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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-07-10 · 7 (10.7.1946) · p. Seite 39

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
7 (10.7.1946)
Date
1946-07-10
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
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hauses zur Verfügung. Im Alter von 86 Jahren ist er gemeinsam mit seiner Frau ausgewandert, starb aber kurze Zeit nach der Auswanderung. Von seinen beiden Töchtern ist die eine als Ärztin in New-York tätig, während die andere, die als Malerin in Paris wirkte, ins KZ. gebracht und dort umgekommen ist. Geheimiat Auerbach ist nicht nur den Kölner Ärzten, sondern auch sonst der Ärztewelt und besonders der der Internisten, ein Begriff. Er war ein hervorragender Lehrer und hat sich eine große Anzahl guter Schüler herangezogen. Über seine ärztliche Tätigkeit vergaß er ganz das hohe Alter, in dem er sich bereits befand und konnte es daher manchmal nicht recht begreifen, daß Männer, die erheblich jünger waren als er, doch schon reif genug waren, um eine Chefarztposition einnehmen zu können. So hat er dem Verfasser dieser Zeilen, bei seiner Berufung zum Chefarzt der Gynäkologischen Abteilung, als Einziges seine Jugend vorgehalten und es gelang dem Verfasser nur durch folgende Antwort, den alten Geheimrat zu überzeugen: „Herr Geheimrat, ich verspreche Ihnen, in Bezug auf den Fehler, den Sie mir soeben vorgehalten haben, mich von Tag zu Tag zu bessern.“ Der Verfasser dieser Zeilen hat leider sein Versprechen einhalten müssen. Geheimrat Auerbach war ein Pazifist von ganzem Herzen, er war Sozialist und sehr religiös eingestellt. Sein Pazifismus zeigte sich aber auch rein äußerlich. Als man ihm im ersten Weltkrieg einen hohen Rang als Sanitätsoffizier gab und ihn in die Uniform steckte, gelang es seinen Assistenten nur mit Mühe, ihn davon zu überzeugen, daß der Soldat, und besonders der Offizier, seinen Gruß durch Anlegen der rechten Hand an die Mütze auszuführen pflegt und daß es nicht üblich ist, die Mütze abzunehmen. Ferner war es bekannt, daß Geheimrat Auerbach seinen Offiziersdegen des öfteren in der Wohnung eines Patienten stehen ließ. Was ihm aber als das Allerschlimmste erschien, war, Honorar von seinen Patienten zu verlangen. Diejenigen seiner Patienten, die ihn drängten, eine Liquidation zu schicken, konnten ihn in höchste Wut bringen. Er selbst schickte nur dann Liquidationen, wenn er wirklich kein Geld mehr zum Leben hatte. Das etwa ist in kurzen Zügen das Bild des Geheimrat Auerbach, eines jüdischen Arztes. Wir danken der Stadtverwaltung Köln dafür, daß sie mit der Umbennung des Blankenheimer Platzes in Auerbachplatz den jüdischen Ärzten, die bei der Bevölkerung in hohem Ansehen standen, ein Denkmal gesetzt hat. , Dr. Lewin. Wiedergutmachung für Nazi-Opfer Juden erhalten neun Zehntel Wie heute bekannt gemacht wurde, sollen jüdische Opfer des Nazismus neun Zehntel von 25 000 000 Dollar erhalten, die von den Vereinten Nationen zu Zwecken der Wiedergutmachung und der Wiederansiedlung von Opfern des Nazismus, welche nicht nach Hause zurückkehren können, zur Verfügung gestellt wurden. Dieser Betrag wurde vorweg von dem deutschen Vermögen entnommen, das sich in neutralen Ländern befindet. Das andere Zehntel wird für die Wiedergutmachung der Schäden Verwendung finden, welche die verhältnismäßig kleine Zahl der Nicht-Juden infolge der Nazi-Aktionen erlitten hat. Außerdem wird das ehemals sich in deutschem Besitz befindliche Gold, das nicht für Geldzwecke verwendet wurde,, in demselben Verhältnis verteilt werden, während von den Beträgen, auf die Erbschaftsansprüche nicht gestellt werden, 95% an die Juden und 5°/o an die Nicht- Juden zur Verteilung gelangen. Dieser Plan, der von den Regierungen der Vereinigten Staaten, Frankreichs, Groß-Britanniens, der Tschechoslowakei und Jugoslawiens ausgearbeitet wurde, ist letzten Freitag in Paris unterzeichnet worden. Die Verteilung erfolgt durch das betreffende Flüchtlingskomitee, als einer interstaatlichen Organisation. Die fünf Mächte sind darin übereingekommen, daß die erwähnten Vermögenswerte nicht als Entschädigung für einzelne Opfer, sondern als Mittel zur Wiedergutmachung und Wiederansiedlung der in Betracht kommenden Kreise verwendet werden sollen. Kinder werden hierbei bevorzugt berücksichtigt. Nur in Ausnahmefällen dürfen die Kosten für die Wiederansiedlung 1000,— Dollar für Erwachsene und 2500,— Dollar für Kinder unter zwölf Jahren überschreiten, die zu treffenden Vorkehrungen sind sobald wie möglich durchzuführen. Die französische Regierung fordert die neutralen Länder im Namen der fünf Mächte auf, alle Vermögenswerte der Opfer des Nazismus, die ohne Erben starben, verfügbar zu machen. Den Juden werden hiervon 95% zugeteilt, da angenommen wird, daß diese Werte in überwiegendem Umfange jüdischen Ursprungs waren. Wiedergutmachung!?! Wir entnehmen dem Manchester Guardian die nachstehenden sehr interessanten Ausführungen, die wir unseren Lesern in Deutschland in Übersetzungsform zur Kenntnis bringen. Erster Silberstreifen am Horizont. 25 Millionen Dollar sind, wenn man es anhört, ein gewaltiger Betrag, aber wenn sie aufgeteilt werden zwischen den vielen Tausenden und Abertausenden sehr wenig. Aber trotzdem danken wir den Alliierten für die erste noble Geste, die uns gegenüber gemacht wird. Wir sehen im Osten den Silberstreifen und im Süden den stark verdunkelten Himmel. Nicht nur, daß wir auch heute noch darum kämpfen und streiten, daß wir die primitivsten Rechte der Wiedergutmachung erhalten, daß die Vermögen der jüdischen Gemeinden freigegeben werden, daß den zurückgekehrten Juden ihr Hab und Gut wieder gegeben wird und sie nicht mehr mit dem defamierenden Orium des Artikel 52, der für Nazivermögen gedacht war, belastet sind. Es ist nicht kurios, wenn uns ein Fall vorgetragen wird, daß jüdische Mitbürger, die unter den schlimmsten Entbehrungen in dem berüchtigten Theresienstädter Lager sich kärgliche Beträge in Tschechenkronen als Entgelt ihrer Arbeit verdienten, jedoch gezwungen waren, diese Beträge als Devisen abzuliefern. Wenn sie es nur als Devisen abliefern müßten, würde ja keiner etwas sagen, aber daß sie es ohne jegliches Entgelt abliefern müßten, ist eine Härte, die bei uns nicht verstanden wird. Warum hat die hohe Militärregierung es abgelehnt, daß diese Ärmsten der Armen, die mit Schweiß und Blut diese lächerlichen Lohnbeträge verdienten, diese nicht einmal in Mark abgerechnet bekommen. Die Not und das Elend unserer alten Glaubensgenossen ist so groß und so bitter, daß es nicht zuviel verlangt wäre, ihnen diese kleinen Notgroschen zu lassen. Der Landesverband der jüdischen Gemeinden der Nord-Rheinprovinz sieht es als seine vornehmste Pflicht an, allen denen, die um das letzte Entgelt ihrer Arbeit in Theresienstadt gebracht sind und die ausweislich ihrer Quittungen die Devisenbeträge abgeliefert haben, einen entsprechenden Hilfsbetrag zur Verfügung zu stellen. Das ist ein Akt der Selbsthilfe und leider keine — Wiedergutmachung —! Ein Hirtenbrief gegen den Judenhaß von Kardinal Faulhaber angestrebt. Kardinal Faulhaber, Erzbischof von München, erklärte Mitgliedern der Anglo-Amerikanischen Untersuchungskommission für Palästina, er habe die Absicht, Papst Pius zu bitten,, er möge einen Hirtenbrief an alle Katholiken in Europa erlassen, in dem sie zum Kampf gegen den Antisemitismus aufgefordert werden. Der Kardinal, der am Sonntag von München nach Rom zur Teilnahme am Konklave abgereist ist, führte weiter aus, er werde dem Papst eine Denkschrift überreichen, mit der Forderung, alle erdenklichen Schritte zu unternehmen, um den Antisemitismus nicht nur in Deutschland auszumerzen, sondern auch in der ganzen übrigen Welt, namentlich in Europa. Kardinal Faulhaber machte diese Mitteilung in einer zweistündigen Audienz, die er Bartley Crum, amerikanisches Mitglied der Kommission, und Sir Frederic Leggett, britisches Mitglied eines Untersuchungsausschusses der Kommission, gewährte. In der Unterhaltung äußerte der Kirchenfürst ferner sehr bemerkenswerte Ansichten: „Der Antisemitismus ist ein Fluch für die Menschheit,“ sagte Faulhaber nach einem Bericht der JTA. „Die ganze christliche Religion gründet sich auf das Alte Testament, ein Erzeugnis des jüdischen Geistes, und deshalb ist Antisemitismus ganz und gar eine Handlung des Antichrist. Ich als Kardinal will alles in meiner Macht Stehende tun, um die Katholiken Bayerns zu überzeugen, daß sie alle Überreste des Antisemitismus aus ihren Herzen reißen müssen. 39

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