Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 2/3 (6.5.1946)
- Date
- 1946-05-06
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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Nacht vom 9. zum 10. November 1938 durchgeführte Aktion gegen die jüdischen Einwohner seines Kreises geleitet zu haben. Es wird ihm vorgeworfen, daß er sowohl an dem Progrom in Treuchtlingen wie in Ellingen beteiligt war. Außerdem soll er aus der Synagoge in Treuchtlingen Gegenstände, die zum Gottesdienst bestimmt waren, entwendet und in seinem Auto fortgefahren haben. Der Angeklagte bestritt alle ihm zur Last gelegten Beschuldigungen. Er habe nie etwas gestohlen, behauptet er, und von dem Befehl, etwas gegen die Juden zu unternehmen, habe er erst später erfahren. Er erklärte, daß er in der fraglichen ' Nacht mit seinem Auto gefahren sei und die Synagoge brennen sah. Auf die Frage des Vorsitzenden, wer das Feuer gelegt habe, antwortete der Angeklagte: „Das weiß ich nicht!“ Er habe auch nichts gegen den Brand der Synagoge und die Zerstörung und Plünderung jüdischer Wohnungen unternommen, da der Befehl, an den er sich ursprünglich nicht erinnern konnte, zu diesen Maßnahmen von oben gekommen sei. Deshalb habe auch die Polizei nicht eingegriffen, erklärte er. Im übrigen versuchte der Angeklagte, die Schuld auf den Mitangeklagten Sauber zu schieben. Auf die Frage des Staatsanwalts: „Was hätten Sie bei'einem Befehl unternommen, nach dem Sie die Häuser der Nichtparteigenossen hätten anzünden sollen?“ antwortete Gerstner: „Ich hätte nichts gemacht.“ Staatsanwalt: „Warum?“ Gerstner: „Gegen Deutsche hätte ich nichts unternommen.“ : Staatsanwalt: „Und Juden waren keine Deutschen?“ Gerstner: „Nein, nach unserer Auffassung nicht, sie hatten r weniger Rechte.“ Nach Gerstner wurde die ^Angeklagte Nora Apitz vernommen. Die Angeklagte war in der Partei und gehörte außerdem der NS.-Frauenschaft an. Sie soll die SA., die bei einem Juden namens G u t m a n in Treuchtlingen geplündert hatte, veranlaßt haben, zurückzukehren, um weitere Zerstörungen anzurichten. Bei einem anderen Juden hatte sie Betten und Polstermöbel aufgeschlitzt, außerdem soll sie Benzin zum Anzünden der Synagoge herbeigetragen haben. In der Anklageschrift heißt es: „Einer um Hilfe rufenden Jüdin namens K u 1 a u e r hat sie zugerufen: Schau, daß du rauskommst, Judensau, sonst erschlagen w ir die h.“ Zu allen diesen Punkten leugnete Nora Apitz ihre Schuld. ,^Ich war nur aus Neugierde in den Häusern“, rief sie aus. Sämtliche anderen Angeklagten, die vor Gericht erschienen, bestritten ebenfalls ihre Schuld. Von den schätzungsweise 30 jüdischen Familien, die sich bis 1938 in den Städten Weißenburg, Treuchtlingen und Ellingen auf hielten,» ist noch niemand zurückgekehrt. Die Staatsanwaltschaft wird einen der Ueberlebenden, Gutm a n, der sich in Augsburg aufhalten soll, als Zeugen vorladen lassen. Der Staatsanwalt hofft, daß zwei weitere Zeugen, die in den Vereinigten Staaten sind, ebenfalls vor Beendigung des Prozesses in Weißenburg erscheinen werden. Das Verfahren wurde auf Anregung der Militärregierung vom Amtsanwalt Wilhelm Heldmann und dem Polizeichef von Weißenburg, Ernst Eichhorn, in den letzten vier Monaten vorbereitet. Die Angeklagten, Einwohner von Weißenburg, Treuchtlingen und Ellingen, waren Mitglieder der NSDAP, oder angeschlossener Gliederungen. Unter den 62 Angeklagten befinden sich 8 Frauen. Drei der Hauptangeklagten befinden sich zur Zeit noch in amerikanischen Internierungslagern. Ihr Fall wird in Abwesenheit verhandelt. Die Dauer des Prozesses wird auf drei Wochen geschätzt. Ueber den Ausgang des Prozesses werden wir berichten. Nietzsche und die Juden Friedrich Nietzsche, der die Maxime aufgestellt hat: „Mit keinem Menschen umgehen, der an den verlogenen Rassenschwindel Anteil hat“, wurde von den Nationalsozialisten zu dfem deutschen Philosophen erhoben. Sie machten ihn zum Künder des germanischen Uebermenschen und damit zum Rufer im Streite gegen das Untermenschentum der einzuverleibenden Völker. Dies gelang ihnennur durch geschickte Auslassungstechnik, die dem unwissenden Zuhörer weismachen wollte, der Nietzsche sei bereits „alter Kämpfer“ gewesen. Um dieser allgemein verbreiteten Ansicht zu begegnen, bringen wir die andere Meinung Nietzsches, die bisher verschwiegen wurde. „Die Juden sind im unsicheren Europa die stärkste Rasse: sie sind dem ganzen West Europas überlegen durch die Länge ihrer Entwicklung. Ihre Organisation setzt ein reicheres Werden, eine größere Zahl von Stufen voraus, als unsere übrigen Völker aufweisen. Aber das ist beinahe eine Formel für Vollkommenheit.“ „Eine Rasse, wie irgendein organisches Gebilde, kann nur wachsen oder zugrunde gehen: es gibt keinen Stillstand. Eine Rasse, die nicht zugrunde gegangen, ist eine Rasse, die immerfort gewachsen ist. Vielleicht gilt auch hier, daß Wachsen so viel wie Vollkommener-Werden heißt. Die Dauer ihres Daseins entschiede dann über die Höhe ihrer Entwicklung: die älteste müßte die höchste sein.“ „Die Juden haben im modernen Europa an die supremste Form der Geistigkeit gestreift: diese ist die geniale Buffonerie. Mit Qffenbach, mit Heinrich Heine ist die Potenz der europäischen Kultur wirklich überboten: in dieser Weise steht es den anderen Rassen noch nicht frei, Geist zu haben. Die älteste und späteste Kultur Europas hat Paris: aber die verwöhnten Pariser, solche wie die freres de Goncourt, haben Heinrich Heine die Ehre gegeben, zusammen mit dem Abbe Galiani und dem Fürsten von Ligne die sublimste Form des esprit Parisien darzustellen!“ Betrifft-: Die Benutzung der Abteilungen für Schwerkriegsbeschädigte s Der Herr Oberpräsident der Nord-Rheinprovinz, Abteilung Volkswohlfahrt/54, Aktenzeichen Tgb. Nr. IV/1944 hat mit Erlaß vom 23. 4. 1946 folgendes verfügt: „Wiederholt ist durch die beteiligten Personen und Vereinigungen bei mir darauf angedrungen worden, daß kranken und schwachen ehemaligen Insassen von Konzentrationslagern, sowie anderen politisch und rassisch Verfolgten die Benutzung von Schwerkriegsbeschädigtenabteilen bei der Reichsbahn ermöglicht wird. — Alle rassisch und politisch Verfolgten erhalten in nächster Zeit einen besonderen Ausweis. Für die schwerbeschädigten aus diesen Kreisen sollen die Betreuungsstellen der Stadt- und Landkreise den gleichen Ausweis wie er. für Schwerkriegsbeschädigte und < die ihnen Gleichgestellten gilt, auf Grund* einer die Schwerkriegsbeschädigteneigenschaft anerkennenden Bescheinigung des Arztes des zuständigen Gesundheitsamtes, auss'tellen.“ Wir begrüßen diese Maßnahme auf das lebhafteste und hoffen, daß diese in der ganzen englischen Zone Nachahmung findet. m Kalendarium 5706—1946 30. Nissan 1. Tag Rosch Chodesch Mittwoch, 1. Mai 1. Jjar 2. Tag Rosch Chodesch Donnerstag, 2. Mai 2- „ « Freitag, 3. Mai 3. „ 4. „ Kedoschim Samstag, 4. Mai Sonntag, 5. Mai 5. „ Montag, 6. Mai 6. „ 7- „ 8. „ 9. „ Dienstag, 7. Mai Mittwoch, 8. Mai .Donnerstag, 9. Mai Freitag, 10. Mai 10. „ 11- „ 12. „ Emor Samstag, 11..Mai Sonntag, 12. Mai Montag, 13. Mai 13. „ 14. „ 15. „ 16. „ Dienstag, 14. Mai Mittwoch, 15. Mai Donnerstag,16. Mai Freitag, 17. Mai 17. „ Behar Samstag, 18. Mai 18. 19. „ Lag beomar Sonntag, 19. Mai Montag, ■ 20. Mai 20. „ 21. „ Dienstag, 21. Mai Mittwoch, 22. Mai 22. „ 23. „ Donnerstag,23. Mai Freitag, 24. Mai 24. 25. „ Bechukotei — Roschchodesch benschen Samstag, 25. Mai Sonntag, 26. Mai Herausgeber und für den Inhalt verantwortlich: Hans Frey, Düsseldorf, König sali ee]|2 7. Veröffentlicht mit Genehmigung der Nachrichtenkontrolle* der Militärregierung. Druck von L. Schwann, Düsseldorf 6657/46 *