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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-07-25 · 8 (25.7.1946) · p. Seite 45

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
8 (25.7.1946)
Date
1946-07-25
Page
Seite 45 (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DIE NORD-RHEINPROVINZ UND WESTFALEN NUMMER 8 25. JULI 1946 1. JAHRGANG Ein Baustein für das neue Deutschland Obwohl wir erst einen Teil des Erbes erkennen, das wir antreten mußten, und uns nicht einmal das Chaos, das uns umgibt, in seiner ganzen Größe bekannt ist, sind wir uns bewußt, daß unsere Lage durch eine dreifache Last, die wir zu tragen haben, gekennzeichnet ist: Eine wirtschaftliche, eine geistige, eine moralische, und daß dieser dreifachen Last die Aufgaben, die wir zu lösen haben, entsprechen. Schwer tragen wir an der wirtschaftlichen Not ohnegleichen, die auf lange Zeiten hinaus drohend an unserer Seite bleiben wird, ehe es uns gelingt, aus eigener Kraft wenigstens unser Existenzminimum zu erarbeiten und zu sichern. Schwerer ist der geistige Albdruck, der auf uns lastet, unsere Einsichten verdunkelt, unsere Willenskräfte lähmt. Die geistige Nachts in der wir leben so lange gezwungen wurden, will von unserem Volke nicht weichen. Qualvoll suchen wir den befreienden Weg aus dem Labyrinth der uns immer wieder betörenden, alten Irrtümer, den Weg heraus aus einer mit vielen bunten, selbst vielen christlichen Schleiern verhüllten Götzenwelt, den Weg zum gesunden Menschenverstand. Wann werden wir diesen Weg finden und dann erkennen, was unserem Volke zum Heile dient? Am schwersten aber tragen wir an der unsagbaren, tragischen Schuld, die ohne Rücksicht auf den Anteil des einzelnen an ihr, über unser Volk gekommen ist. Sie ist unsere schwerste1 Last, die Last, gegenüber der wir verstummen. Sie ruht auf unserem Volke, das einmal der Träger des Heiligen Römischen Reiches war, dem Volke, das der Menschheit einen unvergänglichen Reichtum an Kulturgütern schenkte; dem Volke, dessen Ehrenplatz unter den Nationen mit dem Titel geschmückt war: Germania docet. Nichts kann diese schwerste unserer Lasten deutlicher machen als der Vergleich zwischen jenem erhebenden Einst und dem uns erdrückenden Heute. Hinzu tritt das Bewußtsein, daß es über unsere Kräfte geht, jemals das ganz zu tilgen, was andere Völker durch uns erdulden mußten, daß die Unumkehrbarkeit der Zeit auch unsere Tragödie beherrscht. Hier hilft kein Rechten und Deuteln. Gewiß, kein Volk dieser Erde ist frei von Schuld geblieben. Über der Geschichte eines jeden Volkes liegen manche dunkle Schatten. Jedes Volk hatte und hat für seine Schuld einzustehen; jedes steht unter dem Gesetze der Wiedergutmachung seiner Schuld und hat es zu erfüllen, unfreiwillig oder freiwillig. Es gibt Völker, für die die Schuld, die sie auf sich luden, eine felix culpa geworden ist, je nach der Lehre, die sie aus ihr zogen und je nach dem Grade des guten Willens, mit dem sie sie freiwillig, aus eigenem Antriebe, tilgten. Wollen wir, um ein sprechendes Beispiel zu nehmen, den Sinn der britischen Geschichte und die geheimnisvolle, völkerverbindende und völkerbildende Kraft dieses Volkes erkennen, so prüfen wir nur, wie es seine Lehren aus seinen Fehler zog, wie es gerade seine Fehler zu seinen Lehrmeistern machte und wie es seine Fehler tilgte. Sollte nicht auch unsere Schuld, dadurch, daß wir sie erkennen und freiwillig wieder gutmachen, für uns zu einer felix culpa, zu einer befreienden, erlösenden, uns wieder erhebenden werden können? Der dreifachen Last entsprechen die drei Aufgaben, die wir zu erfüllen haben. Die schwerste von ihnen ist auch die wichtigste Alle drei Aufgaben sind miteinander verflochten: keine läßt sich aus ihrer Verflechtung herauslösen. Sie werden entweder gemeinsam oder gar nicht erfüllt. Sie ergänzen sich wechselseitig, eine fördert die andere. Jeder Versuch, nur eine dieser Aufgaben, zum Beispiel die vielen scheinbar wichtigste, die wirtschaftliche, allein zu lösen und die anderen zu vernachlässigen, würde uns keine Befreiung bringen. Wir können nicht vom Brote allein leben. Das gilt für uns heute1 mehr denn je. Während wir uns eine neue materielle Welt zu erbauen und darüber einen neuen Geisteshimmel zu spannen haben, müssen wir den Völkern, die für uns litten, die Genugtuung leisten, die unserer Schuld entspricht. Es gibt eine unfreiwillige und eine freiwillige Wiedergutmachung; jene wird uns auferlegt: sie entspricht dem Gesetz; sie rehabilitiert vor dem Gesetz. Sie wird selten ganz ohne Ressentiment geleistet. Diese wird dagegen aus eigenem Antrieb geleistet, aus brennender Scham, aus echtem Pflichtbewußtsein, aus heißem Wollen; sie macht uns innerlich frei. Sie rehabilitiert uns vor dem Gebot der Liebe. Auf diese freiwillige Wiedergutmachung kommt es an. Erst in ihr, in dem sie begleitenden Läuterungsprozesse, gewinnen wir immer mehr die innere Freiheit, die das Lebenselement unseres neuen Vaterlandes sein wird; erst durch sie erringen wir diejenige Gemeinschaft, die unser Volk endlich zu einem unteilbaren Ganzen macht. Durch solche, freiwillige Wiedergutmachung kann auf das dunkelste Kapitel unserer Geschichte ein neues, hoffnungfrohes folgen, das uns den Weg in eine neue, schönere Zukunft weist. Die Frage: Was könnten wir trotz allen guten Willens für andere tun, wo wir mit leeren Händen dastehen, ist beantwortet durch die alte Erfahrung, daß auch größte Armut den guten Willen niemals hindern konnte, nicht nur einen, sondern viele Wege zu seinen Zielen zu finden. Einen dieser Wege werden die folgenden Zeilen zeigen. Die freiwillige Wiedergutmachung muß allen zuteil werden, die durch uns gelitten haben und niemand darf davon ausgenommen bleiben. Es müßte endlich, auch unsertwegen, ein Anfang dazu gemacht werden. Zu machen wäre er bei denjenigen, die am längsten und härtesten seit 1933* gelitten haben. Alle Welt weiß, und wir wissen es am besten, daß dies die Juden waren. Das jüdische Volk darf mit Recht vor allen anderen sagen: Wer an uns vorübergeht, der prüfe, ob es ein Leid gibt, das mit dem unsrigen zu vergleichen wäre; unser Leid ist groß wie das Meer. Start zur ersten Ferienreise! 20 jüdische Kinder aus der Nord-Rheinprovinz verließen in Begleitung der Wohlfahrtsdezernentin der jüdischen Gemeinde, Frau Meta Dreifuß, Düsseldorf, um einige Wochen im Kindererholungsheim Ochtmissen bei Lüneburg ihre Ferien zu verbringen. 45

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