Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 9 (6.8.1946)
- Date
- 1946-08-06
- Page
- Seite 53 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/9498581-9366319-9386140--064-9366075- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DIE NORD-RHEINPROVINZ UND WESTFALEN NUMMER 9 6. AUGUST 1946 1. JAHRGANG Zum 9. Aw. Wiederum jährt sich der Tag, da in allen jüdischen Gemeinden der Welt sich die Gläubigen sammeln zum trauernden Gedenken an die Zerstörung Jerusalems. Wir verbinden mit dieser nationalen Trauer das ehrende Gedenken an unsere 6 Millionen Tote der letzten 12 Jahre. Was uns bewegt, wenn wir den alten Zeremonien getreu die Trauergebete sprechen, kann nur der begreifen, der selbst so viel Leid miterlebte wie wir. Und es scheint, als ob wir den Kelch des Leidens noch nicht bis zur Neige geleert haben. Erschreckende Meldungen aus Polen 1 Jüdisches Blut fließt erneut! Und die Meldung aus dem Heiligen Lande, eines neuen Unruheherdes, lassen die schlimmsten Befürchtungen für die Zukunft offen. Wenn wir die Prophetenworte lesen, die uns stets ermahnen, in dem nationalen Unglück unsere eigenen Verfehlungen zu suchen und unsere eigene Schuld zu sehen, dann können wir leicht zu dem Gedanken kommen, daß wir doch in den letzten 12 Jahren reichlich das gebüßt haben, was uns als Buße auferlegt wurde. - Und wenn wir diesen nationalen Trauertag so begehen, daß wir uns in unseren Gemeinden zusammenschließen, noch fester denn je, im Gedenken an unsere Toten und im gemeinsamen Gelöbnis zum Wiederaufbau, so ist es auch notwendig, ein Bekenntnis abzutun zur Religiosität, zur inneren Einkehr, durch eine Rückkehr zur Religion die Voraussetzungen zu schaffen, die uns in die Lage versetzen, einer besseren Zukunft entgegenzugehen. Wir können heute nicht einer starren Orthodoxie das Wort reden, sondern das Streben von unseren Freunden, den inneren religiösen Halt und das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl. Wir haben alles Trennende aus der Welt zu schaffen und dafür zu sorgen, daß in den Ideen des Propheten Jeremias der neue Sinn eines nationalen und religiösen Lebens gefunden wird. Dr. Philipp Auerbach. Nicht durch Gewalt! Durch den Äther jagen sich die Meldungen: Schwere Unruhen in Palästina, Brücken gesprengt und heute eine Meldung, das Hauptquartier der Militär-Regierung in Jerusalem durch jüdische Terroristen in die Luft gesprengt, 100 Tote bereits identifiziert. Der Oberrabbiner von Palästina hat in bewegten Worten von Terrorakten weit Abstand genommen, und wir, die wir 12 Jahre lang unter Druck und Terror gelebt haben, wir können und dürfen nicht verstehen, daß verblendete Menschen von Fanatismus beseelt glauben, einer Sache zu dienen, wenn sie Gewaltakte ausüben. Nicht mit Gewalt und nicht mit; Kraft, sondern durch meinen Geist spricht der Herr, verkündet und das Prophetenwort. Wollen wir uns endlich daran gewöhnen, daß die Jahrtausende' alte Tradition unserer Heiligen Lehre, alles mit dem Geiste auszufechten und nicht mit Gewalttaten zu operieren, wieder seine Geltung bekommt. Wir sind betrübt, daß wieder jüdisches Blut geflosens ist. Wir sind betrübt, daß unschuldige Menschen Terrorakten zum Opfer fallen, wenn wir auch Verständnis haben für die Lage der Juden in Palästina, die ja in Ruhe und Frieden leben könnten, wenn sie sich nicht für die Juden in Europa aufopfern würden, damit sie eine Heim- und Ruhestätte finden. Wir deutschen Juden, die wir soviel erlebten, die wir am eigenen Leibe Terror und Gewalt gespürt haben, wir haben nur den einen Wunsch und die eine Hoffnung, daß es dem Überrest von Israel, die nach Palästina streben, vergönnt sein möge, auf legalem Wege mit den Waffen des Geistes kämpfend, in das Land ihrer Väter zu kommen. Wir können es nicht mitansehen durch neue Blutströme zu waten, um in ein Land zu kommen, in dem wiederum Terror herrscht. Die jüdischen Gemeinden in Deutschland, voll innerer Sympathie für den Jischuw in Palästina, lehnen jeden Gewaltakt ab und kämpfen nur unter dem Motto des Prophetenwortes: Nicht mit Gewalt und nicht mit Kraft, sondern durch meinen Geist spricht der Herr. Die Untat ohne Beispiel Millionen von Juden — vergast, erschossen, erschlagen, verbrannt. „Tausend Jahre werden nicht reichen, um diese Schuld von Deutschland wegzunehmen.“ Hans Frank, einstiger Generalgouverneur von Polen. Dr. Kaufmann, einer der Verteidiger von Nürnberg, zu Höß, dem Kommandanten von Auschwitz: 53