Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 10 (20.8.1946)
- Date
- 1946-08-20
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
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liehe Gefühl für wahre Menschenwürde vorhanden gewesen Regime überhaupt erst seine Existenzmöglichkeit verdankt, wäre, wie es bei andern Völkern selbstverständlich ist. Die völlige Eingliederung der deutschen Juden in das deutsche Volk ist ein wesentlicher Bestandteil des deutschen Wiederaufbaus. Nicht, daß diese Gruppe heute zahlenmäßig noch ins Gewicht fiele, nicht, daß der materielle Anteil der kleinen Reste in Deutschland heute von großer Bedeutung wäre, aber eine Gemeinschaft, die nicht einmal einer zahlenmäßig so geringen Gruppe wirklich die1 vollen Rechte eines jeden Menschen zu geben vermag, ist keine Demokratie und wird nie eine werden. Ohne Unterschied von Herkunft, Glaube und Rassenzugehörigkeit werden die Lasten getragen werden, ohne Unterschied müssen die Rechte anerkannt werden. Es muß doch1 sehr bedenklich stimmen, daß bis heute noch keine deutsche Stelle den Versuch gemacht hat, die aus den Klauen des Nazismus geretteten Juden zu veranlassen, nun in Deutschland zu bleiben. Wenn heute alte Leute zu ihren Kindern auswandern wollen, um ihre letzten Lebensjahre im Kreise der engeren Familie und in deren neuer Heimat zu verleben, so hat man dafür Verständnis. Wenn die Besatzungsbehörden diesbezüglich eine tatkräftige Hilfe leisten, so wird man diese dankbar vermerken. Aber daß sich heute noch Tag für Tag junge Menschen entschließen, nach Palästina — was sich vielleicht noch weltanschaulich begrüßen läßt — oder nach Übersee auszuwandern, ist ein Beweis von tiefer Hoffnungslosigkeit, die dadurch entstanden ist, daß man den Schwierigkeiten des Tages nicht die Hoffnung auf eine bessere Zukunft gegenüberzustellen vermag, und diese Zukunft hängt von der Wiedergutmachung der Schäden der Vergangenheit ab. Zu diesem Thema wird so oft von sonst sehr wohlmeinenden „Ariern“ gesagt, „Schäden haben wir alle gehabt“. Richtig, ohne Schaden irgendwelcher Art ist wohl kaum ein anständiger Deutscher über das „Dritte Reich“ hinweggekommen. Und wer heute als deutscher Jude die Absicht hat, in Deutschland wieder eine Existenz aufzubauen, der ist sich darüber klar, daß er damit den Willen haben muß, alle die Lasten mitzutragen, die jedem Deutschen als Folge des Hitlerkrieges aufgeladen sind, Lasten, an denen er nicht schuld ist. Er wird wie jeder sein Existenzmänimum bedeutend herabschrauben müssen und wird auch im Hinblick auf die Einkommensverhältnisse sich zu bescheiden haben, er wird sehr große Steuerlasten mittragen und wird unter der Wiedergutmachung zu leiden haben, die jedem Deutschen dem Auslande gegenüber obliegt. Er wird, wenn er sein Eigentum durch den Bombenkrieg verloren hat, dafür keinen Ersatz verlangen können, der über den Ersatz hinausgeht, den ein „Arier“ erhielt. Er wird also Verluste dieser Art eben als Verluste abbuchen müssen, wie sie jeder zu tragen hat, der, ganz gleichgültig, wie er zu den Ereignissen stand, ein Opfer der gemeinsamen Haftpflicht eines Volkes geworden ist. Was aber grundsätzlich ersetzt werden muß, das ist all das, was man uns wegnahm, weil wir Juden sind. Vielleicht wissen es viele Leute noch nicht oder nicht mehr, wie man uns von 1983 bis 1940/41 Schritt für Schritt unser Eigentum raubte, wie — es ist gar nicht mehr möglich, heute aus dem Gedächtnis eine vollständige chronologische Reihenfolge aufzuzählen — man uns Schritt für Schritt unsere Autos, unsere Radioapparate, unsere elektrischen Geräte, unsere Schreibmaschinen, unsere Pelze, unseren Schmuck, unsere Kleidungsstücke, unsere Wäsche, unsere Bücher abnahm, ohne dafür eine Entschädigung zu geben. Unsere Wohnungen mußten wir räumen, das Mobiliar mußten wir verschleudern, und Tausende von Mark mußte jeder einzelne von uns dann noch einmal für die Renovierung der Wohnungen zahlen, die nun von nazistischen Würdenträgern oder sonstigen Nutznießern des Regimes bezogen wurden, und was uns dann noch an Barmitteln geblieben war, raubte man uns vor unserer Evakuierung, indem man uns „Heimeinkaufsverträge“ abzuschließen zwang, für die wir lebenslängliche freie Unterkunft in Altersheimen wie Theresienstadt finden sollten. „Lebenslänglich!“ Ein wahrhaftes Wort. Nur wie lange lebten diese Leute? Von 153 000 Menschen, die nach Theresienstadt deportiert wurden, haben nur 8000 das Kriegsende erlebt. Und wer im Altersheim Theresienstadt nicht schnell genug verstarb, dem bereiteten die Gaskammern von Auschwitz das schnelle Ende. Die, die wir es überlebten, sind die Ausnahmen. Kaum sechs von hundert! In dem Vorzugslager Theresienstadt! Und für alle diese materiellen Schäden, die uns nur deshalb trafen, weil wir Juden waren, für die ist ein angemessener Schadenersatz notwendig. Niemand wird, auch wenn er einst zu der Kategorie der reichen Leute gehört hat, einen vollen Ersatz für alles verlangen, was ihm geraubt wurde. Aber daß heute praktisch noch nichts geschehen ist, ist ein schwerer psychologischer Fehler. Es treibt manchen in das Ausland hinaus, der in Deutschland bleiben wollte, und der hier in praktischer Arbeit hätte nützen können. Es bringt viele Leute in eine Lethargie, die dem Wiederaufbau nicht förderlich .ist. Junge Menschen, kräftige Menschen, gesunde Menschen, die in die Kategorie gereiht werden können, auf die das Nietzsche-Wort paßt: „Was mich nicht vernichtet, macht mich stärker“ stehen heute deprimiert beiseite, konzentrieren ihr Denken und Handeln auf die erhoffte baldige Auswanderung, anstatt mit Existenz zu gehen, die ein Verbleiben in Deutschland, eine Mitarbeit an Deutschland ermöglicht. Es ist ein Unding, daß wir heute, ein Jahr nach dem Zusammenbruch, nur in neuem frischen Eifer an den Wiederaufbau der eigenen Bayern in der Lage sind, uns unsere Betriebe mit Vorschußzahlungen wieder aufzubauen, die man uns auf Grund späterer Ersatzleistungen zur Verfügung stellt. In allen anderen Kreisen Deutschlands ist man angewiesen auf Kredite von Freunden und Bekannten. Wer über diese Verbindungen nicht verfügt, kann sich eine Existenz nicht wieder auf bauen, denn ist es unmöglich, in Deutschland wirtschaftlich wieder festen Fuß zu fassen, dann ist es unmöglich, seine Unternehmerinitiative in den Dienst des deutschen Wiederaufbaues zu stellen. Der Jude im Dritten Reich hat ein Martyrium durchgemacht, wie er es nicht einmal von einer ihm feindlichen Staatsführung erwarten durfte. Kein- Mensch von uns hätte jemals geglaubt, daß man das ertragen könnte, was uns vorn Dritten Reich angetan worden ist. Wir leben heute in einer Gemeinschaft, die ihre Sorgen mit sich selbst hat, aber wir leben in einer Gemeinschaft, von der ein jeder wahrhaft demokratische Mensch verlangen muß, daß sie sich um das Schicksal derer kümmert, die die schlimmste moralische Belastung in der Konkursmasse des Dritten Reiches sind, denn hier wurden Menschen, also alteingesessene Familien, in Deutschland geboren, gemartert und gequält, nur weil sie Menschen einer anderen Abstammung und Menschen eines anderen Glaubens waren als die aus allen Teilen der Welt zusammengelaufenen Kumpane eines Hitler, die sich für berechtigt hielten, sich als „Herrenrasse“ und „Edelmenschen“ zu plakatieren. Das neue Leben, das uns ein gütiges Geschick wieder geschenkt hat, wollen wir also als Menschen unter Menschen beginnen. Wir müssen aber auch Menschen unser Menschen sein. Ein Problem, das heute jeden interessiert und beschäftigt, ist das der Denazifizierung. Ein jeder von uns ist nach dem, was wir erlebt haben, wie jedermann verstehen wird, über das rein Staatspolitische hinaus, durchaus subjektiv an dieser Frage interessiert. Aber gerade diese Subjektivität ist eine Gefahr für die Gerechtigkeit, die stets nach einer objektiven Beurteilungsbasis zu streben hat. Und zur Beschaffung dieser objektiven Unterlagen, auf denen sich Urteilssprüche aufbauen sollen, die über die Zukunft von vielen Menschen zu entscheiden haben, wird es oft der Zeugnisse bedürfen, die nur wir abzulegen in der Lage sein werden. Dies legt uns eine schwere Verantwortung auf, der wir uns stets bewußt sein sollen. Wer zeugen will, muß frei von Haß sein. „Aug’ um Auge, Zahn um Zahn“, der alte jüdische Grundsatz, der schon von der Mehrheit im alten Judentum stets verworfen worden ist, darf für niemanden gelten, für den der „Abbau des Hasses“ Weltaufbau-Parole Nr. 1 ist. Nur wer sich zu dieser Parole bekennt, hat aus der Schwere der Zeit, die wir erleben mußten, etwas gelernt. Wir hören nicht auf Haßparolen, wir beachten keine Vorschriften, nach denen wir nicht für Pgs. zeugen sollen, wir lassen uns Haß ebenso wenig vorschreiben wie Liebe. Aber wir, die wir mehr als ein Jahrzehnt unschuldig unsagbar zu leiden hatten, haben uns vor uns selbst den Schwur abzulegen, daß wir nie unsere Hand dazu hergeben wollen, daß ein Unschuldiger unschuldig leiden soll. Das ist das, was der Jude im Dritten Reich gelernt hat, gelernt haben muß. Und daß das auch unsere Umwelt gelernt hat, wäre in Bälde zu beweisen; dann war der Weg durch die Hölle Hitlers nicht vergebens.