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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 295

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 295 (sequence 311)
Language
German
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IRI
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DER STANDHAFTE REB JISSROEL ISSERLHEIMER. VON BERNHARD FUCHS (WIEN). Ich will euch eine Geschichte erzählen, eine wahre Geschichte, wie ich hinzufügen muss, weil ja doch heutzutage die meisten gescheiten Menschen schon wissen, dass die Geschichten dieser Herren Schriftsteller erfunden sind. Diese Schriftsteller haben das Publikum misstrauisch gemacht. Sie denken sich einen Mann — und sie denken sich ein Mädchen und sie denken sich, class die zwei heiraten: Ist das nicht ein Unfug? Was ich euch aber erzähle, das habe ich nicht aus dem kleinen Finger gesogen, das ist die leibhaftige AVahrheit; und wer daran nichtglauben mag, mit dem habe ich mir vorgenommen, allen Verkehr abzubrechen. Also die Dinge, die ich euch erzählen will, ereigneten sich in einer grossen Stadt, die ich nicht nenne. Ich habe meine Gründe für dieses Schweigen. Wäre ich zum Beispiel in Berlin oder Paris oder London, so würde ich den Namen dieser Stadt ohne Zögern preisgeben. Hier in Wien mag ich's nicht. Ebenso zurückhaltend muss ich in Bezug auf die Zeit sein, in der sich die folgenden Ereignisse abgespielt haben. Aber wenn ich zum Beispiel hundert Jahre weiter in meinem Leben hielte, so würde ich mich weniger genieren und ganz ruhig sagen: Vor hundert Jahren und so weiter. In dieser grossen Stadt also, die ich nicht nenne, und zu der Zeit, die ich nicht angebe, lebte ein grosser Gelehrter, ein Talmudist von reinstem Wasser, und sein Name war Heb Jissroel Isserlheimer. Schon sein Vater und sein Grossvater waren gelehrte Männer gewesen, in Gottes Lehre viel heimischer als auf den Pfaden dieser Welt, und sein Vater hatte sogar einige Jahre hindurch den Rabbinatsstuhl in einer altmährischen Gemeinde geziert, bis er sich rechtzeitig an den Satz unserer Weisen erinnerte, dass die Lehre keine Hacke sei, mit der man graben dürfe. Er stieg von seinem hohen Platze wieder in das gewöhnliche Leben hinab und half seiner Frau in dem Fellgeschäfte, das sie ihm in die Ehe mitgebracht hatte. Und diese Art, das Leben zu treiben, wurde von da ab vorbildlich für das Geschlecht derer von Isserlheimer. Auch der Isserlheimer, von dem ich erzähle, war Fellhändler und Talmudist zugleich. Seine Frau Chawe war im Geschäft sehr tüchtig und in allen Unternehmungen so energisch und umsichtig, dass Reb Jissroel Isserlheimer den grössten Teil des Tages dem Studium der heiligen Lehre widmen durfte. Er verwendete auch die Nächte zu demselben Zwecke, und in der ganzen Nachbarschaft war es bekannt, dass Reb Jissroel nur einmal in der Woche, nämlich in der Freitag-Nacht, sich seiner Kleider entledigte und wie ein gewöhnlicher Mensch zu Bette begab. Die übrigen sechs Tage aber 295

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