Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 1 (1946-1947)
- Issue
- 2/3 (6.5.1946)
- Date
- 1946-05-06
- Page
- Seite 9 (sequence 5)
- Language
- German
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Freiheit, die Freiheit der Anarchie, sondern die sittliche Freiheit. Sie kann nur durch Selbstbeschränkung der einzelnen Menschen verwirklicht werden. Das Leben der Völker unterliegt den gleichen Gesetzen wie das Leben der einzelnen Menschen. Die Freiheit der Völker kann nach der Lehre der Bibel nicht durch den Krieg verwirklicht werden, sondern nur durch den allgemeinen Frieden, der die Freiheit der Völker durch die Einschränkung der Ehrsucht, Habsucht und Herrschsucht sicherstellt. Die Lehren der Bibel sind heute genau so wahr wie vor zwei oder drei Jahrtausenden. Die Bibel ist ein unversiegbarer Quell ewiger Weisheit. Sie ist das Buch der Bücher. Wir Juden sind stolz darauf, daß die Bibel unser Buch ist. Unsere Väter haben sie durch göttliche Eingebung empfangen und niedergeschrieben, wir haben dieses kostbare Erbe unserer Väter unter unsagbaren Leiden: durch die Jahrtausende getragen und erhalten. Deutschland hat die Mahnung des Propheten Sacharja „Nicht durch Macht und nicht durch Gewalt, sondern durch meinen Geist“ zweimal in den Wind geschlagen, Deutschland hat zweimal an die Gewalt appelliert. Die Folgen des Appells waren der schlimme Zusammenbruch von 1918 und der schlimmere Zusammenbruch von 1945. Wir alle kennen aus dem Buche Daniel die Geschichte von der Flammenschrift an der Wand, die dem Könige Belsazar von Babylon erschien und ihm den Untergang seines Reiches verkündete. Mene tekelupharsin — gezählt sind die Tage deines Reiches, du wurdest gewogen und zu leicht befunden, dein Reich wird zerstört werden. Eine gleiche Warnung hat die Welt unserer Tage erhalten. Mene — gezählt sind die Tage — das war der erste Weltkrieg. Sein Ergebnis war die Zerschlagung der abendländischen Zivilisation durch Auslösung aller menschlichen Leidenschaften. Tekel — du wurdest gewogen und zu leicht befunden — das war der zweite Weltkrieg. Die menschliche Kultur muß untergehen, wenn die hohe Kraft der Wissenschaft in den Dienst der Zerstörung gestellt wird. Die dritte Mahnung wäre Upharsin — das Reich wird zerstört werden. Wenn die. Atomkräfte, die kosmischen Gewalten der Urzeit, in einem dritten Weltkrieg einmal entfesselt werden sollten, so wäre das Ende der gesamten Menschheit gekommen. Möge die Erkenntnis und Befolgung der ewigen Wahrheiten der Bibel die Menschheit vor diesem Schicksal bewahren! Amtsgerichtsrat Dr. Arthur Asch. Sederfeier in Düsseldorf Die Synagogengemeinde Düsseldorf hatte ihre Mitglieder zu einer gemeinsamen Sederfeier eingeladen. Zum ersten Male erwies sich seit Bestehen der Betsaal im Oberlandesgericht als viel zu klein, um alle Erschienenen aufzunehmen. Nach, dem Gottesdienst fuhren bereitstehende Autobusse die Teilnehmer zu den Henkelwerken nach Reisholz. Der große Speisesaal der Firma, vom Betriebsrat zur Verfügung gestellt, war festlich hergerichtet. Blumen und Lichte erweckten eine feierliche Stimmung. 160 Gemeindemitglieder und englische Soldaten waren der Einladung gefolgt. Ein wirklich seltenes Bild wies die Tafel auf. Männer und Frauen, die noch vor Jahresfrist in den Konzentrationslagern schmachteten, der Verzweiflung nahe, dem Hunger und Elend preisgegeben, nicht wissend, ob sie den folgenden Tag überleben würden, waren heute zum ersten Male nach all den grausigen Erlebnissen der letzten 13 Jahre Teilnehmer eines Festes, des Pesachfestes, des Festes der Befreiung. Das wird jedem Teilnehmer unvergeßlich bleiben. Ein wahres Fest der Freiheit. Man sah es den Teilnehmern an, wie froh und glücklich sie waren, zu den ganz wenigen zu gehören, die dem schon sicheren Tode entronnen waren. Mit Andacht folgten sie der Erzählung der Hagadah. Dr. Auerbach trug sie in hebräischer und deutscher Sprache mit Inbrunst vor; das erinnerte jeden an sein Elternhaus, an eine lange verflossene Zeit, die an diesem Sederabend wieder Gegenwart wurde. 160 Menschen folgten der Erzählung mit Andacht und feierlicher Stille. An dem gemeinsamen Essen nahm auch der Betriebsrat der Firma Henkel teil. Im weiteren Verlauf des Abends erschien der Düsseldorfer Oberstadtdirektor Dr. Kolb. Herr Kirberg vom Betriebsrat der Firma Henkel begrüßte die Erschienenen und hieß sie in den Räumen der Firma Henkel herzlich willkommen. Wir wollen-uns, nach den 13 Jahren der Haßpolitik wieder einander verstehen lernen, so führte er aus. Wir wollen nie wieder erleben, was in den letzten 13 Jahren in Deutschland geschehen ist. Deutschland war ein einziges Konzentrationslager. Es gab aber doch Menschen, die der Nazipolitik wiederstanden. Der Vorsitzende der Synagogengemeinde Düsseldorf, Herr Dreifuß, dankte dem Betriebsrat für die Gastfreundschaft für den Sederabend. Herr Direktor Seelig. dankte denen, deren unermüdliche Arbeit diesen Abend ermöglicht hatte, besonders Herrn Dr. Auerbach und Frau Dreifuß, die ständig bemüht ist, für das Wohl der Gemeindemitglieder zu sorgen. Dies habe der Sederabend gezeigt. Im Verlauf des Abends nahm auch Herr Dr. Kolb das Wort. Er freue sich von Herzen, daß er als Christ das Passahfest mit uns feiern könne. Er kenne genau das Los, das alle unsere Glaubensgenossen, Männer und Frauen, Alte und Junge, zu erdulden hatten. Ein Gebot der Ehrlichkeit verlange es auszusprechen, daß jeder anständige Mensch unser Los bedauert und alles daransetzt, uns zu helfen. Die menschliehe Duldsamkeit und die menschliche Toleranz müsse wieder Wirklichkeit werden; dazu sollen die Aufführungen ven Nathan dem Weisen auf den Düsseldorfer Bühnen beitragen. Denn gerade hier werde der Geist der Duldsamkeit und der gegenseitigen Achtung meisterhaft verauschauliclit. Gerade wir könnten in der Welt aufklärend wirken, allesamt durch demokratische Ideen einander achten, helfen und lieben. Das wäre die rechte Botschaft des Passahfestes. Auf Vertrauen und Verstehen, auf die freien Rechte und, Pflichten im sozialgeeinten deutschen Vaterlande, auf das Blühen und Gedeihen aller jüdischen Gemeinden in Deutschland, auf Einigkeit und Recht und Freiheit leerte er sodann sein Glas. Die Anwesenden spendeten diesen Ausführungen starken Beifall. Dr. Auerbach dankte dem Oberstadtdirektor für seine Worte. Er trank auf das Wohl der Stadt Düsseldorf und des Oberstadtdirektors. Er habe mit großer Genugtuung davon Kenntnis genommen, daß man alles daransetzen wolle, uns zu helfen. Er wies darauf hin, daß allein in der Nord-Rheinprovinz von 90 000 Juden nur 20ÖQ zurückgekehrt sind. Aber allen Gewalten zum Trotz habe idiese kleine Schar sich erhalten. Das Blut unserer Brüder könne nicht abgewaschen werden. Wir wollten keine Rache, keine Vergeltung. Wir fordern, daß man das an uns begangene Unrecht wieder gut macht, das ist das Mindeste. Entnazifizierung ist ein schönes Schlagwort, aber mit Schlagwörtern ist uns nicht geholfen. Der wohlgelungene Abend fand erst in vorgerückter Stunde sein Ende. Autobusse brachten die Teilnehmer nach Düsseldorf zurück. Mit erschreckender Deutlichkeit sahen wir, daß insgesamt nur 4. Kinder im Alter von 5 bis 14 Jahren da waren. Die jüdische Jugend existiert nicht mehr, sie ist ermordet. Das ist eine furchtbare Tragik. Wir wußten es, aber dieser Abend führte es uns noch einmal vor Augen. Hans Frey. Pesach in Wuppertal und Aachen Die Pesach-Feiertage haben wir zum ersten Male in der Freiheit feiern können. Nach dem großen Sederabend in Düsseldorf stattete der Vorsitzende des Landesverbandes, Dr. Ph. Auerbach, der Gemeinde Wuppertal einen Besuch ab, wo sich die gesamte Gemeinde zu einem Gottesdienst mit anschließender Festpredigt zusammenfand. Am zweiten Abend wurde unter Leitung des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Aachen, Herr Loewendahl, in traditioneller Weise der Seder dort gefeiert. Besonders dankbar wurde die Anwesenheit des Vorsitzenden des Landesverbandes von den Anwesenden empfunden und dieser begrüßte mit herzlichen Worten den Regierungspräsidenten von Aachen, Ph. Lude, der es sich nicht nehmen ließ, diesen Abend in unserem Kreise zu feiern, ein lebendiger Beweis für die Einstellung eines wahren Demokraten. — Wenn es unseren Gemeinden in der Nord-Rheinprovinz und Westfalen möglich war, eine ernährungsmäßige Besserstellung zu den Feiertagen zu gewährleisten, so müssen wir nicht nur unserer Pflicht genügen, sondern dem Wunsch unserer Gemeinden und ihrer Mitglieder nachkommen und dem JOINT in erster Linie, dem Jewish Relief Unit, Chief Rabbi of Cainzil und larst not plist dem Jewish Zentral Kommittee unseren innigsten Dank für die vortreffliche Spende aussp’echen. Die Spenden haben es uns ermöglicht, nicht nur den hiesigen Gemeinden zu helfen, sondern auch den Gemeinden der französischen Zone bis nach Mainz durch brüderliches Teilen dessen, was wir erhielten, die Zusammengehörigkeit zu beweisen. 9