Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 6 (25.6.1946)
- Date
- 1946-06-25
- Page
- Seite 32 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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schuldige erklärt, damit die Völker nur ja nicht auf den Gedanken kommen sollten, dem international versippten Kapitalismus die Schuld aufzuladen. Zugleich wurden in raffinierter Ausnutzung der nun einmal im Volke vorhandenen antikapitalistischen Gefühle diese in Antisemitismus umgemünzt. Das verbrecherische Spiel ist den Nationalsozialisten geglückt. Sie haben den „Sozialismus der dummen Kerls“, wie Engelbert Pernerstorffer im österreichischen Parlament lange vor dem ersten Weltkrieg den Antisemitismus nannte, für sich mobilisiert. Die grausamste Judenverfolgung aller Zeiten begann, ein ewiger Schandfleck für die deutsche Geschichte. Die Sozialdemokratie sieht die jüdische Frage in ihrer ganzen Tragik als ein historisches, politisches, wirtschaftliches und soziales Problem. Historisch und politisch, weil das Judentum seit der Zerstörung Jerusalems in alle Welt zerstreut, heute wieder nach Palästina als in seine natürliche Heimstätte zurück will, sich aber radikal veränderten Verhältnissen gegenüber sieht. Die Araber betrachten bekanntlich Palästina als ihr Land. Wirtschaftlich blieb den Juden Jahrhunderte lang nichts anderes übrig, als in den Handel und in das Geldgeschäft zu gehen. Der aufkommende Kapitalismus mit seinem Bank- und Börsenwesen bot ihnen nun viele Möglichkeiten der Betätigung und damit auch die Anwendung kapitalistischer Bereicherungsmethoden. Sozial und rechtlich gesehen blieben aber die Juden trotz aller teilweisen äußeren Errungenschaften im Grunde genommen doch die Parias der Gesellschaft, in diesem Sinne den Proletariern gleich. Die Demokratie erkämpfte zunächst die staatsbürgerliche Gleichberechtigung, auch für die Juden. Man hat nun den Juden den Vorwurf gemacht, daß sie sich zu stark neben den Handels- und Bankberufen für die intellektuellen Berufe interessiert hätten. Dadurch wären sie dem Handwerk und dem Bauernstand ferngeblieben und so der Eindruck entstanden, daß sie nicht zu den „schaffenden“ Menschen zählten. In der Tat waren Juden im Handwerk und in der Arbeiterschaft, auch im Bauerntum, kaum vertreten. Die Neigung, die junge jüdische Generation in großer Zahl akademischen Berufen zuzuführen, ist von einsichtigen Juden selbst mehr als einmal als psychologisch falsch im Hinblick auf die antisemitischen Strömungen speziell in Deutschland bezeichnet worden. Der intellektuelle Jude war im Durchschnitt gesehen ein höchst beweglicher Typ. Jahrhunderte lang angezüchtete soziale Eigenschaften, nicht rassenmäßige Besonderheiten, machten ihn klug und wendig und besonders geschickt, sich den jeweiligen Verhältnissen anzupassen. So eroberte sich der intellektuelle Jude recht oft hohe Stellungen und wurde zum Gegenstand sozialen Neides, der damit zum bewegenden antisemitischen Faktor wurde. Das Erkennen der sozialen Momente war es auch, daß die Sozialdemokratie im Judenproblem weniger ein rassisches, volkliches oder religiöses, sondern mehr ein soziales Problem gesehen hat und noch sieht. Die Sozialdemokratie bekämpft, wenn erforderlich, den christlichen Kapitalisten genau so wie den jüdischen, mohammedanischen oder freigeistigen. Sie wertet den Kapitalisten als Typ eines bestimmten wirtschaftlichen Systems, dessen Exponenten nach den einem solchen System innewohnenden Gesetzen handeln müssen, gleichgültig wie sie charakterlich oder rassenmäßig geartet sind. Die Personen innerhalb dieses Systems werden erst dann bekämpft, wenn ihre menschliche Haltung sich mit den kapitalistischen Interessen identifiziert; denn dem Kapitalismus als System gilt grundsätzlich der Kampf. Als soziales Problem hängt die Judenfrage darum eng zusammen mit der Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise und ihre Ersetzung durch eine sozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftsorganisation. Vom Standpunkte der Humanität aus gesehen, gibt es für die Sozialdemokratie überhaupt keine Judenfrage. Die Juden sind eben gleichberechtigte Bürger unseres Landes, Menschen wie jede anderen und als solche wert, der Menschenrechte teilhaftig zu werden. Als Opfer der Hitler-Diktatur werden die Juden mit den anderen Opfern dieser furchtbaren Zeit für ein gütiges Menschentum kämpfen, dem Lessing in seinem „Nathan“ ein so herrliches Denkmal gesetzt hat. Chefredakteur Alfred Dobbert, Düsseldorf. Deutsche ohne Antisemitismus Nur ein Narr kann bestreiten, daß die Welle des Antisemitismus das ganze deutsche Volk erfaßt hatte. Nur einige wenige blieben von der Hitlerpropaganda unberührt. Alle anderen vom Volke der Dichter und Denker glaubten, schon aus Profitgründen, allzugerne der Parole: „Die Juden sind unser Unglück“. Die einzige Gruppe von Deutschen, die gegen tliese demagogische Agitation gefeit blieben, waren die Marxisten. Wie in allen Todeslägern des- Nazismus, so gab es auch in Buchenwald eine antifaschistische Abwehrorganisation, die alle Nationen und Rassen umfaßte. Die Häftlinge, die über'dieses Problem nicht schon vorher nachgedacht hatten, empfingen dort einen tiefgehenden Anschauungsunterricht. Sie konnten feststellen, daß alle die Juden, denen das Geld nicht ein und alles bedeutet, ebenso tapfer im Kampf sich bewährten wie sie selbst. Und daß die jüdischen Kapitalisten ebensowenig widerstandsfähig und widerstandswillig waren wie die französischen, polnischen oder deutschen Millionäre. In welch herrlicher Kameradschaft und Tapferkeit haben unsere jüdischen Genossen den Todeszug von Auschwitz nach Buchenwald überstanden! Nie werde ich die Hingabe vergessen, die meine jüdischen Freunde Felix aus Prag, Tücher aus Lodz oder Scheinbrunn aus Wien allen ihren Kameraden widmeten, die ihrer Beihilfe bedurften. Wahrlich, zwischen ihnen allen und uns war für kein anderes Gefühl Platz, als das gegenseitiger Achtung und Freundschaft. Nicht nur in Deutschland stellen wir wieder ein Anwachsen antisemitischer Haltung fest. Wir Antifaschisten, entschiedene Gegner des Antisemitismus und jeder Rassenüberheblichkeit, können nichts anderes wünschen, als daß unsere jüdischen Mitbürger nie wieder den Fehler begehen, die reaktionären Kräfte im Kampf gegen den Fortschritt und die Demokratie mit Stimmzetteln und Geldmitteln zu unterstützen. Wir dürfen nie vergessen, wie sehr die reichen Juden, damals für Hindenburg eintretend, an den Gräbern von Auschwitz und Maidanek mitgewirkt haben. Wir nichtjüdischen Antifaschisten richten an alle jüdischen Opfer des Faschismus den Appell, uns im Kampfe gegen die zu unterstützen, die eine Wiederherstellung der vergangenen Situation wünschen, mögen sie das Hakenkreuz getragen haben oder nicht. In der kommenden Demokratie, die meine Freunde und ich erkämpfen wollen, wird der Antisemit ein verachtetes Ünikum sein. Dr. Louis N. Gymnich 2. Stellvertreter des Oberbürgermeisters der Stadt Köln Sprecher der Stadtverordnetenfraktion der KPD. Die CDU. Über die Stellungnahme der Christlich-Demokratischen Union zu unseren Mitbürgern jüdischen Glaubens kann es keinen Zweifel geben. Mit den Grundsätzen eines wahrhaften Christentums sind antisemitische Regungen und Auffassungen in keinem Falle zu vereinbaren. Es gehört daher zu den politischen Pflichten aller Mitglieder der Christlich- Demokratischen Union, die furchtbaren Verbrechen, die während der Nazizeit an in- und ausländischen Juden verübt worden sind, nicht zu vergessen. Dieser Schmach, die uns damit als Deutschen zugefügt worden ist, müssen wir daher stets eingedenk bleiben, wenn es jetzt darum geht, unsere Jugend im Geiste der demokratischen Freiheit und christlichen Toleranz zu erziehen. Ich darf daran erinnern, daß bei der Gründung der Christlich-Demokratischen Union in Berlin seinerzeit programmatisch folgende Erklärung abgegeben wurde, deren Gültigkeit selbstverständlich unverändert fortbesteht. „Wir Antifaschisten wollen unseren jüdischen Mitbürgern sagen, daß wir unsere Tore weit aufmachen für sie und daß wir hoffen, sie werden die jahrtausende alte Weisheit ihres Volkes mit in den Dienst des Wiederaufbaues eines besseren Deutschlands stellen.“ Ernst Lemmer, Berlin. Der Pferdefuß Alle waren dagegen, gegen das Dritte Reich nämlich, und alle waren dafür, für die Juden nämlich! Aber heute macht man allen den Vorwurf, daß sie ihre Gegnerschaft meisterlich zu verbergen wußten. Niemand hat sich rechtzeitig dagegen gewandt, als es noch Zeit war, dem Übel zu steuern, alle beriefen sich darauf, daß sie „es nicht gewußt hätten“. Demgegenüber aber wird immer wieder betont, daß genügend Anzeichen darauf hinwiesen, wohinaus der Weg ging.