Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 299 (sequence 315)
- Language
- German
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sich dann um, blickte auf die Pendeluhr im Zimmer, reckte sich mächtig in die Höhe, und einen plötzlichen Entschluss fassend, trat er auf Reb Jissroel Isserlheimer zu. „Reb Jissroel", sprach er, „versorge mir schnell einen Fiaker. Noch heute, binnen einer Stunde, muss ich einziehen!" Reb Jissroel ging schnell auf die Thüre zu und nahm sich vor, einen unnumerierten Gummiradier zu holen. Wenn der Messias kommt, lässt sich ein Reb Jissroel Isserlheimer nicht lumpen! Als er aber schon in der Thüre stand, fiel ihm abermals etwas ein. Seine Augen wurden wieder starr, diesmal infolge eines Gefühls, das zwischen Staunen und Zweifel die Mitte hielt. Durch die unangenehme Sache mit der Brochoh war sein halachisches Gewissen, das in der Aufregung des ersten Moments aufgehört hatte, so lebhaft wie gewöhnlich zu schlagen, wieder zu voller Regsamkeit erwacht, und anstatt das Zimmer zu verlassen und einen Wagen zu holen, drehte er sich wieder um und fragte den Gast: „Messias! Du willst mich doch nicht versuchen? Meinst Du, ich weiss nicht, was für den Messias vorgeschrieben ist? Meinst Du, weil ich ein Talmudist bin, kenne ich einen einfachen Possuk aus Thenach*) nicht?" „Welchen Possuk?" fragte der Messias, und auf seiner Stirne erschienen zwei mächtige Falten. „Welchen Possuk?" erwiderte Reb Jissroel triumphierend. „Ich meine jenen Possuk, den ich aus Sanhedrin 99 und aus dem Sohar kenne, und in dem Possuk steht, dass der Messias kommen wird „oni werochew al assono", arm und reitend auf seinem Esel. Messias, Sohn Davids! Ich frage Dich: Wo ist Dein Esel?" Schon wollte der Messias zornig auffahren. Aber die Zeit drängte, und ihm war ein genauer Termin gestellt. Und so bezwang er sich und antwortete liebreich und überredend: „Reb Jissroel! Verzeih' mir, Du bist ein grosser Gelehrter, das sehe ich, aber den Possuk hast Du nicht verstanden. Der ist nur bildlich gemeint. Solange ich im Morgenlande reiste, hatte ich einen Reitesel, weil das in jenen Gegenden die gewöhnliche Beförderungsart ist. Aber in Europa benütze ich das Schiff, die Eisenbahn oder einen Wagen. Das ist doch selbstverständlich, und ein so kluger Mann sollte darüber kein weiteres Wort verlieren. Geh' und hole mir einen Wagen!" Nun meinte der Messias natürlich, dass er das Spiel gewonnen habe. Und vielleicht meint Ihr dasselbe^ Ja, freilich! Ich kenne Reb Jissroel Isserlheimer besser, und ich hätte Euch, und ich hätte dem Messias voraussagen können, dass Reb Jissroel Isserlheimer sich durch gar nichts und durch gar keinen Menschen von dem richtigen Wege ablenken lässt! *) Vers ans der Bibel. 299