Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 4 (24.5.1946)
- Date
- 1946-05-24
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Juden auswanderten; in der Zahl der in Deutschland nach Kriegsende vorhandenen 94 000 Juden sind etwa 75 000 bis 80 000 aus ihren Heimatländern nach Deutschland verschleppte Juden enthalten, die den Aufenthalt in den Konzentrationslagern überlebten. LONDON Premierminister A111 e e nahm bereits im Unterhaus zu dem Bericht Stellung und erklärte, die Empfehlungen der Kommission bedeuteten eine ernste Verpflichtung für die britische Regierung; es müsse daher zunächst klargestellt werden, bis zu welchem Umfang die Vereinigten Staaten bereit seien, die Verantwortung hierfür mitzuübernehmen. Es werde, so erklärte Attlee, schwierig sein, noch in diesem Jahr hunderttausend Juden die Genehmigung zur Einreise nach Palästina zu erteilen. Unerläßliche Voraussetzung hierfür sei die Auflösung der bewaffneten Organisation in Palästina, wobei die Jewish Agency tatkräftig mithelfen müsse. Attlee ermahnte die jüdischen und arabischen Führer zur Zurückhaltung und erklärte, die britische Regierung sei sich bewußt, daß sobald als möglich eine Entscheidung getroffen werden müsse. WASHINGTON Präsident Tr um an forderte in einer Erklärung zu dem Bericht, das Problem des unglücklichen jüdischen Volkes mit größter Beschleunigung zu lösen. Der Bericht sehe Schutz und Sicherheit für die heiligen Stätten aller drei Religionen in Palästina vor. Truman sprach seine Freude darüber aus, daß der Bericht die Aufhebung des Weißbuches von 1939 mit der darin festgelegten Beschränkung der Einwanderung und des Landerwerbs in Palästina verlange, um die Entwicklung des Landes als Heimstätte des Judentums zu fördern. Die Juden und Nietzsche In Nr. 2/3 des Jüdischen Gemeindeblatts fand ich eine Auseinandersetzung Nietzsches mit den Juden. Ich glaube, es sei auch einmal umgekehrt notwendig, dazu etwas zu sagen. Hermann Türck schreibt darüber in seinem Werke „Der geniale Mensch“, in dem er Stirner-Schmidt in dem Kapitel: Der bornierte Mensch als Gegensatz zum genialen und die Antisophie des Egoismus als Vorläufer Nietzsches charakterisiert, einige sehr beachtenswerte Sätze, von denen ich hier leider nur einen kleinen Auszug bringen kann. Demnach leugnet Nietzsche (wie Stirner vor ihm) jede Verpflichtung des Menschen, Rücksicht auf seinen Nächsten zu nehmen. Nietzsche bezeichnet die „jüdisch-christliche Moral“ mit ihrem Gebot der Nächstenliebe als „Sklavenmoral“. Für die selbstsüchtige Willkür "findet Nietzsche die Bezeichnung: „Instinkt der Freiheit“ und „Wille zur Macht“. In „Jenseits von Gut und Böse“ sagt Nietzsche: „Die Advokaten eines Verbrechers sind selten Artisten genug, um das schöne Schreckliche der Tat zugunsten ihres Täters zu wenden“; ferner: „Der Verbrecher ist häufig genug seiner Tat nicht gewachsen, er verkleinert und verleumdet sie.“ Denkt man nicht unwillkürlich an Nürnberg, wenn man ■dieses Zitat liest? Wie sollte nun nach Nietzsche etwa die Verteidigung der Nürnberger Verbrecher aussehen? Etwa so: „Meine Herren Ankläger! Mit Stolz bekennt sich mein Klient zu der Vernichtungstat, jawohl, er hat es mit veranlaßt, daß sechs Millionen Juden vernichtet wurden. Aber bedenken Sie das schöne Schreckliche der Tat. Nicht der Unschuldsblick der entsetzten Kleinen, nicht die Tränen der Mütter, noch die Verzweiflung der Greise hat seinen Vernichtungswillen beeinflussen können. Wer würde sich nicht lieber selbst töten, als hilflose, verfolgte Geschöpfe so leiden zu lassen? Bedenken Sie also die Seelenstärke, die Übermenschlichkeit und das schöne Schreckliche der Tat...“ Ganz ferne kommt einem das Gefühl, daß die Verteidigung tatsächlich so aussehen müsse, wenn die Männer auf der Anklagebank in Nürnberg — Männer wären! Tatsächlich haben sie ein Anrecht, sich in ihren Handlungen auf Nietzsche zu berufen, wenngleich auch nicht in ihrer Verteidigung. Nietzsche ist eben konnequent und er konnte es sein, bei, ihm kostete es nicht den Kopf! t:- ■ ■ Kein Mensch, der an Gott glaubt, kann sich je mit Nietzsche einig werden, der alles Göttliche leugnet. „Leiden sehen tut wohl, Leiden machen noch wohler.“ Auch über die Juden hat sich Nietzsche absolut nicht etwa wohlwollend geäußert, wenngleich er sich widerspricht. Maßgebend aber ist, was einer Schädliches behauptet und ob er einen Wahrheitsbeweis für seine Behauptungen antritt. Nietzsche jedenfalls hat mit seiner Lehre nicht nur viel Schaden angerichtet, sondern tut es noch und man sollte ein so klug geschriebenes Buch, wie es „Der geniale Mensch“ von Hermann Türck ist, neu verlegen und verbreiten, es verdient es. Erich Sternfeld, Köln. Rotkäppchen Es war einmal vor vielen Jahren in Deutschland ein Wald, den der Arbeitsdienst noch nicht gerodet hatte, und in diesem Wald lebte ein Wolf. An einem schönen Sonntag nun — es war gerade Erntedankfest — da ging ein kleines BDM-Mädel durch den Wald. Es hatte ein rotes Käppchen auf und wollte seine arische Großmutter besuchen, die in einem Mütterheim der NSV untergebracht war. In der Hand trug es ein Körbchen mit Pfandspende und eine Flasche Patenwein. Da begegnete ihm der böse Wolf. Er hatte ein ganz braunes Fell, damit niemand gleich von Anbeginn seine rassefremden Absichten merken sollte. Rotkäppchen dachte auch nichts Böses, weil es ja wußte, daß alle Volksschädlinge im Konzentrationslager säßen, und glaubte, einen ganz gewöhnlichen bürgerlichen Hund vor sich zu haben. „Heil Rotkäppchen“, sagte der Wolf. „Wo gehst du denn hin?“ Rotkäppchen antwortete: „Ich gehe zu meiner Oma ins Mütterheim.“ „So“, sagte der Wolf. „Aber bringe ihr doch ein paar Blumen mit, mit denen das Amt für Schönheit der Holzarbeit den Wald geschmückt hat!“ Sogleich machte sich Rotkäppchen daran, ein Erntesträußchen zu pflücken. Der Wolf aber eilte zum Mütterheim, fraß die Großmutter auf, schlüpfte in die K eider, steckte sich das Frauenabzeichen an und legte sich ins Bett. Da kam auch Rotkäppchen zur Tür herein und fragte: „Nun, liebe Oma, wie geht es dir?“ Der Wolf versuchte, die volksnahe Stimme nachzumachen und antwortete: „Gut, mein liebes Kind.“ Rotkäppchen fragte: „Warum sprichst du heute so andersartig zu mir?“ Der Wolf antwortete: „Die Rednerausbildung am Vormittag hat mich zu sehr beansprucht.“ „Aber Oma, was hast du für große Ohren?“ „Damit ich das Geflüster der Meckerer besser hören kann.“ „Was hast du denn für große Augen?“ „Damit ich die Wühlmäuschen besser sehen kann.“ „Was hast du denn für einen großen Mund?“ „Du weißt doch, daß ich in der Kulturgemeinde bin.“ Und mit diesen Worten fraß er das arme Rotkäppchen, legt sich ins Bett, schlief in seiner verantwortungslosen Art sofort ein und schnarchte. Da ging der Kreisjägermeister vorbei. Er hörte ihn und dachte: „Wie kann eine arische Großmutter so rassefremd schnarchen?“ Und als er nachsah, da fand er den Wolf, und er schoß ihn, obwohl er keinen Jagdschein für Wölfe hatte, auf eigene Verantwortung tot. Dann schlitzte er ihm den Bauch auf und fand Großmutter und Kind noch lebend. War das eine Freude! Der Wolf wurde dem Reichsnährstand zugewiesen und zu Fleisch im eigenen Saft verarbeitet. Der Kreisjägermeister durfte an seiner Uniform einen goldgestickten Wolf tragen. Rotkäppchen wurde zur Unterführerin im BDM befördert und die Großmutter durfte auf einem funkelnagelneuen KDF-Dampfer eine Erholungsreise nach Madeira machen ...“. Leipziger Mgsse (Eigenbericht.) Mit gespannten Erwartungen trat ich die Reise nach Leipzig an. Die Skepsis, die viele, wenn nicht sogar die meisten, der Messebesucher aus den westlichen Besatzungszonen beherrschte, hat sich bereits auf der Reise nach Überschreiten der Zonengrenze in angenehmes Erstaunen gewandelt. Es setzte eine Organisation ein, die zu den kühnsten Erwartungen berechtigte. Jeder Reisende bekam einen Quartier-