Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 7 (10.7.1946)
- Date
- 1946-07-10
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Deutschland ohne Juden ist undenkbar. Wir müssen Müden in Deutschland haben. Juden haben dasselbe Recht;wie ich, hier in Frieden zu leben. Ich hatte die Hoffnung, deutsche Juden nach Deutschland zurückkehren zu sehen. Ich hatte gehofft, ich würde unsere großen jüdischen Ärzte an unsere Krankenhäuser zurückkehren sehen. Ich bin erstaunt, zu erfahren, daß nur ein einziger zurückgekommen ist.“ Die beiden Komiteemitglieder legten Kardinal Faulhaber dar, daß sie in ihren Verhören der verschleppten Juden in der amerikanischen Besatzungszone festgestellt hatten, daß praktisch 99 Prozent der Befragten nach Palästina zu gehen wünschten. Die D.P.s, sagten die Kommissionsmitglieder, seien zu der Einsicht gekommen, daß es für sie keine Zukunft in Deutschland gäbe und daß sie beim Abzug der amerikanischen Truppen aus Deutschland neue Judenmassakers fürchteten. Der Zonenausschuß Der Zonenausschuß der jüdischen Gemeinden der britischen Zone ist nunmehr Tatsache geworden. Am Dienstag, dem 25. 6. 1946 fand in Bergen-Belsen die Tagung der jüdischen Gemeinden der britischen Zone statt. Als Zonenvertreter im Wohlfahrtsausschuß des Hauptquartiers übernahm Herr Dr. Auerbach den Vorsitz und berichtete über die Arbeit im Zonenausschuß, skizzierte die Notwendigkeit der engen Zusammenarbeit der jüdischen Gemeinden und ganz besonders betonte er, daß die Zusammenarbeit der jüdischen Gemeinden der britischen Zone mit dem Central Jewish Committee und ebenfalls mit dem Präsidenten dieses Committees, Herrn Rosensaft, die denkbar beste ist. Es müssen klare einheitliche Richtlinien getroffen werden für die Arbeit der jüdischen Gemeinden. Die Mißstände, die noch auf dem Gebiete der Verwaltung in den verschiedenen Provinzen vorherrschen, müssen beseitigt werden durch eine zonenmäßig gelenkte Zusammenarbeit aller Gemeinden. Es sind einheitliche Betreuungsvorschriften herausgegeben worden im Einvernehmen mit dem American Joint Distrib Committee und mit dem Interzonenrat (Interessenvertretung der jüdischen Gemeinden und Kultusvereinigungen in Stuttgart), die besagen, daß betreut werden: 1. die Mitglieder der jüdischen Gemeinden, 2. die Sternträger, die keiner anderen Konfession angehören, 3. die Witwen und Waisen der im KZ. ums Leben gekommenen jüdischen Mitbürger. Mit diesen Richtlinien wird klar und deutlich das ausgedrückt, was so lange gesucht wurde, die Einheitlichkeit in der Betreuung. Im Einvernehmen mit dem Central Jewish Committee und dem American Joint Distrib Committee wird auch eine einheitliche Betreuung aller jüdischen Gemeinden der britischen Zone stattfinden. Es wurde auch übereinstimmend beschlossen, daß ein Mitglied der jüdischen Gemeinde kein schriftliches Leumundszeugnis für ehemalige Nationalsozialisten ausfertigen darf und daß Zuwiderhandlungen mit dem Auschluß aus der Gemeinde bestraft werden. Falls Gründe der menschlichen Dankbarkeit einen unserer Glaubensgenossen veranlassen sollten, für einen früheren Nationalsozialisten eintreten zu müssen, dann möge er den Mut haben, unter Darlegung seiner Gründe dieses dem zuständigen Entnazifizierungsausschuß mündlich vorzutragen, aber wir sind nicht dafür da, daß mit den Schreiben unserer Glaubensgenossen hausieren gegangen wird und daß derartige Leumundsschreiben als „Persilscheine“ auf dem Schwarzen Markt gehandelt werden. Unsere Stellung zu den getauften Glaubensgenossen ist klar. Wer durch den Gang der Ereignisse nach 1933 getauft war und glaubte seine Familie oder sich retten zu können durch die Flucht in eine andere Religionsgemeinschaft, und wenn er heute wieder in unsere Gemeinschaft zurückfinden will, werden wir ihn nicht verstoßen. Die jüdische Religion hat es stets abgelehnt, Proselyten zu machen, aber nach dem letzten Wort unserer Heiligen Schrift hat jeder Gelegenheit bis zu seinem Todestage, den Weg zu Gott zurückzufinden. Aber die wieder aufzunehmen, die schon Jahrzehnte aus der Gemeinschaft ausgeschieden sind und materieller Vorteile willen heute zurückfinden wollen, lehnen wir ab. Es wurde übereinstimmend beschlossen, die Instandsetzung der Friedhöfe, die besonders in Hannover noch sehr im argen liegen, in die Wege zu leiten. Hier muß eingegriffen werden. Wir sind es uns selbst, unseren Toten und unseren Brüdern im Ausland schuldig, daß die jüdischen Friedhöfe in ehrwürdigen Zustand gesetzt werden. Das größte Problem, das uns bewegt, ist die Frage der Wiedergutmachung. Hier führte der Vorsitzende aus, welche Vorarbeit bereits geleistet wurde und dankte dem Legal Adviser der Jewish Relief Unit für seine unermüdliche Tätigkeit auf diesem Gebiet und dankte dem anwesenden Direktor Wodlinger vom American Joint Distrib Committee für seine tatkräftige Unterstützung der jüdischen Gemeinden. Die Frage der Wiedergutmachung ist die Tagesfrage der jüdischen Gemeinden. Die jüdischen Gemeinden werden die Träger dieser Massenaktion sein und auf sie blickt die ganze jüdische Welt, nicht nur Europas, sondern auch Amerikas und überall dort, wo deutsche Juden als Emigranten ihr Dasein fristen. Wir sind uns dieser Verantwortung bewußt, und wir haben gelobt, auf diesem blutgetränkten Boden Deutschlands auszuharren und zu kämpfen, damit uns das Recht wird, was uns genommen wurde. Die Worte des Vorsitzenden: „Ein Volk, das Unrecht duldet und geschehenes Unrecht nicht wieder gut macht, hat das Recht verwirkt,, für sich Recht zu fordern,“ machten einen tiefhaltigen Eindruck auf die Versammelten und in treffenden Worten zeichnete der Vorsitzende die Stellung der deutschen Länderregierungen, als beklagte Richter in eigener Sache, also ohne den Kläger zu hören. Die Klagenden sind wir, die jüdischen Gemeinden Deutschlands. Wir klagen an im Namen sechs Millionen ermordeter Juden, die nicht nur vergast, gefoltert, gemartert und gemordet wurden, sondern deren Familien an den Bettelstab gebracht wurden, die völlig verarmt in der Welt verstreut sind, ihr dürftiges Leben fristen und hieraus entwickelt sich die energische Forderung nach Wiedergutmachung, nach einer Wiedergutmachung, die das wieder gut machen soll, was an materiellen Gütern den unglücklichsten Menschen aller Nationen geraubt wurde und wenn die deutschen Länderregierungen als Rechtsnachfolger des verruchten Hitler- Systems nur zögernd und schwerfällig an diese Fragen herangehen wollen, dann können wir es verstehen, denn die Erbschaft, die sie antreten mußten, ist die furchtbarste, die je einer Regierung überlassen wurde. Aber sie sind damit selbst in die Rollen der Beklagten getreten und wir können es nicht verantworten, den Beklagten als Richter in eigener Sache anzuerkennen und gar ohne uns als Kläger zu hören. Der neugegründete Zonenausschuß der jüdischen Gemeinden, der auf das engste schon durch die Personalunion seines Vorsitzenden mit der Interessenvertretung der jüdischen Gemeinden und Kultusvereinigungen der drei Westzonen in Stuttgart verbunden ist, wird hier nicht ruhen und nicht rasten, bis dem Recht zum Siege verholfen wird. Unseren Gemeindemitgliedern rufen wir zu, haltet Disziplin, wahrt die Würde unserer Gemeinschaft und setzt eure persönlichen Belange zurück hinter die Belange der jüdischen Allgemeinheit. Wir erstreben das Recht eines jeden einzelnen, aber wir können nicht heute schon uns für die individuellen Fälle einsetzen, bevor die großen Fragen der Gesetzgebung geregelt sind. Trotzdem werden die einzelnen Gemeinden die Ansprüche ihrer Mitglieder und der im Ausland lebenden Emigranten heute schon registrieren und die Organisation für die Wiedergutmachung, die in allerkürzester Zeit bei allen Landesverbänden gegründet wird, werden als allein autorisierte Stelle innerhalb der drei Westzonen die Belange der Zurückkehrenden und der nicht mehr Lebenden wahrnehmen. Diese Fragen, die einer eingehenden Bearbeitung bedürfen, werden von der Zonenvertretung mit allergrößter Sorgfalt bearbeitet, und wiederholt betonte der Vorsitzende nicht nur die Bereitschaft, sondern auch den festen Willen zur Lösung der allgemeinen jüdischen Fragen im Rahmen des Zentralkommittees. Auf Antrag des Herrn Dreifuss von der jüdischen Gemeinde Düsseldorf wurde beschlossen, die Frage der Wohnüngsbeschaffung, Möbelzuweisung und Beschlagnahmen, Materialversorgung für Bauten, insbesondere Krankenhäuser und Synagogen, sowie einheitliche bevorzugte Behandlung jüdischer Geschäftsleute durch den Zonenausschuß in die Wege zu leiten. Nach eingehender Debatte aller Probleme wurde zur Wahl der Mitglieder des Zonenausschusses geschritten. Es wurden gewählt: Zum Präsidenten: Herr Dr. Philipp Auerbach, 1. Vorsitzender des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden der Nord-Rheinprovinz. Ferner setzt sich der Ausschuß aus folgenden Herren zusammen: 40