Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 5 (7.6.1946)
- Date
- 1946-06-07
- Page
- Seite 24 (sequence 4)
- Language
- German
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über den anderen herrschen soll, ganz unabhängig von der Zahl der Bewohner. Auf diese Weise ist es möglich, daß in Zukunft alle Juden mit den Mitbürgern anderen Glaubens die unmittelbare Zukunft zusammen gestalten und hierdurch die Not, die der Naziterror in Europa und anderen Teilen der Welt hervorgerufen hat, gemildert wird. Wiedergutmachung In der letzten Nummer brachte ich einige Ideen, die in gemeinsamer Arbeit der Vorstände der jüdischen Gemeinden der drei Zonen in Stuttgart beraten wurde. Am 19. 5. 1946 kamen wir erneut zusammen, wiederum in Stuttgart, kurz vor der Tagung des Länderrates. Inzwischen gingen uns Gesetzentwürfe zu, sowohl aus der amerikanischen wie aus der englischen Zone über „Wiedergutmachung“ und als ich die erste Seite des Entwurfes zu einem Gesetz der Wiedergutmachung las und auf der ersten Seite den schönen Passus fand „manche Anmeldungen sind mit offener Fälschlichkeit vorgetragen“, und als ich den zweiten Gesetzentwurf aus der britischen Zone las, der alles andere, nur nicht die volle Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts brachte, dann mußten wir als verantwortliches Grenium der jüdischen Gemeinden der drei Zonen zu einer Tat schreiten und es war das erste Wort der jüdischen Interessengemeinschaft, einen Brief an die Länder-Regierungen aller drei Zonen zu richten, den wir nachstehend im Text veröffentlichen. Gleichzeitig sandten wir einen Brief an alle zuständigen Oberfinanzpräsidenten, da wir es nicht verantworten wollen und können, daß unsere Brüder und Schwestern von ihrem kargen Einkommen dem Staate Steuern bezahlen, der ihnen nicht nur jede finanzielle Möglichkeit raubte, sondern in seiner ganzen Gesetzgebung das Teuerste und Wertvollste, die Familie, zerstörte. Zu gleicher Zeit haben wir einen Gesetzentwurf verabschiedet und dem Länderrat der amerikanischen Zone eingereicht, den wir auch den zuständigen Behörden der britischen und französischen Militärregierung übersandt haben, ein Gesetzentwurf aufgebaut auf den Grundsätzen der Gerechtigkeit, der nicht nur unseren jüdischen Mitbürgern Recht werden lassen soll, sondern allen, die rassisch, religiös und politisch unterdrückt waren und gelitten haben. Wir werden in der nächsten Nummer unserer Zeitung auf unseren Gesetzentwurf, der hoffentlich zwischenzeitlich zur Annahme gelangen wird, eingehend zurückkommen. Unsere Gemeinde-Mitglieder sollen wissen, daß unser ganzes Streben, unsere ganze Arbeit und Zielsetzung für eine gerechte Wiedergutmachung im wahrsten Sinne des Wortes gerichtet ist. Wir haben ein Jahr voll Hoffen und Harren abgewartet, was geschehen wird. Bis heute ist nichts geschehen als Wechsel auf die Zukunft, die nirgendwo diskontierfähig sind. Möge die Öffentlichkeit wissen, daß wir keine Almosen-Empfänger sind, daß wir Recht fordern und kein Mitleid, und daß wir nicht nur dafür zu sorgen haben, für den kleinen Rest der in Deutschland noch lebenden Juden, sondern auch für unsere Brüder und Schwestern im Ausland, die unter dem Druck der Verhältnisse unter Hinterlassung ihres ganzen Vermögens die Gastfreundschaft befreundeter Nationen erbitten mußten und sich recht und schlecht die Jahre durchschlugen. Dieser Gesetzentwurf sieht die Entschädigung allen Unrechts vor, was den Juden in Deutschland und auch außerhalb der Landesgrenzen von 1933 an zugefügt wurde. Wir wollen keine Hoffnung erwecken, die übertrieben ist. Wir wissen, daß der Kontrollrat sich mit diesen Fragen eingehend beschäftigt. Wir wissen, daß unsere Brüder und Schwestern in England und Amerika sich eifrig bemühen, um bei ihren Regierungen für uns Recht zu erbitten, und wir haben das Vertrauen zu den Worten des Präsidenten Roosevelt und des damaligen Ministerpräsidenten Churchill, daß all das Unrecht wieder gut gemacht werden soll, was den Juden angetan wurde. Vor mir liegt der amtliche Bericht der englischen und amerikanischen Nachforschungs-Kommission über das Judenproblem in Europa und Palästina und mehr als alle Worte sprechen die amtlichen Zahlen. In ganz Europa, mit Ausnahme von England, Portugal, Rußland, Spanien, Schweden und der Schweiz, lebten 1939 6 015 700 Juden, und heute total 1 153100, davon sind 152 500 Flüchtlinge oder DP. 5 Millionen dieser Juden sind nicht mehr und eine weitere Million wurde in Rußland ermordet. Das sind Zahlen, die mehr sprechen als alle Berichte. Das sind Zahlen, die in die Welt hinausschreien, welches Unrecht geschehen und wenn man heute schachern will um kleinere Beträge, denen, die überlebend sind, das zurückzugeben, was ihnen genommen wurde oder den Erben der Ermordeten und der jüdischen Gemeinschaft, das Erbe der Vernichteten zurückzugeben, erfüllt einen dieses mit Grimm und mit Schmach. Das jüdische Vermögen, was geraubt, ist dem jüdischen Volke zurückzugeben, und wir wissen genau, daß wir deutschen Juden nur die Treuhänder sind der jüdischen Allgemeinheit, der ganzen jüdischen Nation, die über dem Erdball verstreut liegen. Wir begrüßen daher dankbar die Zusammenarbeit mit der Jewish Acc. der American Joint Distr., American Jewish Conf. und Jewish Relief für abroad, die gemeinsam mit uns die Probleme lösen wollen und werden und unsere Brüder und Schwestern werden ebenfalls alles tun, damit das Wort von Roosevelt und Churchill erfüllt werden wird. Interessenvertretung der jüdischen Gemeinden und Kultusvereinigungen, Geschäftsstelle Stuttgart Stuttgart, den 19. Mai 1946. Reinsburger Straße 26 An alle Länder-Regierungen Deutschlands! Mit Bitterkeit im Herzen empfindent wir den Jahrestag unserer Rettung aus den Klauen der Hitlertyrannei. Trotzdem ein Jahr vergangen ist, geschah noch nichts, um unsere Rechte wieder herzustellen. Es wurden einige Almosen und einige Vorschüsse geleistet. Wir lehnen aber Almosen und Wohlfahrtsunterstützungen in jeder Form ab, da wir Rechtsansprüche haben. Wir wollen nicht dulden, daß einer unserer Brüder oder eine unserer Schwestern als Bettler die Hand hinstrecken sollen. Unseren Gemeinden wurden große Vermögen vom Staate genommen: Grundbesitz und Bar-Vermögen. Wir fordern sie zurück. Wir selbst wollen unseren Armen helfen. Wir können es nicht dulden, daß diese Leute, von denen jeder Einzelne, entweder in Konzentrationslagern oder in Gefängnissen geschmachtet hat, oder sich vor der Gestapo verstecken mußte, um nicht umgebracht zu werden, von denen jeder Einzelne Vater, Mutter, Kinder, Brüder, Schwestern oder sonstige nahe Verwandte durch Mord verloren hat, zu öffentlichen Wohlfahrtsstellen gehen sollen. Zu viele Demütigungen haben sie über 12 Jahre hindurch über sich ergehen lassen müssen. Wir wollen sie als freie Menschen, mit erhobenem Haupte sehen, und nicht zurückgeworfen in die alte Schmach. Nach einem Jahre der Rettung haben unsere Brüder und Schwestern, die aus den Konzentrationslagern zurückkamen, noch nicht ihre beim Abtransport vom Staate geraubten Grundstücke und ihr bewegliches Vermögen erhalten. Obwohl vom Kontrollrat die Gesetze aufgehoben wurden, die den Staat zu den Schandtaten ermächtigten, ist der frühere Zustand noch nicht wieder hergestellt worden. Sogar die Militärregierung hat noch nicht dafür gesorgt, daß diese geraubten Grundstücke, Geschäfte und Guthaben zurückgegeben werden. Daß die Regierungen Anträge an die Militärregierung gestellt hätten, in die Freigabe einzuwilligen, ist uns nicht bekannt geworden. Wir wissen, daß in verschiedenen Ländern Entwürfe für die Wiedergutmachung vorliegen. Mit Schaudern empfinden wir den Geist, der sich hier zum Teil dokumentiert. Es ist der Ungeist Hitlers, der das Gewissen infiziert hat. Wieder ist eine Entrechtung auf dem Marsch. Sie wird aber nicht zum Ziele gelangen; sie findet uns auf dem Plan. Nach all dem Unrecht, das geschehen ist, und bei all der Schuld, welche der Staat auf sich geladen hat, durfte man hoffen, daß zur Wiedergutmachung zum allermindesten bestehende, gesetzliche Bestimmungen voll respektiert würden. Das Gegenteil ist der Fall. Jeder der uns bekannten Entwürfe, schränkte bei den Hauptpunkten die bestehenden Gesetze ein. Teils sollen die Hauptschäden nicht ersetzt, teils soll das Erbrecht ausgeschlossen werden. Wir haben die Schuldfrage nicht aufgerollt. Wir haben bedingungslos und in unendlicher Geduld, aus einem fast unverständlichen Gleichmut, die Hand zur Mitarbeit geboten. Dieser Standpunkt wurde als Schwäche empfunden. Wir merken nichts von Reue. Uns interessiert aber jetzt weder die Schuld der Vergangenheit, noch die jetzt nicht vorhandene Reue: sie machen unsere Lieben nicht wieder 24