Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 8 (25.7.1946)
- Date
- 1946-07-25
- Page
- Seite 48 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mentioned entities
- Arthur Schnitzler 1× ep/1025577
- August Hanz 1× ep/1027123
- Else Lasker-Schüler 1× ep/1004350
- Franz Werfel 1× ep/1000003
- Fritz Kahn 1× ep/1009829
- Guido Adler 1× ep/1004707
- Hugo von Hofmannsthal 1× ep/1025150
- Kaunas 1× ep/1000678
- Lion Feuchtwanger 1× ep/1005753
- Ludwig Börne 1× ep/1005809
- Ludwig Fulda 1× ep/1026697
- Oranienburg 1× ep/1045371
- Rahel Varnhagen 1× ep/1025716
- Riga 1× ep/1000826
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— und wer hätte' nach dieser Behandlung sich nicht bereit erklärt — wurden nach einigen Wochen freigelassen. Jedoch nicht früher, bis die findigen Geschäftemacher, wie SS-Obersturmbannführer Piorkowski, noch ihre „Privatgeschäfte“ gemacht hatten. Eines Tages gab mir — der dies an Eides Statt erklärt und der damals in der Lagerschreibstube arbeitete — Piorkowski den Auftrag: „Stellen Sie fest, wer einen guten Privatwagen und die dazu nötigen Papiere hat!“ Auf meinen fragenden Blick antwortete er: „Die Wagen dürfen aber nicht zu teuer sein! Sie werden für das Reich benötigt. Haben sie verstanden?“ Dies ließ ich durch die Blockschreiber in den einzelnen Blocks ausrufen. Einigen meiner Freunde ließ ich diesen Befehl zukommen und gab ihnen entsprechende Verhaltungsmaßregeln. Dutzende und Aberdutzende meldeten sich. Wir müßten genaue Listen über Marke, Brennstoffverbrauch, Zustand, Anschaffungswert, gefahrene Kilometer und Verkaufspreis anlegen. Abends standen die Betreffenden vor der Lagerschreibstube. Piorkowski ließ sich jeden einzeln in die Lagerschreibstube hereinrufen. Dialog: Piorkowski: „Ihrer Entlassung steht nichts im Wege, wenn Sie bereit sind, auszuwandern!“ Häftling: „Jawohl, Herr Lagerkommandant!“ P.: „Sie wollen Ihren Personenwagen dem Reich zum Geschenk machen?“ Häftling: (Wenn es einer von der ängstlichen Sorte war): „Ja!“ (zu einem der Häftlingsschreiber gewandt) : „Geben SR die Schenkungsurkunde her!“ Lesend: „Herr NN. erklärt, daß er an Herrn Piorkowski (sein Rang und Titel waren weggelassen) einen Personenwagen Marke XYZ Nr. xx als Geschenk übergibt. Die Schenkungsurkunde wird beim Notar X kosten- und stempelfrei hinterlegt. Unterschrift.“ Häftling: (Wenn es ein weniger ängstlicher war): „Herr Kommandant mir wurde mitgeteilt, daß ich ihn zu einem Preise verkaufen soll, der unter dem Anschaffungswert liegt.“ P.: „Saujude! Mach schnell, wieviel?“ — (Wer mehr als RM 1000.— sagte, flog raus. Unter RM 1000.— wurde gehandelt. So wurden Wagen mit einem Anschaffungswert von RM 14000 bis 20000 um RM 500.—, 400.—, 300.— und sogar um RM 250.— „verkauft“). „Also 500 Mark.“ Häftling: „Ja, Herr Lagerkommandant.“ P.: „Unterschreiben Sie! Geben Sie Verkaufsbescheinigung her!“ (an den Lagerschreiber gewandt.) „Schreiben Sie die Quittung aus!“ Die Quittung wird unterschrieben und unterzeichnet. Verkauf für RM 500.—. Piorkowski legt RM 200.— auf den Tisch. (Der Verkäufer protestiert.) „Saujud, willst Du sagen, daß das keine RM 500.— sind!“ Lächelnd nimmt er den Schein, gibt dem Verkäufer einige Tritte in den Hintern und schreit: „Der Nächste!“ Soweit das Geschäft. Und wer hätte gewagt, zu protestieren! Ich kannte nur einen. Der sagte, indem er die RM 200.—, die Piorkowski ihm hingelegt hatte, auf den Tisch legte: „Herr Kommandant, ich werde Ihnen noch 200 Mark zahlen, daß ich Ihnen darf verkaufen meinen Wagen“, worauf er wegen Frechheit 50 Stockhiebe bekam. So kaufte der Lagerkommandant Piorkowski 35 Personenwagen, die lange Zeit im Fuchsbau eingestellt waren. Ein eigenes Häftlingskommando mußte sie warten. Und nachdem Herr Piorkowski wußte, was er sich und den anderen Bonzen schuldig war, ließ er andere höhere SS- Offiziere an den Geschäften mit nippen. So entging er 1939 und 1940 der „Liquidierung“ durch eine eingesetzte Kommission, da er einen Wagen der einzigen Frau, die SS- Blutordensträgerin war, Schwester P i a, einen dem SS- Obergruppenführer Pohl, einen dem damaligen Brigadeführer Glücks schenkte. Das ist Tatsache. Ob es die drei allein waren, weiß ich nicht. In dem seinerzeit durchgeführten Verfahren war die Rede von 11. Das war die Judenaktion 1938/39. Von 13000, die ins Lager kamen, starben über 700. Am 1. Mai 1939 waren nur noch 525 im Lager. Lauter Juden, die die hohen Geldsummen nicht aufgebracht hatten, um auszuwandern. Der Rest mußte Deutschland verlassen. Sie gingen ins Ausland, um die Wahrheit über den Nazismus zu verbreiten. Das war 1938. Einige Jahre später: Die Namen der Gaskammern von Auschwitz, Maidanek (Lublin), die Ghettos in Warschau, Riga, Kowno, Schaulen sind in aller Munde. Der Nazismus hat es zustandegebracht, 5 700 000 Juden umzubringen. Die obenerwähnten Tatsachen sind von mir persönlich mitangehört und angesehen worden: An Eidesstatt gezeichnet: Hanz Schwarz, geb. 27. 3. 04 zu Wien, Privatsekretär. Eine Million für die Hinterbliebenen der Waffen-SS. In unserem Gemeindeblatt Nr. 5 haben wir diese Ungeheuerlichkeit als Tatsache berichtet. Der Herr Generalreferent für Finanzwesen beim Oberpräsidium in Westfalen, der frühere demokratische preußische Finanzminister Herr Dr. Höpker-Aschoff, hat die Liebenswürdigkeit, uns mit seinem Schreiben vom 3. Juli 1946 wörtlich folgendes mitzuteilen: „Der Haushaltsvoranschlag 1946 sieht nur Renten für kriegsverletzte Angehörige der Waffen-SS bis zum Unterscharführer ausschließlich und an die Hinterbliebenen gefallener Angehöriger der Waffen-SS bis zum Unterscharführer ausschließlich vor. Die Renten sollen nur gezahlt werden, wenn die Angehörigen der Waffen-SS dieser nicht freiwillig beigetreten, sondern gezogen sind. Die Renten werden mit Genehmigung der Militär- Regierung gezahlt.“ Man höre und staune, die Hinterbliebenen der Waffen-SS werden in Westfalen gut versorgt. 1 Million steht Ihnen zur Verfügung. Herr Oberpräsident Amelunxen, Herr Finanzminister a. D. Dr. Höpker-Aschoff, was haben Sie in Ihrem Etat für die Hinterbliebenen der Gaskammern von Auschwitz, Bergen-Belsen, Buchenwald und Oranienburg eingesetzt? Wir sind erfreut .feststellen zu können, daß das Hauptquartier der Militär-Regierung in Bünde sich energisch mit diesem Skandal beschäftigt. Jüdische Künstler Fritz Kahn sagt in seinem Buch „Die Juden als Rasse und Kulturvolk“, welches 1921 im Weltverlag Berlin herausgekommen ist: „Kultur ist nicht durch Rasse zu erfassen. Man kann die einzelnen Nationen, auch wenn sie unbestreitbar rassenverwandt sind, als Kulturnationen nicht unter das Joch einer gemeinsamen Formel spannen. Kultur ist nicht Rassen-, sondern Nationalprodukt.“ Literatur: Das religiöse Schrifttum der Juden umfaßt einen Zeitraum von drei Jahrtausenden, und zwar die biblische Literatur von 1090 bis 100 vor Chr., die talmudischmidraschische bis zirka 800 n. Chr. und die rabbinische bis zirka 1800 n. Chr., also bis zum Beginn der Gleichberechtigung. — Der deutschen Poesie wurden Männer geschenkt wie Heine, den Bismarck „den stärksten Lyriker nach Goethe“ genannt hat. Weiterhin seien genannt Hugo von Hofmannsthal, Franz Werfel, Else Lasker-Schüler und seit dem Jahre 1800 etwa 600 namhafte, in der Weltöffentlichkeit' bekanntgewordene Dichter und Schriftsteller, die Berühmtheit erlangt haben durch ihre Briefe, Dramen, Gedichte, durch ihre Lyrik, Epik, Essays, Erzählungen, Novellen und Librettos. In chronologischer Reihenfolge seien nur einige wenige genannt, wie Rahel Varnhagen von Ense, Ludwig Börne, Bertold Auerbach, Ferdinand Lasalle, Arthur Schnitzler, Ludwig Fulda, Felix Hollaender, Lion Feuchtwanger, Alfred Neumann. Zu den bekannten Lustspieldichtern: Hugo Lubliner, Gustav Kadelburg, Oskar Blumenthal, Max Bernstein, Carl Rösler, Rudolf Lothar, Harry Kahn. Zu den Musikschriftstellern wäre Eduard Hanslick (1825 bis 1904) als bedeutender Ästhetiker und einflußreicher Kritiker und Hauptgegner Richard Wagners zu nennen. Max Friedländer (1852—1934) und Hugo Goldschmid (1859 bis 1820), deren beider grundlegende Arbeiten zur Geschichte der Vokalmusik, sowie Guido Adler, der Führer der „Wiener Schule“, besonders hervorzuheben sind. Musik: Nicht nur als produktive Musiker, sondern in fast höherem Maße noch sind die Juden seit einem Jahrhundert als ausübende Musiker in den Vordergrund des europäischen Musiklebens getreten. Als Pianisten, besonders 48