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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1946-05-06 · 2/3 (6.5.1946) · p. Seite 8

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
1 (1946-1947)
Issue
2/3 (6.5.1946)
Date
1946-05-06
Page
Seite 8 (sequence 4)
Language
German
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Vertragstreue ist auch Pflicht dem Feinde gegenüber. Es ist verboten, dem Feinde gegenüber Falschheit anzuwenden und ihm gegenüber treubrüchig zu werden. Es war unzulässig, ein Abkommen zu schließen mit dem inneren Vorbehalt, es bei passender Gelegenheit zu brechen. Das Dritte Reich basierte auf dem Machtgedanken, auf dem Grundsatz, daß Macht auch Recht ist. Die jüdische Auffassung lehnt den Machtgedanken ab und stellt den Rechstgedanken in den Vordergrund. Sie ist sich darüber klar, daß jede Macht der Erde irgendwann auf eine stärkere Macht treffen und ihr erliegen muß. Es war um das Jahr 520 v. Chr. Eben war Darius König von Persien geworden. /Überall in der großen persischen Monarchie tobten Aufstände. Führer der damals in babylonischer Verbannung lebenden Juden war Serubabel, ein Mann aus Davids Hause. Auch Serubabel trug sich mit Aufstand splänen. Aber ein Prophet, namens Sacharja, trat ihm entgegen und rief ihm zu: „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr Zebaot“. Serubabel sollte also auf Gewalt verzichten und durch die Macht des Geistes, also durch Verhandlungen mit König Darius, die Rückkehr des jüdischen Volkes nach Palästina herbeiführen. Das gelang dann auch. Bereits im Jahre 516 v. Öhr. wurde der neue Tempel in Jerusalem wieder eingeweiht. Dieser jüdische Staat unter persischer Oberhoheit wurde 70 Jahre später von Esra und Nehemia reorganisiert. Es lag nahe, die Samaritaner einzubeziehen und einen Machtstaat zu errichten. Die Gelegenheit war nicht ungünstig, denn der persische König Artaxerxes Longimanus war ein schwacher Monarch. Aber Esra und Nehemia nahmen diese Gelegenheit nicht wahr. Sie zogen es vor, alles Fremde aus dem "jüdischen Volke zu entfernen, so daß nur ein kleiner Rest übrig blieb, zu klein für den Kampf um die Macht, aber um so stärker gerüstet für den Kampf gegen Geister. Die Geschichte hat ihren Gedankengang als richtig erwiesen, der kleine Rest des jüdischen Volkes hat die Jahrtausende überdauert, er besteht, während von den Machtstaaten jener Zeit nur die geschichtliche Erinnerung übrig geblieben ist. Die Gedankengänge von Esra und Nehemia waren die folgerichtige Fortbildung der Ideen der jüdischen Propheten. Die Propheten hatten das sittliche Problem der Weltgeschichte begriffen. Sie sahen ein Vergängliches und ein Dauerndes im Leben der Völker. Vergänglich ist alles, was nur der Macht dient. Alle Macht, alle Gewalt ist nur dazu da, um früher oder später zusammenzubrechen. Bleibend ist allein das Geistige, die Idee des Guten, der Gerechtigkeit. Wir beten an jedem Samstag: „Deine Gerechtigkeit ist gerecht für immer“ — sie kann unterdrückt, aber niemals besiegt oder vernichtet werden. — Der Krieg spielt im Völkerrecht der Bibel eine nur geringe Rolle. Bevor ein Krieg begonnen wird, soll der Feind zum Frieden aufgefordert werden. Wenn der Krieg unvermeidlich ist, dann muß er nach den Grundsätzen der Menschlichkeit geführt werden. Vor fast 2000 Jahren hat ein jüdischer Weiser, Rabbi Simon ben Gamaliel, das Wort geprägt: „Auf drei Dingen beruht die Welt, auf der Wahrheit, auf der Gerechtigkeit und auf dem Frieden.“ Man könnte glauben, daß dieser Spruch eigens dazu geprägt wurde, um über der Eingangspforte des Friedenspalastes der Vereinten Nationen in goldenen Lettern zu leuchten. Die Idee des Weltfriedens ist eine jüdische Idee, die von unseren Propheten entwickelt ist. Für sie ist der Gedanke des Weltfriedens die folgerichtige Fortbildung der Ueberzeugung von der Gerechtigkeit Gottes. Nicht im Kampfe verwirklicht Gott seinen Weltenplan, sondern in friedlicher, harmonischer Entwicklung. Ein Talmudlehrer, Rabbi Josua ben Levy, sprach aus: „Groß ist der Friede, denn hätte der Heilige, gelobt sei er, nicht den Frieden dem Lande gegeben, so würden es das Schwert und die wilden Tiere menschenleer gemacht haben.“ Den Gedanken, daß der Friede der Vater aller Dinge ist, hat der große Kriegsheld David damit zum Ausdruck gebracht, daß er seinen spät geborenen Sohn Schelomo, d. h. den Friedfertigen, nannte. Nur der Mann des Friedens, Schelomo, nicht der Krieger David war würdig, Gottes Tempel zu bauen. Frieden zu stiften, wird als ein besonderes Verdienst angesehen. Die Politik des Dritten Reiches war die Politik der zweiseitigen Verträge. Das war so gemeint, daß der Partner jeweils seine Politik nach dem Willen des Dritten Reiches führen sollte. Soweit Frieden war, sollte es ein Frieden zwischen zwei Partnern sein. Das steht mit der jüdischen Auffassung vom Frieden nicht im Einklang. Der Frieden, den die Propheten wollen, ist der allgemeine Frieden. Die tiefsten Geheimnisse eines Volkes sind in seiner Sprache enthalten. Man kann ein Volk nur dann ganz verstehen, wenn man seine Sprache kennt. Das hebräische Wort für Frieden „Schalom“ ist nicht identisch mit seinem deutschen Gleichwort. Wie aus dem deutschen Namen Siegfried ersichtlich ist, versteht der Deutsche unter Frieden den Zustand, der dem Siege folgt, Frieden kann sich der Deutsche nur nach Besiegung seines Feindes denken. Dem Frieden muß der Kampf vorangehen, deshalb spricht man im Deutschen vom Frieden des Grabes, der dem Lebenskämpfe folgt. Im Jahre 1917 regte der amerikanische Präsident Woodrow Wilson einen Frieden ohne Sieger und Besiegte an. Die damalige deutsche Regierung ging auf die Anregung nicht ein, weil ein solcher Frieden für deutsche Begriffe nicht vorstellbar war. Der Sinn des hebräischen Wortes für Frieden Schalom ist ein ganz anderer. Schalom heißt ursprünglich Wohlbefinden, Wohlergehen, Heil. Der deutsche Historiker Friedrich Meinecke sieht die bewegenden Kräfte der Weltgeschichte in den sich widerstreitenden Tendenzen zum Weltbürgertum und zum Nationalstaat. Nach jüdischer Auffassung löst sich der Streit der Nationalstaaten in der künftig vereinten Menschheit. Im Ergebnis sind somit die Ideale der Propheten mit der Sehnsucht unserer Zeit identisch. Ihr Ausgangspunkt ist jedoch verschieden. % Der Gott des Mose ist noch der Nationalgott Israels. Nach prophetischer Auffassung ist Gott der Gott aller Völker, der Gott der gesamten Menschheit. Daraus ergibt sich die Einheit des Menschengeschlechtes und damit der allgemeine Frieden. In der Gegenwart ist der Friedensgedanke aus der in furchtbaren Leiden errungenen Erkenntnis der Menschheit erwachsen, daß die Zerstörungsgewalt der im Kriege eingesetzten chemischen und physikalischen Kräfte nur zum Untergang führen kann. Um zu einem geordneten Zusammenleben der einzelnen Menschen zu gelangen, mußten die Urleidenschaften der Ehrsucht, Habsucht und Herrsch- _ sucht eingedämmt werden; damit ein friedliches Zusammenleben der Völker möglich ist, müssen die einzelnen Staaten auf einen Teil ihrer schrankenlosen Gewalt verzichten. Die Zukunft der Menschheit ist die Zeit der Versöhnung. Für diese Versöhnung hat die Bibel das Wort Schalom — Frieden geschaffen. Der Frieden, von dem unsere Propheten sprechen, ist nichts Sentimentales, nichts Schwärmerisches. Er ist nicht der Frieden des Grabes, sondern schließt eine sittliche Aufgabe in sich, er bezeichnet den Weg, den die Menscheit gehen soll. Alles Streben nach Macht läßt den Menschen ruhelos und unstät werden. Wo der Frieden ist, dort ist das Reich Gottes, der Frieden ist die Welt, in der das Gute erfüllt wird, in der der Mensch zur Einheit mit Gott kommt. Das ist das jüdische Bild der kommenden Zeit. In ihr wird aller Frevel, alle Zwietracht und aller Krieg verschwunden sein, die menschliche Gemeinschaft und die Gemeinschaft der Nationen wird sich auf Wahrheit und Gerechtigkeit, auf Frieden und Freiheit gründen. Das ist auch der Ausgangspunkt, von dem die Menschheit der Gegenwart alle ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft herleitet. Seit hundert Generationen bewegt die Idee vom allgemeinen Frieden, die Idee des Weltfriedens die besten Köpfe der Menschheit. Die Geschichte dieser Idee führt uns vom Propheten Jesajas über das neue Testament, über Augustinus, Albertus Magnus, Baruch Spinoza, Immanuel Kant, Hermann Cohen, Woodrow Wilson zu Delano Roosevelt, Truman und Attlee. Immer wieder sind von den führenden Köpfen die Grundgedanken herausgestellt worden, die bereits von den jüdischen Propheten vor fast drei Jahrtausenden ausgesprochen worden sind. Nicht mit Unrecht hat man die Propheten als die Sturmvögel der Weltgeschichte bezeichnet. IV. Die Gegenwart hat in vieler Beziehung nicht etwas Neues geschaffen, sondern nur alte jüdische Gedanken hier und da fortentwickelt. Der Staat soll die Freiheit verwirklichen, nicht unterdrücken. Verwirklicht werden soll nicht die schrankenlose S

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