Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 6 (25.6.1946)
- Date
- 1946-06-25
- Page
- Seite 30 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Es ist charakteristisch, daß die gerechten Fremden den Frommen aus dem Volke Israel gleichgestellt sind. Man denkt da an ein Wort des Talmuds, wo es heißt, daß ein gerechter Heide dem Hohenpriester gleich zu achten ist. Wir sehen da ganz besonders deutlich, daß das Judentum die Grundsätze der Gerechtigkeit und der Humanität auch bei anderen achtet und schätzt. Die nächste Bitte gilt dem Aufbau der heiligen Stadt Jerusalem und der Wiederbegründung des Thrones Davids und leitet damit über zu der folgenden Bitte, die sich auf das Kommen des Messias bezieht. Erst in der Zeit des Messias werden die Leiden und Kämpfe des jüdischen Volkes für immer ihr Ende haben. Die letzte Bitte des Achtzehngebetes ist die Bitte um Frieden. Frieden ist nach jüdischer Auffassung gleichbedeutend mit allgemeiner Wohlfahrt. Nur in der allgemeinen Wohlfahrt, nur im Frieden kann das jüdische Volk gedeihen. Es ist traurig, daß diejenigen, die das jüdische Volk der Entfesselung eines Krieges bezichtigt haben, es nicht für nötig fanden, sich mit dieser letzten und so besonders wichtigen jüdischen Bitte auseinanderzusetzen. Wir wollen nun noch einige Worte dem Schlußgebet „Olenu leschabeach“ widmen. Sein Verfasser ist einer der größten Talmudlehrer, Rabbi Areka, auch kurz Raw — der Lehrer — genannt. Der erste Teil dieses Gebetes stellt die Wahrheit fest, daß Gott allein der wahre Gott ist, oben im Himmel und unten auf der Erde — keiner sonst. Der zweite Teil spricht die Hoffnung aus, daß die Herrschaft Gottes auf Erden alle Greuel der Erde beseitigen, daß die Welt durch das Reich des Allmächtigen vervollkommnet werden wird. Das Gebet schließt mit den Worten: „Der Ewige wird regieren immer und ewig. Der Ewige wird König sein über die ganze Erde; an jenem Tage wird der Ewige der Einzige sein und sein Name der Einzige.“ So endigt das Morgengebet mit der Betrachtung, daß die ganze Menschheit eine Einheit ist und durch den Gottesgedanken zum Bewußtsein dieser Einheit geführt wird. Dr. Arthur Asch. Ich suche meinen Bruder! Dieser Ruf erschallt aus allen Erdteilen und von überall her kommt dieser angstvolle Ruf in die deutschen jüdischen Gemeinden. Die Schwester sucht den Bruder, das Kind die Eltern und die Eltern ihre Kinder und all die unzähligen Nachforschungen können nur zu einem ganz kleinen Teil erfüllt werden. Unsere Gemeinden bemühen sich eifrigst, die heraus zu finden, deren Angehörige noch am leben sind, aber viele Hundert, Tausende, ja Hunderttausende sind nicht mehr zurückgekehrt, von ihnen fehlt jede Spur, ihre Asche ist von vielen zerstreut auf den Feldern um Auschwitz und heute kommt der Ruf zu uns: Es ochi onauchi mewakeisch. Mehr als ein Jahr ist vergangen, als wir die brüderliche Hand über den Ozean hinweg und über den Kanal erbaten und es dauerte lange, bis sie zu uns gelangte. Heute ist in der britischen Zone eine vorbildliche Organisation des American Joint Committee unter Leitung eines Mannes, der für sich in Anspruch nehmen kann, nicht nur vielen geholfen, sondern sich auch die Sympathien aller erworben zu haben. David Wodlinger, Zonendirektor des Joint, hat es verstanden, zu beweisen, daß dieser Ruf unserer Gemeinden nicht ungehört geblieben ist und neben dieser Organisation arbeitet die Jewish Relief Unit unter Führung des Cpt. Lunzer. Während der Joint für das leibliche Wohl unserer Gemeindemitglieder sorgt, nimmt der Jewish Relief die Wahrung der Rechte der Rehabilitierung und der kulturellen Interessen wahr. Er beweist, „daß nicht von Brot allein der Mensch lebt“, aber leider ist es so und das muß offen ausgesprochen werden, daß ohne die Hilfe des Joint die Ernährungslage unserer Gemeinden untragbar wäre. Und nun nach langer Zeit ist unsere Stimme gehört worden von den Brüdern und Schwestern, die aus Deutschland ausgewandert waren und die den Schicksalsschlägen entgangen sind, die sich zusammen gefunden haben, uns zu helfen. Wir haben mehr als ein Jahr gebraucht, daß unser Ruf gehört wurde. Ich suche meinen Bruder, haben wir ihn gefunden? Das Committee for Overseas Relief Supplies, New York welches eine Rhein-Ruhr-Hilfe gegründet hat, hat uns in liebenswürdiger Weise eine erste Sendung zu Händen des Herrn Vorsitzenden des Landesverbandes der Nord-Rheinprovinz übersandt. Diese Sendung wird in diesen Tagen bei allen Gemeinden der Nord-Rheinprovinz und Westfalen zur Ausgabe gelangen. Es erfüllt uns mit besonderer Freude, daß unsere Brüder und Schwestern, die aus dem Rheinland und Westfalen stammen, uns nicht vergessen haben und heute nach einem Jahr der Befreiung zum ersten Mal Gelegenheit nahmen, uns Liebesgaben zu schicken. Die Art der kollektiven Sendung ermöglicht es uns, jedes einzelne Mitglied zu bedenken. Ich habe im Namen der Gemeinden des Rheinlandes und Westfalen den Spendern unseren innigsten Dank ausgesprochen. Wiedergutmachung Am 16. Juni 1946 tagte die Interessenvertretung der jüdischen Gemeinden in Stuttgart. Die Versammlung war außerordentlich gut besucht von Gemeinden der amerikanischen, englischen und französischen Zone. Die Versammlung stand unter Leitung des Herrn Dr. Philipp Auerbach, Düsseldorf, als Vorsitzenden. Der Vorsitzende gab zunächst Herrn Dr. Ostertag das Wort zu seinem Bericht über die Verhandlung mit dem Länderrat bezüglich der Wiedergutmachung. Es ist erfreulich, daß die Ministerpräsidenten der amerikanischen Zone die Notwendigkeit eingesehen haben, einen jüdischen Vertreter zu dieser Frage zu hören und noch erfreulicher, daß sie sich unseren berechtigten Argumenten nicht verschließen konnten und den Gesetzentwurf dem Kontrollrat zur weiteren Entscheidung überreicht haben. Alsdann wurde der Antrag bezüglich der Aufnahme der D. P. in die Gemeinden besprochen und beschlossen, daß jeder D. P., der aus einem Lager kommt und in die örtliche Gemeinde aufgenommen wird, die vollen Rechte, mit Ausnahme des Stimmrechts über Verwaltung und Bestand der Gemeinden, hat. Dieses wird ihm nach dreijähriger Mitgliedschaft zuteil. Ferner ist der Vorstand einer jeden Gemeinde berechtigt, jedes Mitglied seiner Gemeinde aus der Gemeinschaft auszuschließen, das gegen die Interessen der Gemeinden und die guten Sitten verstößt. Danach begrüßt der Vorsitzende Herrn Katzki, Direktor des American Joint Distribution Committees für Deutschland, ebenso Herrn Major Chaplain Rackmann als Vertreter des Rabbiners Bernstein. Die Versammlung nahm einstimmig eine Resolution an, die dem Major zur Weitergabe an Rabbiner Bernstein überreicht wurde, folgenden Inhalts: „Die Interessenvertretung jüdischer Kultusgemeinden und Kultusvereinigungen hat in ihrer Sitzung vom 16. Juni 1946 die folgende Entschließung einstimmig angenommen. Die Interessenvertretung, die sich aus den legitimierten Repräsentanten der jüdischen Gemeinden in den drei westlichen Zonen zusammensetzt, entbietet Dr. Phil. Bernstein, dem jüngst' eingetroffenen Berater des Amerikanischen Höchst-Kommandierenden, Gen. McNarney, herzliches Willkommen und spricht ihre uneingeschränkte Bereitschaft aus, ihm in der Erfüllung seiner Aufgaben beizustehen. Die Interessenvertretung, die sich am 19. März 1946 in Stuttgart konstituiert hat und seitdem zu monatlichen Beratungen zusammengetreten ist, betrachtet sich als alleinige Vertretung der jüdischen Gemeinden und Kultusvereinigungen und bittet ergebenst, als solche anerkannt zu werden. Die Interessenvertretung, die natürlich aufrichtig daran interessiert ist, mit allen anderen jüdischen Organisationen in- und außerhalb Deutschlands harmonisch zusammenzuarbeiten, wäre Dr. Bernstein dankbar, wenn er baldigs einige Vertreter zur Erörterung der wesentlichsten Fragen empfangen würde.“ Alsdann sprach der Vorsitzende über die Betreuung in den einzelnen Zonen und sprach seinen Dank für die Unterstützung des American Joint Distribution Committees aus und bat Herrn Katzki, die Vereinheitlichung der Betreuung mit der amerikanischen Zone durchzuführen, da nunmehr in der englischen und französischen Zone Zufriedenheit