Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 6 (25.6.1946)
- Date
- 1946-06-25
- Page
- Seite 31 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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herrscht. Es ist klar verstanden worden, daß der Joint die berechtigten Wünsche der jüdischen Gemeinden erfüllen wird und in der gleichen vorbildlichen Weise wie in der englischen und französischen Zone auch für die amerikanische Zone sorgen wird. Steuerstundung Zwecks Regelung von Steuerfragen, wobei wir uns vorläufig mit einer Steuerstundung begnügen müssen, bitten wir diejenigen Gemeindemitglieder, die bereits in den Arbeitsprozeß bzw. in die Wirtschaft sich einreihen konnten, uns gegebenenfalls Steuerbescheide zwecks Stundung von Einkommen- bzw. Lohnsteuer einzusenden, damit wir die notwendigen Schritte veranlassen können. Ferner bitten wir um Einsendung derjenigen Bescheide, für die bereits ein Gesuch um Stundung oder Nachlaß abgelehnt wurde. Synagogen-Gemeinde Düsseldorf. Abschrift. Der Oberfinanzpräsident Düsseldorf S 1230 A Düsseldorf Finanzämter des Bezirks Betr. Stundungsanträge von politisch, rassisch und religiös Verfolgten. Den Finanzämtern gehen zur Zeit Anträge auf Stundung oder Erlaß von Steuern von Personen zu, die in der Vergangenheit aus politisch, rassisch oder religiösen Gründen verfolgt worden sind. Ergibt die Prüfung der Angaben, daß diese richtig sind und daß weiter die sofortige Zahlung der Steuern für die Antragstellerin eine Gefährdung oder wesentliche Erschwerung ihrer Existenz bedeutet, so bitte ich in solchen Fällen eine Stundung der Steuern auf bestimmte Zeit auszusprechen. Ein Erlaß kommt außer in den allgemeinen Fällen des § 131 Reichsabgabenordnung nicht in Frage. Der Steuerpflichtige kann nachträglich in die Lage versetzt sein,, aus vorhandenen Mitteln die Steuer zu zahlen. Im Auftrag: gez. Dr. Fuhrmann. Für die Richtigkeit der Abschrift: (Stempel) gez. Sauer, Angestellte. Chanans Abschiedsbotschaft Am Dienstag nach Pfingsten erreichte uns die erschütternde Nachricht, daß unser Freund Chanan jäh aus dem Leben gerissen wurde. Kurz vor seinem Tode übersandte er mir eine Abschiedsbotschaft für unsere Leser, da er in wenigen Tagen nach E r e z zu seiner Frau und seinen beiden Kindern zurückzukehren beabsichtigte. Ich bringe heute diesen Artikel, wobei ich mich eines jeden Kommentars enthalte, bis die Ursache seines plötzlichen Hinscheidens geklärt ist. Wer Chanan kannte, weiß, was unsere Glaubensgenossen, insbesondere das Kultur- Dezernat, an ihm verloren haben. Eine Würdigung seiner Person, und seines unermüdlichen Strebens, unsere Glaubensgenossen zu einer einheitlichen jüdischen Front zusammenzubringen, werden wir in der nächsten Nummer bringen. Chanans Abschiedsbotschaft. Während eines knappen halben Jahres, in dem es mir vergönnt war, mit den übriggebliebenen Juden in Deutschland zusammenzuleben, hatte ich mehr als einmal Gelegenheit, die Not unserer Brüder und Schwestern aus der Nähe kennenzulernen. Ein halbes Jahr weilte ich unter Ihnen und versuchte, Ihnen die Probleme unseres Landes nahezubringen. Für die materielle Not gab es andere, die tatkräftig halfen, — mir lag die Aufgabe ob, die seelische Not unserer Glaubensgenossen zu lindern. Ich wollte Ihnen Erez-Israel so erklären, wie ich es während der zehn Jahre, da ich im Lande lebe, erfahren habe. Ich wollte Sie teilhaben lassen an dem Glück, das mir das Land unserer Väter, — und das das Land unserer Kinder werden soll, — gegeben hat. Ob mir das gelang? Auf diese und noch auf andere Fragen wollte ich in einem gesonderten Artikel in diesem Blatte Stellung nehmen. Da wollte ich die Erziehungsprobleme des Zionismus kurz umreißen, und eine Bilanz unserer gemeinsamen Arbeit ziehen. An dieser Stelle will ich nur eine kurze Abschieds- Botschaft an unsere Brüder und Schwestern richten: Möge es Ihnen allen vergönnt sein, unser Land kennenzulernen, es liebzugewinnen und dortselbst einer glücklicheren Zukunft entgegenzugehen. Mögen Ihre Kinder dort so glücklich, frei und zufrieden leben, wie alle unsere Kinder im Lande, — und besonders meine beiden Söhne, — zu denen ich nunmehr zurückkehren wollte. Ich wollte ins Land zurückkehren, bestärkt in dem unerschütterlichen Glauben an unser Volk, von dem ich einen Teil hier kennenlernen durfte. Nicht nur in der Nord- Rheinprovinz und in Westfalen kam ich mit den befreiten Juden zusammen, es gab auch noch andere Gemeinschaften geretteter Juden, die ich kennenzulernen Gelegenheit hatte. Ich denke da besonders an diejenigen, die in Bergen- Belsen leben. Mehr als einmal konnte ich mich davon überzeugen, daß in dem Willen, unser Land aufzubauen, die Galut zu verlassen, alle diese geplagten und verfolgten Mitglieder unseres Volkes, geeint hinter der zionistischen Idee stehen. So lernte ich einen Teil der Judenheit unserer Gegenwart kennen: Einig in der Forderung nach der Verwirklichung des Zionismus, gerüstet, diese Forderung stets durch tatkräftiges Handeln zu unterstreichen. Und nicht zuletzt: stark und unerschütterlich in dem Lebenswillen, der ein besseres Morgen verlangt, auch wenn das Heute für unser Volk noch schwarz und düster ist. Chasak we Emaz! Le hitraot b’ Erez — Israel ha Chofschit! Düsseldorf, im Juni 1946. Chanan Die Parteien und wir SPD.,X CDU., KPD. und Zentrum sind von uns gebeten worden, die Stellung ihrer Partei unseren Glaubensgenossen gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Als erste haben heute die SPD. KPD. und die CDU. das Wort. Herren Chefredakteur Dobbert und Dr. Gymnich sowie dem Parteivorsitzenden Ernst Lemmer danken wir auch an dieser Stelle dafür, daß sie trotz starker Inanspruchnahme uns sofort den erbetenen Beitrag zur Verfügung stellten. Sozialdemokratie und Judentum. Gewisse kleinbürgerliche Kreise pflegten schon vor Jahrzehnten über die Sozialdemokratie zu sagen, sie habe zwar erstrebenswerte Ziele, aber — sie sei judenfreundlich und man könne sich daher nicht zu ihr bekennen. Solche Äußerungen zeigten zunächst einmal eine antisemitische Grundhaltung, die in Deutschland seit Jahrhunderten wurzelt, zum andern aber auch, daß die Sozialdemokratie solchen rückständigen Meinungen zum Trotz sich für eine verfolgte und vielfach roh unterdrückte Rasse einsetzte. So haben früher schon viele Juden instinktiv gefühlt, daß eine Partei, die für die Freiheit und Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, kämpft, sich ebenso der Interessen der rassisch Unterdrückten wie der von wirtschaftlicher oder politischer Unterdrückung betroffenen Menschen annehmen muß, eben um ihrer humanitären Zielsetzung willen. Die Juden waren immer ein beliebtes Ablenkungsmittel für herrschende Schichten und ihre Sünden dem Volke gegenüber. Um die Erregung von sich abzuleiten, wurden die Juden für Dinge verantwortlich gemacht, die in Wirklichkeit in den Mißständen der jeweiligen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung begründet lagen. Die Juden wurden als Wucherer, Geldwechsler oder als „raffende“ Kapitalisten hingestellt. Daß aber im Mittelalter den Juden die handwerklichen oder bäuerlichen Arbeiten verboten waren, ist die Ursache dafür gewesen, daß die Juden sich im Geldwesen und im Handel betätigen mußten. So haben sich die Fürsten mancher jüdischen Finanzgenies bedient. In Krisenzeiten erhob der Antisemitismus stets sein Haupt, weil der Masse des Volkes die tieferen Gründe der wirtschaftlichen Noterscheinungen unbekannt blieben. So wurde denn auch in der Weltkrise vor 1933 von den Nationalsozialisten der „internationale Jude“ als der Allein-