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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-06-25 · 6 (25.6.1946) · p. Seite 33

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
6 (25.6.1946)
Date
1946-06-25
Page
Seite 33 (sequence 5)
Language
German
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Wie steht es heute? Hätte sich irgend etwas grundlegend in Deutschland geändert, so wäre nicht die ganze Atmosphäre von einem Mißtrauen vergiftet, welches die Genesung des kranken Europas so schwer macht. Die Demokratie" in Deutschland scheint eine Schwergeburt zu werden, bei der bis heute noch kein erfolgreicher Geburtshelfer eingegriffen hat. Immer wieder werden die Maßnahmen des neuen Staatswesens durchkreuzt und sabotiert, immer guckt irgendwo der Pferdefuß des angeblich überwundenen Nazismus heraus. In der Ernährungswirtschaft steht die Ostzone besser da, als das übrige Reichsgebiet, was man darauf zurückführt, daß es sich um ein Überschußgebiet handelt. Unwiderlegt aber ist die Tatsache, daß das Junkertum mit der Zertrümmerung des Großgrundbesitzes beseitigt wurde, wogegen hier im Westen die alten Kräfte am Werke sind und als unentbehrliche Fachleute regieren. Ganz abgesehen von den nazistischen Umtrieben, die man entlarvte, droht aber noch eine viel größere Gefahr, die hier aufgezeigt werden soll. Unvergessen ist die gräßlichste Tat, die jemals die Welt erschütterte: Das Judenpogrom des Dritten Reichs, das sechs Milionen Menschen das Leben kostete. Niemand will sich heute zu diesem Verbrechen bekennen und jeder behauptet von sich: Nach dieser Untat wird kein anständiger Mensch mehr „in Antisemitismus machen“. Sehen wir zu, ob dies stimmt. Aber nicht den offenen Antisemitismus müßt ihr suchen, denn dieselbe Gefahr kommt niemals im gleichen Gewände wieder. Ihr müßt eifrig suchen und dann werdet ihr finden, daß bei einer ganz> unverfänglichen Sache irgendwo — der Pferdefuß des Antisemitismus, die Hauptwaffe der Faschisten, herausschaut. Eine ganze Reihe von Tageszeitungen und Zeitschriften bringt eine Flut von Leitartikeln und Abhandlungen über Konstantin Frantz, den man unter anderem den größten deutschen Sozialisten nennt. Wenn ihn nichts anderes verdächtig machte, dann allein schon die Tatsache, daß im Dritten Reich die Schule der Freiheit in Nr. 26, II. Jahrgang, Lauf bei Nürnberg, 13. Januar 1935, also mitten im Dritten Reich, eine Abhandlung über diesen „Großen“ bringt. Dei Verfasser des Aufsatzes, Otto Laufenbach, dankt darin dem Wilhelm-Gottlieb-Korn-Verlag, Breslau, und Eugen Stamm dafür, daß „gerade in unseren Tagen eine behutsam und sorgfältig zusammengestellte Auswahl aus den Schriften Constantin Frantz herausgebracht“ wurde. Titel: Constantin Frantz, das größere Deutschland. Aus der Gliederung fällt die Überschrift auf: Die Juden. Auszugsweise läßt Laufenbach die Katze aus dem Sack: Offensichtliche Judenhetze übelster Art. Ich bringe wörtliche Zitate: „ . . . Sondern dies Genie betätigt sich darin, daß es von alledem, was durch die geistige und materielle Arbeit der ganzen zivilisierten Welt erzeugt wird, gewisse Prozentchen an sich zu bringen weiß und es schon dahin gebracht hat, daß halb Europa ihm steuren muß. Heißt ein Geschäft!“ Unter der Überschrift: „Der Staat in Händen der goldenen Internationale“. „Herr Bamberger erklärt: Reichsanleihen und damit eine gemeinsame Schuldenlast seien das beste Mittel, um die deutsche Nationaleinheit zu befestigen. Richtiger gesagt: um das Netz zu vervollständigen, womit die ganze Judenschaft ohnehin schon die ganze deutsche Nation umsponnen hat. Denn hier geht es im ganzen und großen wie im einzelnen und kleinen. Hat der Geldjude dem Bauer, dem Handwerker und wohl auch dem kleinen Beamten, noch viel mehr den jungen Kavalier erst einmal seine scheinbar hilfreiche Hand geboten, so hat er ihn am Bande. Auf das erste Darlehen folgt das zweite usw., jedes neue unter immer drückenderen Bedingungen, bis der arme Tropf zuletzt unrettbar verloren ist. Auch Staatsgewalten kann ähnliches begegnen!“ Ein weiteres Zitat: „ . . . Statt dessen haben sie sich selbst diese Schmarotzer erst großgezogen, denn ohne das widersinnige Anleihewesen gäbe es wohl heute keine Rothschilds . . . “ Man sieht also, nach dem Ende des Dritten Reichs feiert die Pogromhetze fröhliche Urständ. Es leben ja noch einige Juden in Europa, also frisch auf zum fröhlichen Jagen! Da wird einfach der Ausbeuter mit jüdischem Jargon bekrittelt, und obwohl man nichts gesagt hat, worauf man sich später berufen kann (siehe Nürnberg!), ist alles an Gift gesät, was schon irgendwie aufgehen wird. Man spielt mit dem Feuer und wundert sich nachher, wenn es brennt. Die üblen Ausbeuter, die raffgierigen Kapitalisten, die unbarmherzigen Profitier, prangert sie an, wenn ihr und wo ihr es wollt, aber identifiziert sie nicht mit dem Judentum, denn die verbrecherischen Kapitalisten, die im Dritten Reich ganz Europa aussaugten, waren keine Juden und die Geldgeber des Nazismus wollten nur ihren Profit sichern' und die jüdische Konkurrenz ausschalten. Durch die Beseitigung des Juden aus dem Wirtschaftsleben des Dritten Reichs ist die Ausbeutung nicht etwa verschwunden, sondern im Gegenteil, ins riesenhafte gewachsen. Der Arbeiter war niemals so rechtlos, als in der Zeit, da keine Juden mehr etwas in Deutschland zu bestimmen hatten und der meistgehaßte Jude Karl Marx hieß. Eine ganze Reihe gemordeter Juden aber hatten schon vor dem Dritten Reich gegen die Ausbeuter gekämpft und diesen Kampf mit ihrem Leben bezahlt! Wozu also die bewußte Irreführung der Öffentlichkeit jetzt, nachdem das Dritte Reich starb? Schlagt sie rechtzeitig auf ihre Finger, die wieder die Saat des Unheils zu säen versuchen, die wieder Gründe suchen für den nächsten Massenmord. Achtet auf den Pferdefuß des Antisemitismus, wo er herausschaut, wühlt der Nazi. Die Tageszeitungen aber sollten sich die Artikel und ihre Urheber etwas genauer ansehen, wenn sie sich nicht zu den Tendenzen bekennen wollen, die sie vertreten. Heft 8/9 der Gegenwart, 24. April 46, schreibt man unter dem Titel: „Wann es anfing“ . . . eine Reihe verstorbener und noch lebender Schriftsteller auseinander,' die vor und nach 1870 Deutschland zu ganz anderen Zielen hinlenken wollten. Der notabelste darunter ist, wie sich versteht, Konstantin Frantz, nach Professor Thieme, über dessen Urteil hier nicht in eine Diskussion eingetreten werden soll, wohl der größte politische Denker, den die Deutschen seit Leibniz hervorgebracht haben.“ Rheinischer Merkur, Nr. 18, 1. Jahrgang, 14. Mai 46, unter dem Titel „Die Zukunft Deutschlands“ von F. A. Kramer: „Die deutsche Jugend sollte aber jetzt zur Kenntnis nehmen, daß sie in Constantin Frantz auf einen Soziologen und Staatslehrer ersten Ranges zurückgreifen kann . . .“ Mögen diese Beispiele genügen, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit daraufhinzulenken, mehr auf den Pferdefuß zu achten, so lange es noch Zeit ist. Denn das sollte die Vergangenheit mindestens alle gelehrt haben: Eine Rechtsform läßt sich nicht auf einem Unrecht aufbauen! Erich Sternfeld Theodor Herzl geht ins Kloster In einem der Kultur- und Erziehungs-Abt. des Jüdischen Weltkongresses zugegangenen Bericht von Amsel Reiß über die jüdischen Kinderheime in Belgien wird aus der Stadt Namure ein ungewöhnlicher Fall erwähnt. In einem Kloster in Namure hatte Pater Andre etwa 40 jüdische Kinder untergebracht und sie dort strikt im jüdischen, ja zionistischen Sinne erzogen. Eine blau-weiße Flagge wehte über dem Hause, in dem die Kinder wohnten, und die Wohn- und Klassenräume waren mit Bildnissen von Herzl, Weitzmann und anderen zionistischen Führern geschmückt. Jetzt ist dieses jüdische Kinderheim sogar unter Überwachung eines jüdischen Militär-Geistlichen gestellt worden, der zweimal in der Woche den Kindern Unterricht in jüdischer Religion und Geschichte erteilt. Dieses vorbildliche Verhalten belgischer Katholiken kann nicht genug gerühmt werden. Juristen Jewish Committee for Relief Abroad bittet alle unsere Gemeinden angeschlossenen Rechtsanwälte, Richter und Verwaltungsbeamte um baldige Aufgabe ihrer genauen Adressen und insbesondere ihrer Spezialgebiete. Um eine möglichst rasche Abwickelung gewährleisten zu können, bitten wir alle diesbezüglichen Zuschriften zu richten an Hans Frey, Düsseldorf, Brunnenstraße 55. Gräberpatenschaften Infolge der während der Naziregierung ausgewanderten und in den KZ.-Lägern umgekommenen Mitglieder der Gemeinde sind viele Gräber verwaist und bedürfen der Pflege. Wir bitten diejenigen Gemeinde-Mitglieder, die die Patenschaft über verwaiste Gräber übernehmen wollen, sich auf dem Gemeindebüro Düsseldorf, Königsallee 27/11 zu melden.

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