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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-05-06 · 2/3 (6.5.1946) · p. Seite 11

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
2/3 (6.5.1946)
Date
1946-05-06
Page
Seite 11 (sequence 7)
Language
German
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Julius Streicher der Wahrheitsfanatiker (Eigenbericht aus Nürnberg) Am 26. April begann in Nürnberg das Verhör Julius Streichers. Sein Verteidiger, der Nürnberger Rechtsanwalt Dr. Marx, beantragte, ihn als Zeugen zu verhören, und mit einem Manuskript bewaffnet, der Würde des Augenblicks voll bewußt, schreitet er stolz von der Anklagebank zum Zeugenstand, von zwei amerikanischen MP‘s sicher geleitet. Er leistet den Eid und schwört, nur die Wahrheit sagen zu wollen, bittet dann das Gericht, eine sachlich kurze Darstellung geben zu dürfen. Das Gericht ist einverstanden und Streicher beklagt sich, daß sein Anwalt es abgelehnt hat, ihn so zu verteidigen, wie er es wünschte. Seinen Anwalt habe man in der Presse sowohl wie im Rundfunk angegriffen,. Durch diese Terrorangriffe — wie Streicher sich ausdrückt — habe es der Anwalt abgelehnt, Beweisanträge zu stellen, die er für erheblich hält. Damit sei ihm eine gerechte Verteidigung unmöglich gemacht. Der Präsident erklärt ihm dann, er könne versichert sein, daß man alles, was er für wichtig hält, dem Gericht vorgelegt wird. Dr. Marx erklärt darauf dem Gericht: als Verteidiger bin ich der Ansicht, die Verteidigung so zu führen, wie ich es für richtig erachte. Ich fühle mich keineswegs durch die ' Presse terrorisiert, aber ohne Vertrauen des Mandanten kann ein Anwalt nicht auftreten, deshalb bitte ich das Gericht um Beschluß, ob ich die Verteidigung niederlegen darf. Damit hat der Anwalt nicht mehr getan, als sich in aller Öffentlichkeit von seinem Mandanten distanziert. Das Gericht beschloß erwartungsgemäß, Dr. Marx möge die Verteidigung weiterführen. Nunmehr beginnt der „Meistersinger von Nürnberg“ oder der blutige Zar von Franken, wie man ihn nannte, sein „Preislied“ vom Manuskript zu lesen. Überschrift: Aus meinem Leben. Als letztes von neun Kindern in einem kleinen Dorf in Bayrisch-Schwaben geboren. Vater Volksschullehrer, ergriff er denselben Beruf. Wurde snäter an die Städt. Schulen nach NÜRNBERG „berufen“. Kam dort mit Familien der Arbeiterkinder zusammen, lernte die Gegensätze kennen. 1911 entschloß er sich, sich politisch zu betätigen. 1912 Mitglied der Demokratischen Partei. Verkehrte viel mit Juden. 1914 zog er als Gefreiter in den Weltkrieg, kam als Offizier mit Orden und Ehrenzeichen zurück. Sah später die roten Plakate, die Versammlungen, sprach in den Diskussionen, weil Juden und Judengenossen die politische Macht an sich gerissen hatten. Trat den Schutz- und Trutzbünden bei, in deren Versammlungen er ebenfalls sprach. Hier in diesem selben Saale stand ich schon einmal vor Gericht, erklärt Streicher, angeklagt, ein Sittlichkeitsverbrechen an einer Lehrersfrau in Frankreich begangen zu haben. Mit 300 RM (scheinbar war damals bereits Inflation) wollte man mir meine Ehre nehmen. Nach diesem Zwischenspiel kommt er auf seine „natürliche“ Entwicklung zu sprechen. Ich fühlte Berufung in mir, selbst Versammlungen abzuhalten. 15 Jahre lang habe ich jeden Freitag in Nürnberg vor 5 bis 6000 Menschen gesprochen. 20 Jahre lang in den größten Städten Deutschlands vor 170 bis 200 000 Menschen. (Auf ein paar Nullen mehr oder weniger kommt es bei ihm nicht an.) Ich bin von der Partei nicht bezahlt worden. Ich war der einzige unbezahlte Gauleiter der Partei. 1921 kam ich nach München und wieder war es Schicksal, weil ich höhere Schwingungen in mir aufzunehmen vermag. Im Bür^erbräu sprach Hitler und ich saß als Unbekannter da. Nach dreistündiger Rede sah ich förmlich einen Heiligenschein um Hitler. Ich erhob mich, ging auf ihn zu und nannte meinen Namen, jawohl, ich bin stolz darauf, ich habe meine Bewegung Hitler übergeben, das war meine Tat. 1923 nahm er an dem bekannten Marsch durch München teil. Hitler hatte ihn ersucht, nach München zu kommen, durch Handschlag verpflichtet, gemeinsam nach Norddeutschland zu marschieren, um dem Chaos dort ein Ende' zu bereiten. Die Vorbereitungen zu diesem Marsch lag in seinen Händen. Es kam ^anders, er wurde verhaftet, kam nach Landsberg. 1924 Abgeordneter im Bayrischen Landtag, 1925 Gauleiter von Franken und 1933 Reichstagsabgeordneter. 1924 erhielt er den Ehrentitel eines SA.-Gruppenführers. 1940 im Februar wurde er beurlaubt und lebte auf seinem Hof. Ende April 1945 ging er nach Tirol und wollte in den Freitod. 20 Jahre habe ich vor der Weltöffentlichkeit gestanden. Ich will nicht durch Freitod enden. Ich will als Wahrheitsfanatiker meinen Weg gehen, mag er sein,, wie er will. Meine Zeitung „Der Stürmer“ •trug den Untertitel „Wochenblatt zum Kampf um die Wahrheit“. Und mit 80 bis 90% habe ich stets überzeugt die Wahrheit bekannt. :Schließlich beschwerte er sich darüber, daß man bei seiner ’ Gefangennahme nicht gerade glimpflich mit ihm umging. Vier Tage mußte er völlig entkleidet in einer Zelle zubringen und er bekenne es offen, ein jüdischer Arzt in Wiesbaden nahm sich seiner an. Auch im Gefängnis in Nürnberg werde er korrekt behandelt. Sein Verteidiger stellte nun an ihn einige Fragen. Wie sollte die Parole „Los von Versailles“ durchgeführt werden? Streicher antwortete: Es gibt in jedem Volk Verräter, so wie heute hier einer saß (der Zeuge von Givelius war damit gemeint), der amerikanische Ankläger Jackson ist sofort zur Stelle, unterbricht Streicher und protestiert beim Gericht darüber, daß der Angeklagte sich erlaubt, derartige Äußerungen zu tun. Noch während das Gericht berät, ruft Streicher: „das ist mir entschlüpft“. Das Gericht verwarnt Streicher und untersagt ihm derartige Beleidigungen. Sein Anwalt tut das gleiche. Dr. Marx fragt weiter: Was meine Hitler mit verschworene Gemeinschaft? Streicher antwortet: seine Anhänger waren in der Gesinnung und mit dem Herzen ihm verbunden, sonst hätte Hitler ja von einer Verschwörer-Gemeinschaft gesprochen. Bezüglich der Judenfrage äußert sich Streicher, daß vor 1933 von einer Lösung dieser Frage niemals gesprochen wurde. Kurz vor dem 1. April 1933 befahl mich Hitler ins BRAUNE HAUS nach München und sagte mir, die Auslandspresse betreibe eine maßlose Hetze gegen das Dritte Reich, trotz Hindenburg, trotz Parlament seien die Hoheitszeichen beleidigt worden. Zur Warnung sollte ein Antiboykott-Tag am 1. April 1933 durchgeführt werden. Mit der Durchführung beauftragte Hitler mich. Er hielt es für gut, sich meines Namens dafür zu bedienen. Ich hatte eine Anordnung für diesen Tag herausgegeben, wonach kein jüdisches Leben angegriffen werden durfte. Vor jedem Geschäft stellte ich ein oder mehrere Posten, deren Aufgabe es war, Leben und Eigentum der Juden zu schützen. Der Tag ist tadellos verlaufen. Es wird wohl kein Jude hier sein (stimmte genau, das muß ihm sein Nachbar auf der Anklagebank, der Herr Dr. jur. Kaltenbrunner, verraten buben), der das Gegenteil behaupten kann. Dr. Marx befragte ihn dann zum Thema Rassengesetze. Streicher sagte, mit der Verkündung dieser Gesetze 1935 sei er völlig überrascht worden. Mitgearbeitet an den Gesetzen habe er direkt nicht. Wohl habe er seit Jahren gefordert, daß man eine Verschmelzung deutschen Blutes mit jüdischem Blute verbieten solle. Dabei habe er sich das jüdische Volk zum Vorbild genommen. Das jüdische Volk sei ein Vorbild für sämtliche Rassen nach dem Gesetz Mose, das da lautet: Wenn Du in ein fremdes Land kommst, sollst Du Dir nicht eine fremde Frau nehmen. ESRA habe die Rassengesetze eingeführt und nur deshalb haben die Juden alle anderen Nationen überdauert. Nun weiter, Herr Anwalt, befiehlt Streicher, und Dr: Marx fragt: wie haben Sie sich die endgültige Lösung der Judenfrage vorgestellt? Mit der Verkündung der Rassengesetze — antwortete Streicher —, war ich der Meinung, die endgültige Lösung der Judenfrage in Deutschland sei bereits erfolgt. 1848 wurden die Juden Staatsbürger in Deutschland und 1935 wurden ihnei: diese Rechte wieder abgenommen. Damit war für mich die Judenfrage in Deutschland gelöst, und zwar im Sinne des Zionismus. Hierauf winde die Vernehmung abgebrochen und auf einen späteren Zeitpunkt vertagt. In der kommenden Nummer bringen wir die Fortsetzung und einiges, was wir zu diesem Thema zu sagen haben werden. Hans Frey. Erster Prozeß wegen Judenpogrom Der erste große Prozeß vor einem deutschen Gerichtshof gegen 62 Deutsche, die im November 1938 die Synagoge von Treuchtlingen zerstörten und Gewalttaten gegen jüdische Mitbürger verübten, begann am Dienstag in Weißenb u r g bei Nürnberg. Als erster Angeklagter wurde der ehemalige Kreisleiter der NSDAP., Michael Gerstner, vernommen, der bis 1945 erster Bürgermeister in Weißenburg war. Gerstner wird beschuldigt, zusammen mit dem Angeklagten Georg Sauber in seiner Eigenschaft als Kreisleiter die in der 11

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