Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 5 (7.6.1946)
- Date
- 1946-06-07
- Page
- Seite 26 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich weiß nicht, ob ich mich über die Unkenntnis oder die Unverschämtheit mehr wundern soll. Es dürfte auch Ihrer Behörde inzwischen bewußt geworden sein, daß 6 Millionen Juden ermordet, vergast und verfolgt worden sind, und daß die deutschen Finanzämter sich als Henkersknechte hei der Ausbeutung der Juden in hervorragenderweise beteiligten. Wenn Sie heute die Liebenswürdigkeit besitzen, rückständige Steuern für diejenigen Grundstücke zu verlangen, die durch Ihren heißgeliebten Führer uns entwendet wurden, so sehen wir darin ein Affront, die wir in keiner Weise hinzunehmen gedenken. Wollen Sie uns zunächst einmal die Grundstücke zurückgeben, die Sie im Aufträge der Regierung des Dritten Reiches gestohlen haben? Wollen Sie uns die von Ihnen eingenommenen Gelder zurückgeben, die Ihnen als Büttel der Gestapo überwiesen worden sind? Wollen Sie uns die Wertsachen, Kleider und Möbel, die durch Ihre Finanzämter verschleudert wurden, unseren alteingesessenen Familien zurückerstatten? Wenn Sie mir hierauf eine zufriedenstellende Antwort geben, können Sie erneut wegen Ihrer Steuerrückstände vorsprechen. gez. Unterschrift Darauf ging unter dem 21. Mai folgende Antwort ein: An den Landesverband der jüdischen Gemeinden der Nord- Rheinprovinz, Düsseldorf, Königsallee 27. Zu Ihrem Schreiben vom 18. ds. Mts. Die gegen den Verein zur Förderung der Handwerker und technischen Berufsarten erlassene Pfändung über 3258.36 RM ist auf ein Versehen zurückzuführen, da aus dem Titel nicht ohne weiteres zu ersehen war, daß es sich um jüdischen Besitz handelt und der Bearbeiter als Neuling über die Anwendung der Bestimmungen noch nicht vollständig unterrichtet war. Wir bitten, das Versehen zu entschuldigen. Der Mann, der den Brief vom 21. Mai unterschrieben hat, ist einer jener Leute, der auch den Pfändungsbefehl Unterzeichnete. Auf diesem Pfändungsbefehl ist ausdrücklich vermerkt: Synagogengemeinde Düsseldorf. Das hat er in seiner „Entschuldigung“ verschwiegen. Der Bearbeiter, selbst wenn er Neuling ist, hat scheinbar angenommen, daß die Synagogengemeinde eine Unterorganisation der NSDAP, war, anders ist doch kaum erklärlich, wie es zur Ausstellung eines Pfändungsbeschlusses gekommen ist. Merkwürdigerweise hat der Bearbeiter die genaue Anschrift der Synagogengemeinde angegeben und auf der Rückseite des Pfändungsbefehls ausdrücklich vermerkt „Der Vollstreckungsstelle zum nochmaligen Einziehungsversuch“. Wir empfehlen dem Herrn Oberstadtdirektor, sich den Bearbeiter, der sich selbst als Neuling bezeichnet, einmal genau anzusehen. Der Entnazifizierungsausschuß soll ja angeblich seine Tätigkeit bei der Stadtverwaltung bereits aufgenommen haben. Uns scheint, daß der „Neuling“ ein geeignetes Objekt für den Ausschuß darstellt. Frey Arisierter Betrieb dem jüdischen Besitzer zurückgegeben. Erfolgreiche Wiedergutmachung In Allenstein in Ostpreußen stellte seit Jahrzehnten die Firma HABECO Rauchwaren her. Die Inhaber dieser Firma waren drei Brüder, Hugo, Max und Bruno Bütow. Bereits seit drei Generationen war diese Fabrik im Besitz der Familie Bütow. 1937 wurde die Fabrik im Zuge der damaligen Zeit „arisiert“. Der Verkaufspreis wurde mit 150 000 RM festgesetzt, aber bekommen haben die drei Brüder nicht einen Pfennig. Ein Herr Paul Naujack war der „Käufer“. Hugo und Max sind ins KZ. gekommen, während es Bruno gelang, ins Ausland zu entkommen. 1945 tauchte Bruno wieder hier in Deutschland auf, und da Allenstein inzwischen nicht mehr zum Reich gehörte, machte er sich in Düsseldorf ansässig. Von hier aus versuchte er wieder in den Besitz des geraubten väterlichen Erbes zu gelangen. Seine Brüder haben das Schicksal der Millionen Glaubensgenossen teilen müssen, sind aus dem KZ. nicht mehr zurückgekehrt. Es gelang überraschend schnell, den damaligen „Käufer“, Herr Naujack, zu ermitteln, der inzwischen ebenfalls Allenstein verließ und versuchte, „seinen“ Betrieb nach Hamburg zu verlegen. Herr Naujack wurde aufgefordert, „sein Habeco-Unternehmen“ dem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben. Doch dieser liebliche Zeitgenosse erklärte — wie könnte es auch anders sein — er sei nie Nazi gewesen, habe damals selbst unter Druck der Partei gestanden, und die 150 000 RM habe er prompt an die Partei bezahlt. Doch es fanden sich aufrechte Leute, wie zum Beispiel Herr v. Sluytermann aus Vloto, vom Verband der Tabakwarenfabrikanten, der Bruno Bütow kannte. Dieser Mann schrieb an Bütow: „Sofort nach Kenntnis ihrer Anwesenheit in Deutschland habe ich die Tabakkontingente des Herrn Naujack sperren lassen.“ Ein gleiches tat Herr Dr. Herold von der Tabakerrechnungsstelle aus Heidelberg. Daß der Landesverband der jüdischen Gemeinden seinem Mitglied Bütow jede nur erdenkliche Unterstützung zuteil werden ließ, ist ja nur eine Selbstverständlichkeit. Der Landesverband stellte die Anträge beim Oberfinanzpräsidium zwecks Wiederaufnahme des Betriebes und Bütow hat nunmehr diese Genehmigung erhalten, hat seine väterliche Fabrik wieder in Holzhausen in Westfalen eröffnen können. Für die ermordeten Brüder wurde der Amtsgerichtsrat Dr. Asch zum Nachlaßpfleger bestellt. Die Fabrikation ist bereits wieder im Gange. Die Wiedergutmachung hat hier zu einem ersten, aber vollen Erfolg geführt. Weitere werden hoffentlich bald folgen. Unsere Leser sollen wissen, daß der Landesverband nicht nur mit schönen Reden und Ratschlägen arbeitet, sondern, das hat jeder in irgendeiner Fofm bereits am eigenen Leibe erfahren, mit Taten hilft. F. Friedrich Wolf: Professor Mamlock Die Städtischen Bühnen, Düsseldorf, brachten in einer hervorragenden Aufführung Friedrich Wolfs Zeitstück heraus. Die meisterliche Regie Wolfgang Langhoffs ließ uns noch einmal die Zeit erleben, die die furchtbarste ist, die ein Mensch je zu durchleben hatte. Gerade wir wissen, daß die Vorgänge dieses Dramas nur der Auftakt für ein viel schlimmeres Ende darstellen. Wir sind dem Theater dankbar für diese Aufführung. Sie macht die Bühne nicht zum Podium, aber die Szene zum Tribunal. Möge der Spruch, der hier gefällt wird, von allen, die es angeht, vernommen werden. F. Szenenbild aus „Professor Mamlock' Oberlandesgerichtsrat Dr. Artur Asch Der Syndikus des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden der Nord-Rheinprovinz Amtsgerichtsrat Dr. Artur Asch ist zum Oberlandesgerichtsrat in Düsseldorf befördert worden. Wir gratulieren! Dr. jur. J. Koppel, Dortmund-Hörde, Mitglied der Synagogengemeinde Dortmund, hat seine Praxis als Rechtsanwalt und Notar wieder aufgenommen. Seine Büroräume befinden sich in Dortmund-Hörde, Virchowstraße 14, Telefon Nr. 408 54. Jüdische Gemeinde M.Gladbach. Die neue Anschrift der Gemeinde lautet: Vorstand, I. Fürst, Bismarckstraße 73; Büro, K. Hecht, Kaiserstraße 136. 26