Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 4 (24.5.1946)
- Date
- 1946-05-24
- Page
- Seite 18 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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er denn das wisse, fügte er hinzu: Ich war ja dabei. Dr. Marx: Woraus wollen Sie denn schließen, daß die Berufsfeuerwehr die Synagoge abbrannte? Zeuge: Ha, das habe ich doch gesehen! Verteidiger: Stand denn die Synagoge schon in Flammen, als Sie dazu kamen, oder brannte sie noch nicht? Zeuge: Nein, das Gebäude hat noch nicht gebrannt, aber die Feuerwehr war schon da. Schließlich wird Frau Adele Streicher, die Ehefrau, vernommen. In einem dunkelroten deutschen Zierkleid aus Samt, mit Zierschürze und Halsrüsche betritt sie den Zeugenstand. Aus ihrer Aussage geht hervor, daß sie vom Juni 1944 bis Kriegsende als Sekretärin des Angeklagten mit 1000 RM Monatsgehalt tätig war. Streicher habe in dieser Zeit niemals den Hof verlassen. Ley und Goebbels haben wiederholt versucht, Streicher zu bewegen, wieder in „Politik zu machen“, aber Streicher habe immer abgelehnt. Die „Lösung der Judenfrage“ habe sich Streicher immer durch Auswanderung vorgestellt, aber niemals durch Gewalt. Mit nachsichtigem Lächeln erklärte sie weiter, daß ihr Mann sich niemals um Geldgeschäfte gekümmert habe. Er habe daher auch niemals Aktien aus jüdischem Besitz erworben. Noch immer lächelnd fügte sie hinzu, „ich glaube nicht einmal, daß er überhaupt weiß, wie eine Aktie aussieht.“ Als der Verteidiger sie fragte, warum Streicher sie noch im April 1945 geheiratet habe, seufzte die Zeugin tief und nach einer Weile gab sie zur Antwort: „Julius Streicher wollte am Kampf um Nürnberg teilnehmen. Vorher wollte er mir noch seinen Namen geben, damit wir dann zusammen sterben könnten.“ Sie seien dann aber nicht bis Nürnberg gekommen, und zwar aus Kompetenzschwierigkeiten. Soweit Herr Streicher und seine Zeugen. Infolge Platzmangel können wir erst in der folgenden Nummer dazu Stellung nehmen. Hans Frey. Aus aller Welt versetzte. Ifraim bezeugte, daß er gesehen hätte, wie Gutzlaff zwei Gefangene erschoß. Er wurde daraufhin aufgefordert, den Angeklagten Gutzlaff zu identifizieren. Er ging zu dem Angeklagten und statt nur den Finger auf ihn zu richten, versetzte er dem Angeklagten einen furchtbaren Schlag gegen die Schulter, indem er sagte: „Steh auf, du Hund!“ Der Zeuge wurde vom Vorsitzenden des Gerichtshofes, General Prickett, sofort streng verwarnt und es wurde ihm verboten, die Angeklagten zu berühren. Als er sich wieder zum Zeugenstand zurückbegab, sagte er: „Das ist er, der die neue deutsche Kultur in Europa verbreiten will.“ Der Zeuge gab dann eine Schilderung, wie verhungernde französische Gefangene versuchten, Gras zu essen, aber von den SS-Wachen in die Baracken zurückgepeitscht wurden. Mit vor Wut blitzenden Augen schrie der Zeuge dann: „Sie haben uns gepeitscht und uns zum Wahnsinn getrieben.“ Der inzwischen beendete Prozeß hat mit der Verurteilung zum Tode der Angeklagten geendet. PALÄSTINISCHE WÜSTE WIRD FRUCHTBARES LAND New York. Zwei amerikanische Ingenieure, die bei der Ausführung des Projektes zur Gewinnung elektrischer Energie durch Regulierung des Tennesees in den Vereinigten Staaten mitgewirkt haben, sind jetzt in Palästina mit den Vorarbeiten für einen großen Bewässerungsplan des Landes durch Ableitungen aus dem Jordan beschäftigt. Man hofft dadurch, ungefähr 40 000 Hektar bewirtschafteten Landes um das siebenfache erhöhen zu können. Die Regulierungsarbeiten am Jordan mit seinen Nebenflüssen sollen mit dem Bau eines „Kraftkanals“ vom Mittelmeer zum Toten Meer kombiniert werden. In diesem Kanal wird Wasser aus dem Mittelmeer und dem Jordan~bei Haifa zirka 40 Meter hochgepumpt und auf dem Wege zum Toten Meer zwei Kraftanlagen speisen. Die Kosten für das Projekt werden auf 260 Millionen Dollar geschätzt und sollen von der palästinischen Regierung, jüdischen Organisationen und von privater Seite gemeinsam aufgebracht werden. Die Durchführung würde die Ansiedlung weiterer zwei Millionen Juden in Palästina ermöglichen. Das englische Militärgericht in Wien hat gegen zehn Österreicher, die als Volkssturmleute 800 Juden umbrachten, die Todesstrafe verhängt. ANSCHLÄGE AUF JÜDISCHE EINRICHTUNGEN Frankfurt. Unbekannte Täter beschädigten ein mit deutscher und englischer Sprache beschriftetes Schild an der jüdischen Gemeinde zu Frankfurt. Dies ist der dritte Anschlag auf jüdische Einrichtungen, der im Verlauf weniger Tage aus Frankfurt und Umgebung gemeldet wird. Vor einigen Tagen wurde bereits die neu angebrachte Gedenktafel für die 1938 zerstörten Frankfurter Synagogen am Börneplatz beschädigt. ZUCHTHAUS FÜR SYNAGOGENSCHÄNDER Wiesbaden. Das Landgericht Wiesbaden .verurteilte die wegen Brandstiftung an der Schiersteiner Synagoge und Landfriedensbruches vom 10. November 1938 angeklagten ehemaligen Nazi Pickard, Häberle, Bill und Albert. Der ehemalige SA-Obersturmführer Pickard erhielt, unter Anrechnung der Untersuchungshaft, fünf Jahre und der frühere SA-Mann Häberle zwei Jahre Zuchthaus, während Bill und Albert aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurden. HOHER BEAMTER WURDE ENTLASSEN Der Chef des staatlichen bayrischen Gesundheitsamtes, Dr. Gustav Seifert, wurde auf Verlangen der amerikanischen Militärregierung entlassen. Er wird beschuldigt, früher an antisemitischen Maßnahmen teilgenommen zu haben. Dr. Seifert hatte nie einer nationalsozialistischen Organisation angehört und war zunächst für politisch zuverlässig gehalten worden. Es hat sich nun herausgestellt, daß er den Hausbesitz einer jüdischen Familie in Nürnberg unter verdächtigen Umständen erworben hatte. DACHAU Ein Zwischenfall ereignete sich im Dachauer Kriegsvenbrecherprozeß, als der polnische Jude Ifraim Sternberg dem angeklagten SS-Mann Paul Gutzlaff einen gewaltigen Schlag URTEIL GEGEN POGROMTEILNEHMER Weißenburg. In dem bisher größten Prozeß eines deutschen Gerichts gegen Teilnehmer an den Judenpogromen im November 1938 wurde nach einer DANA-Meldung am Freitag nach fünfwöchiger Verhandlung das Urteil gefällt. Von 59 Angeklagten wurden 52 zu Strafen von einigen Monaten Gefängnis bis zu vier Jahren drei Monaten Zuchthaus verurteilt. TODESURTEIL GEGEN BRUNNER Wien. Das Wiener Volksgericht verurteilte nach einer DANA-Meldung den ehemaligen österreichischen Naziführer Anton Brunner wegen begangener Verbrechen gegen die Humanität zum Tode. Brunner hatte u. a. die Deportierung von 50 000 Juden in deutsche Vernichtungslager in Polen veranlaßt. Ein Rechtsmittel gegen das Urteil ist nicht zulässig. * Nach einer in dem Bericht der Palästina-Kommission enthaltenen Statistik ist die jüdische Bevölkerung in Europa während des Krieges von fast zehn Millionen auf etwas über vier Millionen zurückgegangen und verteilt sich folgendermaßen auf die einzelnen Länder: 1939 1945 Deutschland. 215 000 94 000 Belgien ....... 90 000 33 000 Frankreich . . . . . 320 000 180 000 Griechenland .... 75 000 10 000 Holland. 150 000 30 000 Jugoslawien . . - . . 75 000 11000 Polen. 3 350 000 80 000 Rumänien .! 850 000 335 000 Rußland. 3 550 000 2 665 000 Tschechoslowakei . . 315 000 65 000 Ungarn . 400 000 200 000 Bei den für Deutschland genannten Zahlen muß man berücksichtigen, daß zwischen 1933 und 1939 bereits über 300 000