Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 279

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 279 (sequence 295)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
96% known words query
IRI
…/1112869-9323001--286-9304868
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Manchmal begann sie vor ihren Bekannten selbst von Moschele zu sprechen. Aber sie hatte Angst, die Mädchen könnten etwas vermuten. Und so schwieg sie lieber und freute sich umsomehr, wenn durch die andern die Rede auf ihn kam. Doch weit, sehr weit war sie von Moschele . . . Kein grösseres Glück konnte es für sie geben, als wenn sie Moschele „lernen" hören konnte. Ihre Mutter pflegte sie oft mitzunehmen, wenn sie zu Rebekka, der Mutter Moscheies, ging. Da stand Resele in der Küche, voll Freude und Angst, schüchtern und verzagt, und warf verstohlene Blicke durch die halbgeöffnete Thür ins anstossende Zimmer, wo Moschele lernte oder, Gebete sprechend, auf- und abging. 0, Moschele war ein so hübscher Mensch! Ein weisses Gesicht und prächtiges schwarzes Haar.. Und die Schläfenlocken fielen so zierlich und anmutig nieder. Und was er für Augen hatte! Schwarze, tiefe Augen, dass es eine Lust war, sie anzuschauen. Und wie süss seine Stimme war und wie weich ihr Tonfall! Wenn Resele so in der Küche stand und ins Zimmer nebenan lugte und lauschte, da dachte sie oft bei sich: Ob er sich wohl noch ihrer erinnert? Ob er noch an die Zeit des Laubhüttenfestes denkt, da sie mitsammen auf dem Felde aus dürren Zweigen ein lustiges Feuerchen entzündeten und er ihr seine rechte Hand darbot: Ewig will ich Dir treu sein? . . . Was ich mir alles einbilde! . ., fuhr sie dann fort in ihren Gedanken. Er soll noch an mich denken! Er an mich, an Resele, Scheindels Tochter! Und jedesmal, kaum dass sie ihn erblickte, schlug sie auch schon die Augen nieder und zog sich zurück. Er solle sie nicht sehen oder gar irgendwie gestört werden durch Erinnerungen. Aber einmal — da sah sie ihn und er sie. Sie war allein in Frau Rebekkas Küche. Die Hausfrau war nicht da, und die Dienstmagd war gerade fortgegangen. Da kam Moschele aus dem Bethause heim. Und Resele brachte ihm das Mittagessen. Da sah er sie an. Aber so gut sah er sie an! Das waren so liebe Worte, wie sie zu ihr nur die Mutter sprach an einem Sabbat, am Ende einer guten Woche. 0, sie verstand die Worte wohl, die seine Augen aussprachen: Er hat noch nicht die Zeit vergessen, da wir auf dem Felde das Feuer angezündet haben . . . * * * „Du bist doch krank, Du wirst ja nicht arbeiten können", sagte Frau Scheindel zu Resele, als diese bat, sie möge sie doch als Dienstmagd in Frau Rebekkas Haus geben. 279

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.