Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 8 (25.7.1946)
- Date
- 1946-07-25
- Page
- Seite 47 (sequence 3)
- Language
- German
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lange verschüttet, noch immer in unserem Volke schlummern. Diese Kräfte können noch einmal der Welt'und auch uns einen deutschen Geistesfrühling bringen. Wollen wir uns um diesen größten Sieg bringen? Wann unser Volk mit der übrigen Welt in ein neues Gespräch auf dem Boden der Gleichberechtigung kommen, wann es in den Kreis der Vereinten Nationen aufgenommen werden wird, wissen wir nicht. Aber gleichviel, ob wir einen Platz unter den Vereinten Nationen einnehmen oder nicht: Niemand kann uns hindern, durch unseren Sieg über uns selbst, durch unsere freiwillige Wiedergutmachung der Welt ein Beispiel zu geben und uns so ganz in den Dienst des Geistes zu stellen, der das neue Völkergebilde beseelen soll. Und niemand kann uns hindern, so alles zu tun, damit unser alter Ehrentitel noch einmal in der Welt aufleuchte: Germania docet. Halver/Westfalen. Dr. Peter Wilhelm Haurand. Die Vereinigung ehemaliger politischer Konzentrationäre und politisch Inhaftierter, Düsseldorf, überreichte anläßlich der Eröffnung ihres Erholungsheimes Wülfrath eine Gedenkschrift,. der wir mit Erlaubnis folgendes entnehmen: „Juden-Aktion" 1938 in Dachau Am 22. und 23. September 1938 sind die letzten 3800 Juden, die sich im Konzentrationslager Dachau befanden, nach Buchenwald transportiert worden. Es blieben zirka 7 oder 8, die im Revier lagen. Das Konzentrationslager Dachau war auf Befehl „judenrein“ gemacht worden. Dies entsprach einer Weisung des Generalinspekteurs für die deutschen Konzentrationslager, Gruppenführer Glücks. Am 25. Oktober 1938 erhielt der damalige SS-Oberscharführer Weber, der Leiter der Gefangenenkammer im Lager, den schriftlichen Auftrag, 5000 Drillichgarnituren — leichte Sommerbekleidung — mit Judensternen zu versehen. Dieser Auftrag wurde mir als Mitglied der Lagerschreibstube vom Verwaltungsführer des KL Dachau zwecks Übergabe an den Leiter der Gefangenenkammer ausgehändigt. Damals schien mir dieser Auftrag rätselhaft, hatten wir doch vor wenigen Wochen die letzten jüdischen Häftlinge nach Buchenwald geschickt. Nun erschoß Herschel Grynszpan in Paris den deutschen Botschafter Dr. R a,i h. Ein „spontaner Akt“ holte die Juden in ganz Deutschland in der Nacht des 9. November 1938 aus den Betten, folterte, quälte zehntausende von ihnen, trieb die Reichen zusammen, plünderte ihre Geschäfte, belästigte ihre Frauen, schändete ihre Synagogen. Jetzt ist dokumentarisch bekannt, daß dieser Befehl in den Gestapoleitstellen des ganzen Landes schon längere Zeit lag. Ein Stichwort löste diese „spontane Aktion“ aus. In der Nacht vom 11. auf den 12. November 1938 trafen die ersten Juden, wie sie auf der Straße angetroffen, wie sie aus den Betten geholt worden waren, im Lager Dachau ein. Seit dem 9. November 1938 war die ganze SS- Bewachungsmannschaft im, Lager kaserniert. Man sagte ihnen geheimnisvoll, es werde eine „wichtige Sache starten“. Die ersten 2000ikamen aus München und Bayern. Junge, alte Männer, ja Greise. Der Jüngste zählte 131/2 und der Älteste 86 Jahre. Interessant war, daß sich keine Arbeiter unter ihnen befanden, sondern meistens Keufleute und Männer mit bedeutendem Besitz. Und wie kamen diese Menschen ins Lager! Zerschunden, zerschlagen, mit Beulen und offenen Wunden, das Gesicht und die Hände verbrannt vom Feuer, in das man sie geworfen hatte, verschreckt und voll Sorgen um die Ihren. Weswegen? Waren sie Gegner? Hatten sie sich gegen den Nationalismus betätigt? Nein, nein und nochmals nein! Sie wurden zusammengefangen, einzig und allein weil — sie Juden waren. Vom Bahngeleise an wurden sie mit Gewehrkolben geschlagen, getreten, mit Bajonetten gestochen, beschimpft und von der SS gequält. Und 1938 waren noch die „alten Kämpfer“ bei der SS und besonders bei den Wachmannschaften der Konzentrationslager, denn das waren Freiwillige. Und da die Nazis konsequente Judengegner waren und die SS die „politischen Soldaten“ des Nazismus, die immer wieder riefen: „Wer vom Juden frißt, stirbt am Juden!“ und „Gemeinnutz geht vor Eigennutz!“, plünderten sie zuerst die Juden aus. Und zwar im, wahrsten Sinn des Wortes. Sie nahmen alles fort, was nur des Nehmens wert schien. Uhren, Ringe, Füllfederhalter, Zigarettenetuis, goldene Brillen usw., alles ging den Weg des SS-Mannes. Und da die SS-Leute „mildtätige Seelen“ waren, die Gefangenen „human“ behandelten, gaben sie dem Juden, der für ein Glas Wasser 50 und mehr Mark bezahlte, zu trinken. Nachher allerdings ließen sie ihn für die „Bestechung“ auspeitschen und nahmen ihm sein ganzes Geld ab. So geschehen durch Hauptsturm'führer Grünwald, dem damaligen Schutzhaftlagerführer, den Rapportführer R e m m e 1 e, SS-Hauptscharführer Schmidt, den berüchtigten SS-Banditen SS-Oberscharführer S e u s I und II, zwei Brüder, SS-Oberscharführer Senksis, SS-Oberscharführer Wagner und andere. Der Schutzhaftlagerführer Grünwald und sein Stellvertreter, SS-Untersturmführer Fritsch, ließen sofort zehn Juden herholen und sie vor den versammelten Juden über den Bock legen, wo ihnen offiziell „zehn“ und in Wirklichkeit zwanzig oder mehr Stockhiebe verabreicht wurden mit dem Bemerken, „damit sie wüßten, wo sie wären“ und „damit sie wüßten, daß sie sich in einem1 nationalsozialistischen Umschulungslager befänden“. Alte kränkliche Menschen wurden von zwei Blockführern unter der kalten Brause im Bad gehalten, bis sie ohnmächtig zusammensanken. In zahlreichen Fällen wurde ein starker Strahl kalten Wassers auf das betreffende Opfer oder direkt in den Mund desselben gerichtet, bis es zusammensank. Dann gings unter Schlägen, mangelhaft bekleidet, und zwar mit Hemd, Hose, Rock, Schuhen (im November 1938 mit Sommerkleidung), in den Block. Diesel, für 204 Häftlinge berechnet, faßte 1000 und noch mehr von ihnen. So kamen in den nächsten vierzehn Tagen mehr als 13 000 Juden ins Lager Dachau. Eine Episode sei noch erzählt; sie kann nachgeprüft werden: Unter den tausenden waren auch vier „jüdisch“ aussehende Mitglieder von Konsulaten und Gesandtschaften, denen die Haare geschoren wurden — wie jedem neu eingelieferten Häftling — und die nach wenigen Stunden durch die Intervention ihrer Länder wieder eingekleidet werden mußten. Sie wurden unter „Entschuldigungen“ vom Lagerkommandanten, SS-Obersturmbannführer Piorkowski, persönlich entlassen. Natürlich unter Rücklassung ihres Haares und Schmuckes. Denn bei einzelnen war letzterer nicht mehr aufzufinden. Nun begann das Massensterben. Jeder Blockführer — ein SS-Mann, der für einen Block verantwortlich war — konnte mit einem Juden tun, was ihm beliebte. Betrat er die Stube, mußte alles Stillstehen. Dies war allgemeines Lagergesetz. Bei den Juden hingegen war „Befehl“, daß sie sich hinlegen mußten. Nun war dies schon aus Platzmangel vollkommen unmöglich. Auf die Köpfe derjenigen, die aus diesem Grurlde den Befehl zum Hinlegen nicht nachkommen konnten, hagelten dann die wüsten Schläge der SS-Häscher. Es gab einen weiteren „Befehl“: Juden dürfen nicht ins Revier auf genommen werden! Wenn auch politische Gefangene manchen dieser schwer mißhandelten Juden doch ins Revier brachten, alle hinzubringen, war unmöglich. Ein weiterer Befehl lautete hingegen: „Jeder, der krank sei oder Wunden hätte, dürfe nicht auf dem Block bleiben, da er an seiner Gesundheit Sabotage treibe.“ Also war jeglicher Schikane Tür und Tor geöffnet. Während 1938 die Todeszahl täglich zirka 3 bis 5 betrug, erhöhte sich diese in den späteren Jahren auf 17, an manchen Tagen sogar bis zu 25. Morgens mußten alle Gefangenen um 4 Uhr 30 aufstehen, die Juden eine Stunde früher. Die Juden mußten wegen Platzmangel ihr Frühstück draußen einnehmen, sie mußten „Sport“ betreiben, damit sie „gesund“ blieben, sie wurden im1 Laufschritt herumgejagt und mußten singen — gewiß, dies mußten auch die anderen Häftlinge —; doch was mußten sie singen: Hetzlieder auf die Juden. Selbstmorde waren an der Tagesordnung. Bekamen die Juden von der Kammer nur Hemd, Drilljacke, Drillhose und Schuhe geliefert, so besorgte ihnen die Kantitne — Unternehmer war die SS-Kantinengemeinschaft Dachau — freundlichst im Winter 1938 Socken zu RM 6.—, Pullover im Werte von RM 4.50 für RM 24.—, Hemden für RM 12.— (Anschaffungspreis RM 4.50) usw. Also, die SS machte mit ihnen Geschäfte. Täglich wurden in der Kantine mehr als RM 85 000.— umgesetzt. Durfte jeder Gefangene wöchentlich nur RM 15.— verbrauchen — wehe, wenn er einen Pfennig mehr in der Tasche hatte und erwischt wurde, denn dann bekam er 25 Stockschläge und das Geld wurde beschlagnahmt — so konnten di 3 jüdischen Häftlinge das ganze Geld verwenden. Aber, wenn er mehr als RM 15.— in der Tasche hatte, dann erging es ihm ebenso wie seinem „arischen“ Kameraden. Er bekam seine Tracht Stockhiebe — meistens noch mehr, da er ja in der SS-Terminologie „Judenschwein“ war — und war sein Geld los. Jedoch ist nicht sicher, ob in jedem Falle das Geld bei der Lagerführung abgeliefert wurde. Die meisten dieser jüdischen Häftlinge, wenn sie sich zur Auswanderung bereit erklärten 47