Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 9 (6.8.1946)
- Date
- 1946-08-06
- Page
- Seite 54 (sequence 2)
- Language
- German
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„Hat Eichmann Ihnen erklärt, daß in Auschwitz insgesamt zwei Millionen Menschen, Männer, Frauen und Kinder, vernichtet worden sind?“ Höß: „Ja.“ Kaufmann: „Haben Sie angesichts Ihrer eigenen Frau und Ihrer Kinder nie Mitleid mit den Opfern gehabt?“ Höß: „Ja, ich habe Mitleid gehabt, aber es war immer der unbedingte Befehl des Reichsführers Himmler, der mich von der Notwendigkeit der Maßnahmen überzeugt hat. Aus dem Geständnis des Höß: „Der Lagerkommandant von Treblinka sagte mir, daß er 80000 Juden im Laufe eines halben Jahres liquidiert habe. Er wandte Monoxidgase an, und nach seiner Ansicht waren seine Methoden nicht sehr wirksam.“ Herr Höß machte es besser. Er nahm das Zyklon. „Wir wußten, wann die Menschen tot waren, weil ihr Kreischen aufhörte. Unsere Sonderkommandos nahmen den Leichen die Ringe ab und zogen ihnen die Goldplomben aus.“ Diese Goldblomben, diese Ringe, diese Brillengestelle lagen dann, in Lastwagen herangeschafft, in Tresoren der Frankfurter Reichsbank, wie der Nürnberger Prozeß weiter ergeben hat. Was sagt Herr Kaltenbrunner dazu, der die Menschen nach Auschwitz schickte und dessen Unterschrift fast auf jedem Verhaftungsbefehl zu finden ist? „Ich habe mich immer für die Juden eingesetzt. Ich habe nie in meinem Leben eine Gaskammer gesehen.“ Oberst Amen, einer der Ankläger, fragte ihn: „Von den 400 000 Juden aus dem Warschauer Ghetto wurden fast alle im Vernichtungslager Treblinka abgeschlachtet. Was hatten Sie damit zu tun? Ueberhaupt nichts — wie üblich?“ Kaltenbrunner: „Ich weiß nichts über diese Aktion, von der Sie sprechen.“ Von Himmler wird jetzt ein Ausspruch bekannt: „Der härteste Befehl, den mir der Führer je erteilt hat, war die Tötung der Juden.“ In einem der berühmtesten Bücher über das Dritte Reich, in den „Gesprächen mit Hitler“ des früheren Senatspräsidenten von Danzig, Rauschnigg — sie sind leider immer noch nicht in Deutschland zu kaufen — finden sich diese Äußerungen Hitlers: „Der Jude ist der Gegenmensch, der Antimensch. Der Jude . . . steht dem Tier viel ferner als wir Arier, er ist ein naturfremdes und naturfernes Wesen.“ Rauschnigg fährt fort: „Hitler wollte noch etwas sagen. Aber es war, als versagte ihm in der Fülle der ihn überstürzenden Gesichte die Sprache. Sein Gesicht war krampfhaft verzerrt. Er knackte in der Erregung mit den Fingern. „Hier lernen wir nie aus“, stammelte er noch. * Vor der Untat an den Juden versagt das menschliche Vorstellungsvermögen. Wir standen bleich dabei, als man die Züge der Juden durch die Straßen trieb, auch in Frankfurt, auch im kleinsten Dorf, in jeder Mittelstadt, überall in ganz Deutschland. Es ist die blanke Wahrheit, daß es nie einen „deutschen Volkszorn“ gegen die Juden gegeben hat, nie eine „spontane Aktion“, auch nicht am 8. November 1988. Alles war kommandiert, alles kam aus den perversen Gehirnen der Hitler, Goebbels, Himmler. Was an den Juden geschah, wird die Edelsten und Besten nie zur Ruhe kommen lassen solange ' sie leben. Kein mittelalterlicher Höllenmaler, kein Hieronymus Bosch, kein Breughel hat ersinnen können, was in Auschwitz, Maidanek, Treblinka geschah. Die Ankunft der Viehwagen, mit Menschen vollgepfropft, erschöpften, von Angst und Elend schon dem Wahnsinn nahen Menschen. (Die Glücklichsten starben unterwegs.) Greise, bebende Mütter, weinende, fassungslose Kinder, Chirurgen, die Tausenden von Menschen mit ihren begnadeten Händen das Leben gerettet hatten, erlauchte Geister, die in Hörsälen jahrzehntelang andächtige Menschen zu ihren Füßen sitzen hatten, Teilnehmer aus dem ersten Weltkrieg, die schwerkriegsbeschädigt waren und hohe Orden trugen: alle mußten ins Gas. Zum unsäglichen Hohn empfing man sie — wie Jeder, der in Auschwitz war, bezeugen kann — am Bahnhof mit einer Musikkapelle und mit Girlanden. Ein SS-Führer — oder ein SS-Arzt — hieß sie nackt an sich vorbeipassieren. Sein Daumen zeigte nach links, nach rechts. Die einen gingen sofort ins Gas, die anderen später, nachdem man ihre Arbeitskraft noch eine Weile ausgenutzt hatte. 54 Was sich in jenen Kammern abgespielt hat, wird man nie ermessen können. Die Wände schweigen. Die Menschen wurden in solcher Fülle hineingepreßt, daß schließlich die eisernen Türen zugezwängt werden mußten. Kinder und Säuglinge wurden über die Köpfe der Erwachsenen hineingeschleudert. Dann schlossen sich die Türen. Aus den Brausen strömte die Blausäure. Manchmal dauerte es eine Viertelstunde bis alles tot war. Wie sagte die Bestie Höß? „Wir wußten, daß sie tot waren, wenn das Kreischen aufhörte.“ * Viele unter uns haben nicht gewußt, was in den Kz. geschah. (Es steht auf einem anderen Blatt, daß jeden ein geheimes Grauen bei dem Wort ergriff.) Viele haben nicht gewußt, was in Polen, in den Weiten Rußlands geschah. Alle haben wir gewußt, daß die Juden aus unseren Städten und; Dörfern getrieben wurden — und daß nie einer wiederkehrte. — Das war das mindeste, was jeder wußte. Und es ist wieder eine andere Sache, ob es möglich war, etwas dagegen zu tun. Eine verschworene Gemeinschaft von Verbrechern hatte sich in den Besitz der ganzen staatlichen Macht gesetzt. Spätestens nach dem 80. Juni 1934 gab es für den gewöhnlichen Menschen keine Chance mehr, diese Verbrecher zu vertreiben. Professor Jaspers hat einmal als unsere Schuld bezeichnet, daß wir, als die Juden an uns vorbeigetrieben wurden, nicht auf die Straße gingen und schrien, schrien, schrien, — aber er hat auch keinen Zweifel daran gelassen, daß es praktisch zwecklos gewesen wäre. Geschrien in ihrer Not und Bestürzung hätten ja nur die Edlen, die Guten, sie wären umgebracht worden wie die Juden. Die Masse ist immer feig. Aber es bleibt das Gefühl, Augenzeuge einer ungeheuerlichen Schandtat gewesen zu tein ... Die Angeklagten in Nürnberg spüren es. Baldur von Schirach bekennt: „Die Rassenpolitik ist ein Verbrechen, Hitler war ein millionenfacher Mörder. Wer nach Auschwitz am Antisemitismus festheilt, machte sich mitschuldig.“ Der düstere Gouverneur Frank stammelt: „Mein Tagebuch ist mir selbst als furchtbarster Zeuge gegenübergetreten.“ Kaltenbrunner, der eisig Millionen in den Tod schickte, leugnet verwirrt. Göring ruft den Musiker Leo Blech als Zeugen auf, daß er nie etwas gegen die Juden gehabt habe. Streicher noch, vor dem selbst die Mitangeklagten abrücken, will nie die physische Ausrottung gemeint haben. Indessen aber starben unter den1 grausigsten Umständen Millionen. Das Weinen der gemordeten) Kinder wird nicht aufhören, solange die Erde sich dreht. Der Judenmord bedeutet Deutschlands tiefste Erniedrigung. Die Ernährungslage des Rhein-Ruhr-Gebietes in Gefahr Aufruf des Zonenausschusses der jüdischen Gemeinden der britischen Zone an unsere Brüder und Schwestern in der ganzen Welt. Als Präsident des Zonenausschusses der jüdischen Gemeinden der britischen Zone ergeht mein Appell an Euch, Brüder und Schwestern in der übrigen Welt, die durch Gottes Hilfe vor dem grausamen Schicksal bewahrt geblieben sind, welches uns beschieden war. Wir leben zwischen Trümmern und Ruinen. Keiner von uns, der den furchtbaren Leiden des Konzentrationslagers entgangen ist, steht heute da, ohne nicht einen seiner Teuren zu vermissen. Und nun bedroht uns eine neue Gefahr. Zwölf Jahre litten wir als Juden und heute leiden wir als Deutsche. Es gibt viele, die uns deutsche Juden, die in den jüdischen Gemeinden vereint sind und sich ein neues Leben wieder aufbauen wollen, als Menschen zweiter Klasse betrachten. Wir sind nicht neidisch, wir gönnen unseren Brüdern und Schwestern, die als Displaced Persons in den Lagern der Unrra einen besseren Lebensstandard haben, das was sie erhalten, aber wir stellen mit Betrübnis und Verbitterung fest, daß wir nicht unseren Leidensgenosen gleichgestellt sind, die gleich uns gelitten haben* sondern daß wir jetzt als Deutsche behandelt und lediglich die Schwerarbeiterzulage an Lebensmitteln erhalten. Die normale Tagesration eines Deutschen in der Nord-Rheinprovinz ist folgende: