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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-07-25 · 8 (25.7.1946) · p. Seite 46

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
8 (25.7.1946)
Date
1946-07-25
Page
Seite 46 (sequence 2)
Language
German
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Die sechs Millionen ermordeter Juden können nicht mehr ins Leben zurückgerufen werden, und es gibt auch sehr viel anderes noch, das nicht mehr gut gemacht werden kann. Aber es ka!nn sogleich und jeden Tag von neuem getan werden. Wir können unsere Gesamthaltung gegenüber diesem Volke, die trotz mancher Ausnahmen, noch immer eine unfreundliche ist, von Grund auf ändern und in eine herzliche, freundschaftliche, um wandeln. Wir können jede Form des Antisemitismus als ein Überbleibsel mittelalterlicher Barbarei, das jeden Menschen degradiert, ächten. Wir können und müssen, dem edlen Beispiel Niemöllers folgend, in jedem Juden unseren Bruder sehen, ihm die brüderliche Hand reichen. Und diejenigen unter uns, die sich Christen nicht nur nennen, die Christen sein wollen, sollten den ersten Johannesbrief 2, 10—11 und 3, 15 beherzigen. „Jeder, der seinen Bruder haßt, ist ein Mörder.“ Wenn wir schon in jedem Menschen unseren Bruder zu sehen haben, um wieviel mehr müssen wir im jüdischen Volke unser Brudervolk sehen. Haben wir vergessen, was wir dem jüdischen Volke verdanken? Dieses Volk ist seit vier Jahrtausenden der Träger des Glaubens an den einen, wahren Gott, unseren Gott. Es hat diesen Glauben gegen eine Welt von Götzen rein bewahrt und uns überliefert. Können wir ermessen, was das bedeutet? Haben wir uns darüber1 je Rechenschaft gegeben, jemals überhaupt Gedanken darüber gemacht? Dieses Volk schenkte uns im Buche der Bücher die erhabenste Weisheit aller Zeiten. Gegenüber diesem Buche verblaßt die ganze übrige Weltliteratur. Der Reichtum dieses Buches ist nie zu ergründen. Unser Goethe bekennt, daß er jeden Tag gerade ans diesem Buche seine Gedanken schöpfte. Die ganze christliche Liturgie ist nur eine Auslese aus diesem Buche, und die christliche Predigt nichts anderes als seine Auslegung. Aus diesem Volke gingen die großen Propheten, gingen Christus, seine Mutter, seine Apostel, hervor. Die Religion dieses Volkes wurde das tiefe und breite Fundament, der Felsboden des Christentums; ohne dieses Fundament würde der gewaltige, geistige Dom des Christentums, der sich über einem Drittel der Menschheit wölbt, Zusammenstürzen. Unsere deutsche Sprache vermag kaum einen Satz zu bilden, dessen Wurzel nicht aus dem Geistesgute der Bibel, dem Geistesgute des jüdischen Volkes stammen. Lassen wir diese erschütternden Wahrheiten auf uns wirken, so müssen uns zum mindesten zwei Dinge völlig klar werden: Erstens, daß die unermeßliche Dankesschuld, die die ganze Menschheit, vor allem aber die Christen, dem jüdischen Volke abzutragen haben, niemals abzutragen auch nur begonnen worden ist; zweitens, daß jede1 Form des Antisemitismus unchristlich, unmenschlich, widernatürlich bezeichnet werden muß. Und wie haben wir dem jüdischen Volke das vergolten, was wir ihm verdanken? . . . Durch nichts wurde schon vor 1939 das Weltgewissen gegen uns so aufgebracht,, wie durch die Behandlung, die das kleine; wehrlose Volk der Juden durch uns erfuhr. Wie oft mußte ich in England die beschämende Frage hören: Wie würde man heute Christus in Deutschland behandeln? Eine andere Form vernichtender Kritik war: Wer in Deutschland ein Tier quält, wird nach dem Gesetze bestraft; wer aber in Deutschland einen Juden zu Tode quält, wird ausgezeichnet. Ich erinnere mich des flammenden Protestes, den Kardinal Hinsley von Westminster im Jahre 1938 aussprach, eines Protestes, den die ganze Welt sich zu eigen machte, den die Deutschen im Auslande mit tiefer Beschämung anhören mußten, der aber in Deutschland nicht veröffentlicht wurde. Seit länger als einem Jahr wartet die Welt auf greifbare Beweise für die Umkehr unseres Volkes von einer Gesinnung,, die ihm die Welt entfremdete und zurück zu der Gesinnung, die ihm einmal einen Ehrenplatz unter den Nationen gab. Sie wartet bis heute vergebens; aber sie würde aufhorchen, wenn1 sie erführe, daß wir den ersten Schritt zu dieser Umkehr tun; und keiner würde dazu geeigneter sein, als die Umwandlung unserer Gesamthaltung zum jüdischen Volke zu einer freundschaftlichen und brüderlichen. Dieser Schritt muß in erster Linie von der deutschen Pädagogik in allen ihren Bereichen, von den Volksschulen bis zu den Universitäten getan werden. Auch das christlich© Lehramt findet da für eine freiwillige Wiedergutmachung breitesten Raum. Die christliche Pädagogik wird zum Beispiel aufhören, dem jüdischen Volke auch heute noch eine Kollektivschuld für das aufzubürden, was fanatische, jüdische Theologen vor 1900 Jahren an1 Christus verübt haben. Hat Christus nicht selbst in seiner Todesstunde gesagt: Vater, verzeih ihnen, denp. sie wissen nicht, was sie tun.? Und wäre es nicht an der Zeit, daß die Kirche aus ihrem Gebete für die Juden die Defamierung fortließe? Noch immer betet sie: pro perfidis Judaieis. Diese wenigen Hinweise lassen sich durch viele andere vermehren; sie mögen genügen, um den Berufenen den Weg zu zeigen. Zur freiwilligen Wiedergutmachung am Judenvolke gehört aber nicht nur die Ausrottung des Antisemitismus. Wir finden noch weitere Möglichkeiten, sofern uns der gute Wille beseelt. Ein Beispiel: Weder Juden noch feindliche Bomben haben die jüdischen Gotteshäuser zerstört und die jüdischen Friedhöfe geschändet. An diesem Verbrechen beteiligten sich leider auch viele Christen unseres Volkes. Müßten nicht schon aus diesem Grunde die Christen in Deutschland beginnen, aus eigenem Antriebe die Gotteshäuser ihrer jüdischen Brüder in freiwilliger Arbeit wieder aufzubauen und die jüdischen Friedhöfe wiederherzustellen? Die dazu notwendige Gesamtleistung ist zudem eine solch relativ geringe, daß der Wiederaufbau der christlichen Gotteshäuser und der menschlichen Wohnungen nicht darunter zu leiden brauchte. Ich wundere mich, daß die christlichen Kirchen nicht längst zu gerade dieser Wiedergutmachungsarbeit aufgefordert haben. Die christliche Hierarchie ist immer hellhörig für Gotteslästerungen in ihrem Bereiche gewesen. An der ungeheuerlichen Gotteslästerung, die sich vor ihren Augen in der Zerstörung der jüdischen Gotteshäuser manifestierte, ist die deutsche, christliche Hierarchie stillschweigend vorübergegangen. Wenn sie damals nicht den Mut fand, für die Ehre des einen Gottes, auch ihres Gottes einzutreten, weshalb hüllt sie sich auch heute noch in eisiges Schweigen, anstatt daß sie von den Kanzeln zur freiwilligen Wiederherstellung der Synagogen und zur Ächtung jeder Art von Antisemitismus auf ruft? Würde die Hierarchie auch geschwiegen haben, wenn Juden christliche Gotteshäuser, Häuser desselben Gottes böswillig zerstört hätten? Darf sie selbst Gott gegenüber mit verschiedenen Maßen messen? Ich habe nur einige der Möglichkeiten zur freiwilligen Wiedergutmachung an dem kleinen, wehrlosen Volke, dem wir unendlich viel verdanken, und dem wir so schlecht vergolten haben, gezeigt. Es gibt solcher noch viele. Wir brauchen nur alles, was 'auf dem Grunde eines christlichen Gewissens liegt, laut sprechen zu lassen, und wir werden dann täglich hören, wieviele Wege dem guten, auf bauenden Willen1 noch offen geblieben sind. Wir selbst bedürfen der Wiedergutmachung am jüdischen Volke mehr, als dieses Volk ihrer bedarf. Auch das sollten wir bedenken. Dieses kleine, über die ganze Erde zerstreute Volk erfüllt seit vier Jahrtausenden seine providentielle Mission: Unerschütterter Felsboden des Monotheismus, Urträger der Zehn Gebote, des erhabensten Sittengesetzes und der beiden höchsten Liebesgebote zu sein. „Du sollst, den Herrn, Deinen Gott, über alles lieben und Deinen Nächsten wie dich selbst.“ Welches andere Volk auf Erden kann sich rühmen, seit vier Jahrtausenden nach diesen Geboten zu leben? Dieses kleine Volk hat viele Weltreiche überdauert; es wird noch viele1 andere überdauern und seine Mission bis ans Ende der Zeiten erfüllen, ungeachtet aller Verspottung, Verachtung, aller Verfolgungen und ungeachtet seiner eigenen Verirrungen. Wir sollten uns diese Tatsachen vor Augen halten. Wir können sie uns nicht tief genug einprägen. Unsere freiwillige Wiedergutmachung, ich wiederhole es, muß allen ohne Ausnahme zuteil werden, die Unrecht durch uns zu erdulden hatten. Sie wird ein Prüfstein für unsere Umkehr sein, wenn sie bei dem Volke beginnt, das ganz wehrlos war und am längsten und härtesten zu leiden hatte. Alles, was wir an dem jüdischen Volke wiedergutmachen, kommt auch zum Teil den Völkern zugute, bei denen dieses über alle Nationen zerstreute Volk Bürgerrecht hat. Ich sagte: Von den drei Lasten, die auf uns ruhen, ist die moralische die schwerste, die wir zu tragen, und die ihr entsprechende Aufgabe ist die größte, die wir zu erfüllen haben. Fordert diese Aufgabe von uns heroische Leistungen, so bietet sie uns dafür auch den höchsten Lohn; die Rehabilitierung vor uns selbst. Denn die Erfüllung dieser Aufgabe, das heißt die freiwillige Wiedergutmachung allen Unrechtes aus eigenem Antrieb, aus heißem Wollen, so weit unsere Kräfte reichen, verheißt uns den größten Sieg, den wir jemals erringen können, den Sieg über uns selbst. Kein Sieg unserer langen Geschichte wird für die Welt und für uns so segenschwere Folgen haben, wie dieser. Er gibt uns unsere Freiheit wieder; eine größere als wir sie je kannten. Er schenkt uns die Gemeinschaft, die auf dem Boden einer neuen, sozialen Ordnung, einer neuen, sozialen Gerechtigkeit steht. Er entfaltet die edelsten Kräfte, die 46

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