelung allen Abteilungen der Militär-Regierung bekanntgegeben wird. Demzufolge sollen Beschlagnahmen jüdischer Wohnungen nur dann erfolgen, wenn diese in einem Block liegen, der in seiner Gesamtheit beschlagnahmt ist. In diesem Falle ist durch die deutsche Behörde eine angemessene Ersatzwohnung zuzuweisen. Die Möbel der jüdischen Mitbürger dürfen unter allen Umständen mitgenommen werden. Auf jeden Fall wollen sich die Gemeindemitglieder, die betroffen werden, an den zuständigen Wohlfahrtsoffizier wenden, und zwar durch die Gemeinde. Ich werde im übrigen auf der nächsten Sitzung des Zonenwohlfahrtsausschusses die Angelegenheit energisch zur Sprache bringen. Ferner habe ich auf folgendes hinzuweisen. Es ist ein Fall vorgekommen, daß ein in Deutschland geborener Jude, dessen Heimatgemeinde in der britischen Zone liegt und sich augenblicklich in Belsen aufhält, erst jetzt seiner Heimatgemeinde Nachricht gegeben hat. Ich bitte daher alle Gemeinden und gleichzeitig die Gemeinden aller Committees der Läger, die in Ihrem Bereich liegen, daß alle in Deutschland geborenen Juden ihre Adresse bekanntgeben, und zwar bei der Gemeinde, wo sie vor ihrer Deportierung ihren ordentlichen Wohnsitz hatten. Ich bitte um umgehende Erledigung. Zonenausschuß der jüdischen Gemeinden der britischen Zone, gez. Auerbach, 1. Vorsitzender. Eine Million für die Hinterbliebenen der Waffen-SS Zu unseren Artikeln in Nr. 5 und 8 unseres Gemeindeblattes schreibt uns der Herr Oberpräsident der Provinz Westfalen und jetzige Ministerpräsident, Herr Dr. Amelunxen, unter dem 1. August 1946, daß er veranlaßt habe, daß er den Posten von RM 1000 000.— für die Hinterbliebenen der Waffen-SS. habe streichen lassen. Damit ist diese Angelegenheit, die immerhin einiges Aufsehen erregte, durch das unmittelbare Eingreifen des Herrn Oberpräsidenten restlos bereinigt worden. Goldene Hochzeit in Bonn Das seltene Fest der Goldenen Hochzeit beging am Freitag, dem 2. August 1946, das Ehepaar J a k o b y, eines der wenigen volljüdischen Ehepaare, denen es möglich war, die schweren Zeiten zu überstehen. Herr Jakoby, im rüstigen Alter von 82 Jahren, und seine Gattin, der man die 70 Jahre nicht ansieht, sind sichtlich bewegt von den Vorbereitungen für die schöne Feier, welche die jüdische Gemeinde in Bonn für sie arrangiert hatte. Die gesamte Gemeinde Bonn, ebenso wie der Herr Bürgermeister von Godesberg und die Vertreter des Militär- Gouverneurs versammelten sich zu einem Festakt in der alten Godesburg, wo Herr Dr. Auerbach das Wort nahm, um als Vorsitzender des Landesverbandes die Glückwünsche der jüdischen Organisationen zu übermitteln und gleichzeitig einige grundlegende Ausführungen über die Tagesereignisse zu machen. Der Vertreter der Vereinigung ehern, politisch und rassisch Verfolgter, Herr Nipkov, hat in netter Weise einige Worte der Anerkennung und der Gratulation überbracht und in einer launigen Ansprache nahm auch der Herr Bürgermeister das Wort. Im engen Kreise versammelten sich die Angehörigen und die Gäste der Familie beim1 kleinen Abendessen. Herr Dr. Auerbach betonte in seiner Tischrede besonders die Anwesenheit verschiedener nichtjüdischen Gäste, die der Familie Jakoby auf ihrer Flucht unter Einsetzung ihres eigenen Lebens Obdach und Nahrung gegeben haben, und sprach die Dankbarkeit der jüdischen Gemeinschaft den deutschen Mitbürgern aus, die während der schweren Zeit in Treue zu ihnen gehalten haben. Zur Nummer gestempelt Ein Mann in London hatte ein Erlebnis, das ihn stark bewegt und kaum wieder losläßt. Dieser Mann ist Martin Christian Sander, und er sprach darüber in einer Sendung des Londoner Rundfunks in deutscher Sprache. Als er im Haus der BBC. von den unten gelegenen Diensträumen mit dem Aufzug zum dritten Stockwerk fuhr, hat er im Fahrstuhl ein junges Mädchen mit einer Anzahl Schallplatten unter dem linken Arm gesehen. Bei dem Versuch, die Aufschrift der obersten Platte zu lesen — einem Impuls, dem in solchen Fällen fast jeder nachgibt —, habe er eine furchtbare Entdeckung gemacht: auf dem linken Unterarm des jungen Mädchens war eine fünfstellige Ziffer mit einem Dreieck darunter eintätowiert. „Obwohl ich davon gehört hatte, daß die Häftlinge der Konzentrationslager als erstes eine derartige Kennummer erhalten, war mir ein solcher Fall bisher doch noch nicht vorgekommen. Dies war einer: tadellos ausgeführt, klar und sauber“, sagte Sander und fuhr fort: „In deutschen Konzentrationslagern seien, wie man ja wisse, noch weit schlimmere Dinge geschehen, wenn auch die Brandmarkung von Menschen wie Herdenvieh eine abgrundtiefe Kulturschande darstelle.“ Wie er erfahren habe, sei das junge Mädchen als Jüdin nach Auschwitz gekommen und von dort nach Belsen, wo es befreit worden ist. Es hat mich so tief erschüttert, weil ich denken muß, wie furchtbar schwer es dem deutschen Volk werden wird, die Schande vergessen zu machen, die das Naziregime in zwölf Jahren über das deutsche Volk gebracht hat. Es wird Jahrzehnte dauern, bis die Mauer des Mißtrauens, die das deutsche Volk umgibt, beseitigt werden kann. Die Zeit verfließt, das junge Mädchen, hübsch und liebenswürdig, wie es ist, wird wahrscheinlich heiraten, Kinder bekommen, und der Kreis von Bekannten und Freunden wird sich erweitern. Und alle werden dann wissen, was die Nummer zu bedeuten hat, die mit deutscher Gründlichkeit auf ihren linken Arm tätowiert worden ist. In 50 Jahren werden immer wieder Leute fragen: ,Was ist das für eine komische Tätowierung auf Ihrem Arm?“ Und sie werden von den Gaskammern von Auschwitz und den Schrecken in Belsen erzählt bekommen!“ Aber Sander fuhr fort: „Man dürfe in Deutschland nicht verzweifeln. Freimachen müsse sich das deutsche Volk von der Haltung eines in die Ecke gestellten trotzigen Jungen. Das deutsche Volk muß von sich aus alles tun, um zu beweisen, daß es ihm wirklich ernst ist, sich von Krieg und Terror abzuwenden.“ Nietzsche und die Juden Von W. Conradt. Wie sehr Hitler und die Seinen Nietzsche hofiert und den Geist des großen „Amoralischen“ tausendmal beschworen haben, ist bekannt. Und trotzdem wäre Nietzsche ins KZ. gekommen, wenn er das Pech gehabt hätte, steinalt das Dritte Reich zu erleben. Er hätte zum Beispiel die Anbetung, die seine Jünger im Hitler-Reich ihm zuteil werden ließen, in einem kurzen Epigramm' hinweggefegt und hätte namentlich die Ziele, die die Unentwegten der zwölf Jahre auf ihr Banner schrieben, aufs unbarmherzigste bloßgestellt. Zu diesen Zielen gehört auch der Antisemitismus, jene weltanschauliche Farce, die nur dazu dient, das Gewissen über die eigene Denkfaulheit zu betäuben. Nietzsche war ja, was auch hier schon mehrmals betont wurde, ein entschiedener Anti-Antisemit. So bezeichnet er sich zum Beispiel selbst in einem Briefe an die Schwester vom Februar 188'6: „Soeben kommt Dein hübscher und lustiger Vorschlag, und wenn er irgendwie dazu dient, Deinem Herrn Gemahl eine gute Meinung über den unverbesserlichen Europäer und Anti- Antisemiten, Deinen ganz unmaßgeblichen Bruder und Eckensteher Fritz beizubringen — usw.“ Selbst bei scherzhaften Äußerungen tat sich Nietzsche also auf seine Ablehnung der Antisemiten zugute. Vielfach sind die Auslassungen, die der Philosoph in seinen Schriften in diesem Sinne gemacht hat, vgl. zum Beispiel „Jenseits von Gut und Böse“, „Zur Genealogie der Moral“ usw. Sehr interessant sind in diesem Zusammenhänge die Briefe, die Nietzsche an den waschechten Judenfresser Theodor Fritsch, den Herausgeber des „Hammer“, gerichtet hat. Fritsch hätte natürlich ebenso gern wie sein Epigone Hitler gesehen, wenn Nietzsche seine Macht- und Herrenmoral-Philosophie mit dem Rassewahn verbunden hätte. Der Philosoph fiel aber auf

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